Viel zu bequem   

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Viel zu bequem

Jeder Mann hat seine Lieblingskleidung, die aber einen tragischen Lebenszyklus besitzt. Er beginnt mit dem Kauf und dem etwa 3 Monate dauernden Gewöhnen an diese Stücke. Weitere 6 Monate später sind sie dann in der gewünschten Form: schön kuschelig, weich und bequem. Aber dann heißt es schon Abschied nehmen, da deine Frau ganz anderer Meinung ist: aus der Mode, schon immer scheußlich gewesen (sag ihr nicht, daß sie sie ausgewählt hatte!), total aus der Form und schlicht unansehnlich. Bestenfalls bei der Gartenarbeit kannst du sie noch tragen - vorausgesetzt, die Nachbarn sind in Urlaub.

Alles beginnt, wenn dir dein viel besseres Ich am Samstagmorgen verkündet: „Schatz, wir sollten Dir heute mal einen neuen Pulli kaufen.“ Schauer jagen deinen Rücken hinunter. Proteste, daß du schon genug Pullis im Schrank hast, die alle kuschelig sind und schön aussehen, helfen nichts. Eheregel Nummer 1 tritt sofort in Kraft: Widerspreche niemals, auch nicht im Scherz, denn so etwas gibt es hier nicht, deiner Frau. Zuwiderhandlungen werden mit dem Erwerb von mindestens 50 roten Rosen, alternativ einem mit Samt ausgeschlagenen, gefüllten(!) Schächtelchen bestraft.

Also gehst du mit ihr einkaufen. Da sie zufällig auch ein paar Kleinigkeiten benötigt, fahrt Ihr in die Stadtmitte, parkt euren Wagen zentral am besten Damenschuhgeschäft und ersteht erst einmal zwei Paar Pumps. „Brauchst Du eigentlich auch etwas?“, wird sie fragen und gleich in die Herrenabteilung gehen. Sag besser nichts. Oder gib ihr wenigstens irgendeine Farbe vor, die sie dir heraussuchen soll, zum Beispiel „Ja, schwarze Slipper“. Sie wird zwar dann behaupten, du bräuchtest dringend ein paar mittelbraune, passend zu deiner braunen Kombination, die du eh nicht mehr tragen magst, weil du braun haßt, aber es klingt zumindest so, als ob du dich beteiligen würdest.

Wenn du eine so perfekte Frau hast wie ich, überläßt sie dir die Entscheidung.

Doch  Vorsicht!

Du mußt genau auf den Unterton oder die Betonung achten. „Ich finde die mit den Kordeln recht hübsch, aber die anderen sind auch nicht schlecht.“ Also sind die anderen indiskutabel, ganz besonders, wenn du sie dir selbst aus einem Regal gezogen hast, das sie zuvor gewissenhaft ohne Erfolg durchsucht hatte. Sie wird dir nie sagen, daß du akut oder gar chronisch mit Farbenblindheit geschlagen bist und demnächst im Heim für Geschmacksverirrte landen wirst. Nein sie wird dir immer das Gefühl der eigenen Entscheidung geben. Solltest du alle Zeichen mißachten und dich für das selbstgeholte Paar entscheiden, dann wird sie allenfalls sagen. „Willst du die wirklich haben? Na, dann nimm sie halt.“ Spätestens jetzt müssen sämtliche Alarmglocken schrillen, und du murmelst: „Ich meinte natürlich das andere Paar.“ An ihrem Gesichtsausdruck wirst du erkennen, daß du endlich die richtige Wahl getroffen hast. Männer haben halt nun mal einen guten Geschmack.

Aber jetzt bist du deinem neuen Pulli, den du immer noch nicht brauchst, kein Stück näher gekommen. Erst einmal kommt das Kaufhaus, in dem du deiner Frau sagen mußt, welche Socken du benötigst. Wenn du Glück hast, darfst du dir die Socken in den exakt falschen Farben selbst heraussuchen, während sie sich Strumpfhosen besorgt. Regel Nummer 2 (Tragik des Mannseins): Männer sind ja so (farben)blind.

Im nächsten Geschäft geht es dir an den Kragen. Deine Hemden sind nämlich TOTAL aus der Mode. Hast du eine Ahnung, was bei weißen Hemden aus der Mode sein kann? Weiß bleibt nun mal weiß, glaubt der nichtsahnende Mann, und Button-Down-Kragen sind wohl zeitlos. Ja, die überdimensionalen Kragen der 60er-Jahre oder der Stehkragen, das mögen wohl Zeiterscheinungen gewesen sein - aber so ein ganz einfaches Hemd mit Kragen und ohne Pilotenlaschen an den Schultern (wie sie mein Freund Reinhard heute noch trägt; aber der ist Junggeselle) kann doch nicht falsch werden. Doch besser nicht daran rühren. Deine Hemden sind also ganz eindeutig aus der Mode.

Versuche am besten sofort, der Verkäuferin und deiner Frau die richtige Kragengröße unterzujubeln, damit du nicht das nächste Jahr röchelnd herumlaufen mußt wie ein Hund, der sich gegen das Halsband stemmt. Wenn's klappt, gehörst du zur glücklichen Minderheit der Männer. Wenn nicht, dann hörst du nur: „Nein, mein Schatz, Größe 40 hast du noch nie gehabt. Du mußt das mit deiner Schuhgröße verwechseln, die du dir auch nie merken kannst.“ Die Verkäuferin wird nachmessen und die Aussage deiner Frau („eindeutig 37“) bestätigen.

Hast du auch schon bemerkt, daß sich Verkäuferin und Ihre Ehefrau sofort beim Betreten eines Geschäftes auf unheimliche Weise - ohne daß auch nur ein Wort gesprochen wird - synchronisieren? Schon vor dem ersten Waschen und Bügeln, kannst du dich auf das Röcheln einstimmen.

Vermißt du jetzt den Pullover? Der kommt schon noch. Zunächst einmal mußt du erfahren, daß deine ollen Slips zum Sondermüll gehören und daß die Dinger, die du getragen hast eher zum Abgewöhnen verführen. Dein Aufreißer für Frauen auf Parties war es bislang, beifällig anklingen zu lassen, du würdest lustige Boxershorts tragen. Offensichtlich ein Marketing-Gag, oder du bist wieder einmal viel zu spät auf den Zug aufgesprungen. Du hattest dir schon über die mangelnde Resonanz Gedanken gemacht. Jetzt war es raus. MEGA OUT seit Jahrhunderten!!! Die Verkäuferin und deine Frau ignorieren daher ohne Kommentar deinen Wunsch nach Boxershorts und verpassen dir das allerneueste auf diesem Gebiet. Doppelripp mit Doppeleingriff links oben und rechts unten. Natürlich mit Markenlogo! Super. Du bist begeistert - meinen die Frauen.

Showdown. Ihr nähert euch dem Pullovergeschäft. Denn es folgt Regel Nummer 3: Eine Frau vergißt nichts!

Hier wird sie dir gemeinsam mit der synchronisierten Verkäuferin einen Pullover verpassen, zu dem du leider farblich nichts Passendes besitzt. Sie wird dich dann vorwurfsvoll anzischen: „Das hättest du auch früher sagen können.“ Und ihr werdet losziehen und passende Hemden, Hosen, Socken, und Schuhe kaufen...

Zum Glück machen gleich die Läden zu, bevor sie entdeckt, daß deine T-Shirts viel zu bequem geworden sind.

 


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Stand: Montag, 18. April 2011