Hast Du meinen Lieblingspulli gesehen?   

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Hast Du meinen Lieblingspulli gesehen, Schatz?

Der Anfang war damals schwer zu erkennen. Später habe ich in mühseliger Kleinarbeit versucht, die Geschehnisse zu rekonstruieren, auch wenn einem das nie ganz gelingt. Aber ein Mann muß oft zum Anfangspunkt zurückkehren, um eine Zukunft zu haben.

Es ging damit los, daß plötzlich einzelne Socken verschwunden waren. „Liebling, weißt Du, wo der zweite Socken von dem hier ist?“ „Wenn Du das nicht weißt? Schau doch bei Dir ordentlich nach. Da sieht es aber auch immer aus...! Kannst Du nicht Ordnung halten, wie andere Menschen? Aber manchmal verschwinden die auch in der Waschmaschine.“ Verschwinden in der Waschmaschine? Haben wir ein Bermuda-Dreieck zwischen rostfreiem Stahl, das mittels Waschlauge meine schönsten Socken in eine andere Zeitdimension zu versetzen vermag? Läuft das noch unter Garantie? Kann ich die Maschine abholen lassen, und wie formuliere ich die Fehlermeldung für den Kundendienst? „Meine Frau meint, diese Maschine ernähre sich hauptsächlich von Socken und meinen Unterhosen“, klingt schwer nachvollziehbar und eher peinlich.

Verlange auch bitte keine weitere Erklärung von deiner Frau für ihre Aussage. Denn sie würde kontern, du wärst ja schließlich für das Technische zuständig und solltest umgehend für Abhilfe sorgen. Der schwarze Peter wird immer zu dir zurückkommen, weil du ihn mit deiner Unterschrift auf dem Standesamt abonniert hast. „Ich bin doch nicht Deine Putzfrau. Und außerdem rattert sie so merkwürdig. Kümmre Dich doch endlich einmal darum.“ Also schweig, lerne, mit Einzelsocken zu leben - und VOR ALLEM denke jetzt schnell über deine Missetaten nach.

Merkwürdig kam es mir dann schon vor, als ich meinen Lieblingspulli aus dem Schrank holen wollte, ihn aber dort nicht vorfand. „Ach ja, sagte sie im Vorbeigehen, stimmt. Ja der ist mir neulich in die Kochwäsche geraten. Da war nicht mehr viel zu retten. Ziehe doch einfach den Pollunder an.“ Erstens weiß sie, daß ich den froschgrünen Pollunder, den mir ihre Großmutter geschenkt hatte, hasse wie die Pest, zweitens hasse ich alle Pollunder dieser Welt, und drittens beunruhigte mich ihr Tonfall. Da war nämlich keiner. Keine Emotion, keine Entschuldigung, kein nichts. Das ist ein gefährliches Anzeichen von Sturm bis Orkan.

Dann wollte ich den Wagen waschen und legte mir meine Utensilien zurecht: Eimer, Shampoo, besonders anschmiegsamer Spezialschwamm, weiches Leder zum Abziehen. Irgendwie schien Scheuerpulver ins Shampoo geraten zu sein, und der feine Sand im Schwamm gab dem Lack den Rest. Dabei hätte ich schwören können, daß vorher alles klinisch rein war. Jetzt schrillten die Alarmglocken.

Frag’ sie, was los sei, und sie wird antworten: „Was soll denn los sein. Immer fragst du, was los ist. Nichts ist los.“ Und der Vorwurf blitzt aus ihren Augen. Jetzt weißt du, daß du ihr höllisches Unrecht zugefügt hast. Es läuft es dir zu Recht heiß den Rücken runter.

Geburtstag? Ich schlage sofort in meinem Kalender nach. Nein, den hatte ich dieses Jahr erstmals nicht versiebt. Ich nehme im Badezimmer heimlich den Ehering ab und erfahre den Vornamen meines viel besseres Ichs und unseren Hochzeitstag. Nein, da habe ich noch einem Monat Zeit. Ich hatte sie auch nicht mit falschem Namen angeredet.

Ich gehe die gesamte Verwandtschaft und Bekanntschaft durch. Fehlanzeige, was Geburtstage, Hochzeitstage oder alle übrigen Jubiläen angeht, wie Namenstage, Schuhgröße oder Ostern. Habe ich einen Zettel mit fragwürdiger Adresse im Jackett gelassen? Hat sie meine Playboy-Sammlung gefunden? Hat sich meine Geliebte bei ihr gemeldet? Da ich einer der letzten treuen Ehemänner bin, kann dies alles nicht zutreffen.

Tage später, bei einer unserer immer knapper werdenden Unterhaltungen, erwähne ich, daß unser Freund Hans demnächst 38 Jahre alt wird. „Aha, 38“, erwidert sie in scharfem Ton, der mir mitteilt, daß ich einen Zufallstreffer gelandet habe. Jetzt heißt es nachfassen. „Genau, 38“, sage ich, „wußtest Du das nicht?“ „Doch, 38 kann man sich gut merken“, zischt sie.

Jetzt heißt es nachdenken und nicht lockerlassen. Ein Superrechner der Meisterklasse schafft es nicht, so schnelle Kombinationen und Erinnerungsfetzen zusammenzusetzen wie mein kleines krankes Hirn in diesem Moment. Die letzten Tage, Monate und Jahre gehen durch meine Gedanken, die auf das Suchkriterium ‘38’ eingestellt sind. Mein erster Schultag, meine erste Liebe, meine dritten Zähne, mein erstes selbstverdientes Geld, mein erstes Auto mit 38 PS, mein 38. Geburtstag, mein erster und letzter Versuch, an Silvester 38 Raketen gleichzeitig zu zünden, meine zweite Liebe, die Party vor zwei Wochen, ein Kaktus in Nevada... „HALT, zurück“, befiehlt meine dritte Hirnwindung von unten rechts, Zelle 23a: „Zurück zur Erinnerungseinheit ‘Party’! Befehl an Aufzeichnungszentrum Kleinhirn: Bitte Datensicherung einlegen und sofort Archivaufnahme abspielen!“

Einen Moment lang summt und brummt es in meinem Kopf, und da ist es wieder, das Gespräch über unsere Frauen, als sie alle über die Diäten, Kuren und Schönheitsfarmen ihrer Gattinnen sprachen, und daß ihnen jetzt schon wieder Größe 44, 42 oder gar 40 passe. In Intuitionsweite meines viel besseren Ichs (Hörweite ist bei Frauen nicht notwendig, wenn es um sie, ihre Freundinnen oder die ihrer Gatten geht - oder allgemein um Dinge, die sie nicht hören sollen) hatte ich stolz lächelnd einfließen lassen, meine Frau hätte all dies nicht notwendig. Sie äße mehr als ich und passe weiter in Größe 38.

„Ach“, gehe ich in die Offensive, „habe ich eigentlich auf Freds Party etwas Falsches gesagt?“

„Warum fragst Du? Ich trage übrigens, falls es Dir entgangen sein sollte, seit eh und je ausschließlich Kleidergröße 36“ zischt sie zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus, „S E C H S U N D D R E I ß I G, nur DU, mein Schatz, nur DU hast zugelegt!“ Jetzt war es raus, der Rest mühselige Arbeit, aber Routine. Ich rede mich mit sanfter Stimme allmählich vom Galgen, bringe am nächsten Tag einen Strauß mit 36 dunkelroten Rosen und kriege demnächst einen neuen Pulli, weich und kuschelig.

Die Waschmaschine funktioniert übrigens plötzlich wieder. Wahrscheinlich lag es am Wetter.

 


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Stand: Donnerstag, 24. Februar 2011