Technik spart Zeit   

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Technik spart Zeit - von wegen

Maschinen sollen Freiräume für Menschen schaffen. So manch einer hat andere Erfahrungen gemacht. 
Oder: 
Wenn man ein Gerät erst einmal verstanden hat, gibt es garantiert schon eine neuere Version.

Was machen Sie, wenn Sie das Gefühl haben, Ihre Aufgaben nicht mehr erledigt zu bekommen? Sie schaffen sich Maschinen an, die Ihnen Lasten abnehmen oder schlagen mit der chemischen Keule zu. „Je mehr Technik, desto mehr Zeit", lautet die Formel. So einfach kann das Leben sein.

Mit dem richtigen Equipment scheint sich plötzlich alles wie von selbst zu erledigen. Nach einem Wisch erstrahlt der Boden in neuem Glanz, und Sekunden später lösen sich die Fettkrusten von unseren Pfannen. Villariba würde vor Neid in die Paella beißen.

Zweifel an der Notwendigkeit immer neuer Hilfsmittel kommen da natürlich gar nicht erst auf, zumal uns die Marketingstrategen ständig ins Ohr brüllen: „Sie sparen damit auch noch unheimlich viel Zeit." Und Zeit ist Geld. Mir fehlt beides. Meine Frau nörgelt, ich würde mich überhaupt nicht mehr um sie kümmern, und mein Bankier schickt mir überaus besorgniserregende Mitteilungen via Kontoauszugdrucker. Irgendwo muß sie geblieben sein, die geldsparende Zeit.

Vielleicht im Computer? Einst kaum mehr als bessere Schreibmaschinen, sind sie längst ins Zentrum unseres Seins gerückt: Ich will nur schnell einen Brief schreiben, dann mein tägliches Fitneßprogramm absolvieren, anschließend ins Bett. Zufällig entdecke ich eine neue Funktion, die ich ausgiebig teste. Das bringt mich auf die Idee, ausrechnen zu lassen, wieviel Zinsen ich der Hypothekenbank bis zum Jahr 2036 gezahlt haben werde. Jetzt prüfe ich noch den Kontostand per Homebanking und passe die Farben auf dem Monitor meiner Stimmungslage an (schwarz). Zum Abschluß schicke ich E-Mails an unsere Freunde. Durch einen Stau im Internet warte ich bis Mitternacht, sende die Nachrichten los, empfange andere und lade drei Erotikbilder herunter. Müde sinke ich ins Bett. Mein Fitneßprogramm muß warten, den Brief kann ich morgen schreiben. Meine Frau schläft derweil schon.

Man sieht: Auf meinen PC kann ich mich wirklich verlassen. Sogar mein Zeitmanagement übernimmt er. Ich schreibe alle Termine hinein, und die Kiste wird mir künftig zu den Klängen von Beethovens Neunter sämtliche verpaßten Verabredungen präsentieren, weil ich vergessen hatte, ihn morgens abzufragen. Das ist nichts im Vergleich zum Super-GAU, wenn sich die Festplatte verabschiedet. Mit all meinen Gedanken, Adressen und Notizen, die ich aus Zeitmangel nie gesichert oder ausgedruckt habe. Das kommt dem Auslöschen von Wochen und Monaten meiner Existenz gleich: Gehe zurück auf Los, ziehe nicht 4000 Mark ein.

Langsam verstehe ich. Die im Preis von Fortschritt und Technik enthaltene Zeit ist virtuelle Zeit. Mit dem Flugzeug brauche ich eine Stunde, mit dem Auto vier. Also spare ich drei Stunden? Von wegen! Denn der Flieger hat Abflugzeiten, ich muß zum Flughafen und wieder rein in die Stadt. Und lange vor dem Start einchecken. Alles relativiert sich zu Scheinzeit.

Endlich zu Hause angekommen, steht eine Armee von Haushaltshelfern parat. Mußten Sie mal mit eigener Muskelkraft Kaffee mahlen oder Sahne schlagen? Natürlich nicht. Heute gibt es für jede Tätigkeit Spezialmaschinen, die wir in unseren Wohnungen kaum noch unterbringen können. Ja, sie helfen, Zeit zu sparen. Doch die geht sofort wieder drauf, weil man die komplizierte Technik pflegen und reinigen muß.

Auch beim Videorecorder habe ich erst von klar meßbarem Zeitgewinn geträumt: das Ansehen der Filme wird an die Maschine delegiert. Wir freuten uns auf lange Winterabende, die wir mit den Konserven füllen wollten. Seitdem türmen sich die Kassetten - keine Zeit zum Ansehen. Wenn man beim Programmieren Fehler macht, kommt noch weiteres Unheil dazu. „Die Domenvögel" oder „Jenseits von Afrika" ohne Schlußszenen - die gesparte Zeit braucht man locker, um die lamentierende Gattin wieder halbwegs zu versöhnen.

Oder meine neue ISDN-Telefonanlage - mit Speicherplätzen für 200 Kurzwahlnummern. Haben Sie etwa so viele Freunde? Nachdem ich alle Bekannte, Notnummern und Pizzalieferanten eingespeichert hatte, habe ich immer noch 150 freie Plätze. Neben jedem Telefon liegt jetzt eine Liste mit Kurzwahl, Person und Telefonnummer, der ich entnehmen kann, daß ich statt 91076815  jetzt „Raute 136" wählen muß, damit sich Bettina meldet. Und dann stehe ich in einer Zelle, starre auf das Telefon und murmle „Raute 144".

Welche Freizeit haben wir bei alledem denn nun gewonnen? Die Antwort: Keine. Die Zeit wird aufgefressen von unserem Bemühen, all die Geräte so weit zu verstehen, daß sie uns wirklich Vorteile bringen. Doch wenn dann tatsächlich mal etwas funktioniert, gibt es bestimmt bald eine neuere Version.

Ich soll technikfeindlich sein? Keineswegs. Aber vergessen Sie bloß nicht, daß Mutter Natur ständig dabei ist, ungenutzte Körperteile und -funktionen wegzuevolutionieren. Wozu die vielen Muskeln und die immer unnützere Masse im obersten Teil unseres Körpers? Also, testen Sie lieber mal, ob es noch anders geht. Eine tolle Erfahrung, glauben Sie mir. Kürzlich hat mein Motorrasenmäher den Geist aufgegeben. Laut fluchend habe ich auf einen uralten mechanischen Rasenmäher und die Sense zurückgegriffen, die schon lange ins Museum sollten. Der Muskelkater war beim zweiten Mal schon erträglicher. Nach dem dritten Mal tauchten verschollen geglaubte Arm- und Bauchmuskeln auf, die meine Frau zufrieden entdeckte. Gartenarbeit als Fitneßprogramm? Warum auch nicht. Gedauert hat das Mähen ohnehin genauso lange wie sonst auch. 

[Dieser Artikel erschien ursprünglich im August 1997 in Men's Health]

 


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Stand: Donnerstag, 24. Februar 2011