Kultur   

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Eine Kulturnation

"Ja, watt soll ich sagen, es ist einfach wildromantisch. So ganz unter dem Himmelszelt mit den Sternen und vorne spielt die Kapelle und es wird gesungen, obwohl es ja mittlerweile schon ganz schön kühl geworden ist. Der Otto hat mir vorher immer, wenn die Musik etwas leiser wurde, erklärt, was das für Sternzeichen sind. Daß der sich auch in Italien so gut auskennt, da war ich platt. So verging die Zeit auch schneller, is' ja eigentlich auch nicht viel passiert auf der Bühne. Wir haben auch genug zum Essen dabei. Wir haben heute früh im Hotel ordentlich vom Büffet eingepackt, damit wir uns den ganzen Tag verpflegen können. Naja, die Mortadella in Ottos Jackentasche hat dann doch noch Flecken gemacht. Ich habe dem Otto noch gesagt, er soll eine zweite von den Stoffservietten rumbinden, aber er wollte es wieder einmal besser wissen.

HUHU, Otto, OTTO !! Nein, Otto, das Klo ist da hinten. Aber wasch dir hinterher die Hände!

Früher war das ja noch ganz anders. Wir sind ja auch nach'm Krieg, wir hatten da so'n NSU Prinz, über'n Brenner und den Dingsbums-Paß hoch. Und dann die Einfahrt nach Bibione. Da hatten die Italiener richtig Tränen vor Freude in den Augen, wie wir wieder abfuhren.

Aber heute, naja, sonst fliegen wir ja auch lieber nach Karibik. Also, ich sage Ihnen, die Eingeborenen dort, die sind so wie früher die Italiener. Richtig nett. Die haben endlich auch wenigstens ein bißchen deutsch gelernt, daß man sie verstehen kann.

Aber man kann ja nicht nur in der Sonne liegen, gell Otto? Also der Otto und ich haben gesagt, wir müssen wieder mehr Kultur machen, äh, mitmachen, wissense? Otto ist ja auch schon im höheren mittleren Beamtendienst. Da muß man schon mitreden können. Immer, wenn der Zirkus zu uns kam, da sind wir ja auch gerne hingegangen, auch wenn gerade etwas Interessantes im Fernsehen kam. Die Volksmusikanten sehen wir auch gerne, die lassen wir nie aus, ehrlich. Aber die hier singen auch ganz nett, obwohl ich Heino mit seiner, wie heißt sie noch, naja, mit seiner Frau schon lieber mag. Das ist dann immer so ein heiterer Abend, das können Sie sich gar nicht vorstellen.

Schauen Sie mal, da vorne läuft einer, der diese Leuchtstäbe verkauft. Otto, hol mir mal so eins und bring dem Karli auch eins mit. Aber zahl nicht den Preis, den die haben wollen. Du mußt schon handeln, das wollen die hier so. Also, Entschuldigung, ja und da Mümmelmanns letztes Jahr schon hier waren, haben wir uns jetzt auch entschlossen. Da haben wir das Angebot von Busreisen Habermann, wissen Sie, der macht so schöne Angebote. Da sind wir ja schon im Frühjahr mal nach Venedig gefahren, und dort haben wir ganz, ganz tolle Steppdecken gegen Allergiker gekauft. Das jetzt war ja auch wirklich einfach. Da sind wir Samstag früh um vier Uhr losgefahren und am Nachmittag waren wir schon im Hotel. Heute sind wir dann einkaufen gegangen, aber die Schuhe waren nach'm Krieg auch viel billiger. Sagen Sie mal, ist das nicht der Westerwelle da vorne?

Nächstes Jahr wollen wir wiederkommen und dann sitzen wir auch Parkett. Ja, nachher geht’s gleich wieder zurück. Hauptsache der Busfahrer is wach, sage ich immer, gell Otto? Die haben ja auch schon Toiletten im Bus, da muß man nicht immer zum Bieseln anhalten. Das ist schon praktisch. Gab es keine roten Lämpchen mehr, Otto? HUHU, Frau Biederstein, HUHU, haben Sie auch so eine nette Leuchte? Die gibt's da vorne, gell Otto?

Wie gesagt, die Musik ist nicht ganz so schön, also im Musikantenstadel würden die nicht den ersten Preis machen. Aber es ist doch etwas Kulturelles. Wissen Sie, daß auch Einheimische hier sein sollen? Obwohl so teuer ist das nicht. Also wir haben mit Hotel und Abendgala und der Eintrittskarte, also alles mit Bus zusammen nur 99 Euro gezahlt. Is' nich teuer, oder? Also pro Person natürlich, aber mit Halbpangsion und Begrüßungscocktail. Aber für dieses unvergeßliche Erlebnis, wie das die Frau Bährenwald so schön gesagt hat, kann man das schon bezahlen. Wo doch Otto die Gehaltserhöhung im Frühjahr bekommen hat.

Und manchmal kann man so richtig mitsummen oder mitklatschen. Ein paar von den Liedern, die sie da singen, kenne ich schon aus der Werbung, wissen Sie, zum Beispiel das vorhin von den Schoko Crossies. Den Rest kannste vergessen, sagt Otto, aber, wissense, auch im Fernsehen bringen sie manchmal Szenen, wo’s langweilig wird. Aber dann kann man ja Bier holen oder Schnittchen machen.

Also, ich muß jetzt zurück an meinen Platz, die singen ja schon wieder. War nett, Sie kennengelernt zu haben. also nächstes Jahr, das haben wir vorhin kurz vor der Pause schon besprochen, da wollen wir einfach mit dem ganzen Kegelclub und vielleicht auch dem Schützenverein hierherkommen, und meine Freundinnen vom Häkelclub, die kann ich garantiert auch überreden. Dann mieten wir hier einfach eine ganze Ecke. Das stelle ich mir nett vor. Und dann nehmen wir unsere Noten mit, da kann der Gesangverein auch mal mitsingen. Hören Sie, das Lied kenne ich auch. Gala reizarm oder Doppelherz oder so. Also ich muß jetzt ganz da nach oben, und die Aufseher hier wollen einen jedesmal daran hindern, auf seinen Platz zu kommen. Aber dem habe ich vorhin vielleicht etwas erzählt. Richtig rot ist der geworden. Schließlich habe ich ja bezahlt. Also dann, Tschühüs.“

Von Jahr zu Jahr besuchen immer mehr kulturell interessierte Deutsche die Arena von Verona, um an einem einzigartigen Opernerlebnis teilhaben zu können. Diese Demokratisierung der Kultur wird eines Tages Früchte tragen, wird sie doch ein Volk von erlesenen, feinsinnigen, ja erhabenen Menschen hervorbringen. (Zitat: Lexikon des Kulturvolkes, Bd.1, S.751, 1952)

 


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Stand: Donnerstag, 24. Februar 2011