Der Kleidungsberater   

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Der Kleidungsberater

Mein viel besseres Ich macht sich oft darüber lustig, dass ich manchmal (zugegeben: täglich) ratlos vor meinem Schrank stehe und lauthals beklage, nichts zum Anziehen zu finden. Habe ich Glück, kommt sie kopfschüttelnd herüber, sucht in Sekundenbruchteilen ein paar Teile zusammen und präsentiert sie mir stolz. „Jaja“, murmle ich, um mein Gesicht zu wahren, „ja das hatte ich mir auch gerade gedacht, aber...“

Seit sie meine Kleidung auswählt, verliere ich meine frühere Sicherheit bei der eigenen Farb- und Kleidungs­zusammenstellung. Ich höre schon ihr helles, schallendes Lachen, wenn sie dies liest. „Deine Sicherheit? Du und Farbzusammenstellung? Als Mann?“ Okay, zugegeben, ich habe früher gelbe Stiefel zu meinen Jeans getragen, und meine Hemden waren ziemlich kleinkariert. Immerhin habe ich schon mehr als die ersten vierzig Jahre überlebt. Aber Frauen fordern mehr. Sie lassen dich mit einer bewährten Kombination monatelang umherwandern, um dir eines Tages mitzuteilen, daß diese Zusammenstellung einfach unmöglich ist. Sie werden es so formulieren: „Du warst doch hoffentlich nicht so auf der Straße“.

Die Damen selbst stehen noch länger vor dem Schrank, aber meist nur zum Jammern. Nehmen wir zum Beispiel mit viel besseres Ich. Sie schimpft lauthals vor sich hin, sagt, sie müsse dringend etwas Neues einkaufen; überhaupt habe das Leben keinen Sinn. Dann geht sie noch einmal zurück und kommt Sekunden später mit einer Komplettkleidung zurück. Vom Slip bis zum Schal, alles perfekt aufeinander abgestimmt.

Ist sie doch einmal unsicher: dann hält sie mir zwei unterschiedliche Kombinationen vor die Nase und fragt mich, ja: MICH, wozu ich ihr raten würde. Jetzt wird es schwierig. Man kann ja nie wissen, ob es sich jetzt um eine Prüfung oder eine ernsthafte Frage handelt. Also versuche ich wie das Orakel von Delphi zu antworten, jedes der beiden sei gut, das eine klassisch, das andere sportlich. Es käme doch sehr darauf an, welchen Eindruck man erzeugen wolle, ob sie heute offizielle Termine in der Arbeit habe, blablabla. „Vergiss es“, sagt mein viel besseres Ich, „sag mir jetzt sofort, welches Kleid du jetzt tragen würdest.“ 

Junge, mach jetzt keinen Fehler und fang an zu witzeln, du würdest als Mann sowieso kein Kleid tragen. Sie würde dich in dieser Situation erschlagen und eine milde Richterin finden, alternativ dein heimisches Sexualleben für Wochen zum Erliegen bringen. Also entscheide dich und erwarte dein Urteil. INSHALLAH! Aus meinem Mund entweicht ein: „Das blaue“. Sie schaut mich an, dann die Kleider auf ihren Armen an und lächelt mich zufrieden an: „Danke, mein Schatz, du hast mir sehr geholfen.“ Wortlos und mit einem seligen Ausdruck auf ihrem Gesicht hängt sie die blaue Kombination für immer und ewig in den Schrank zurück. Rrrumms. Der Schlag sitzt und trifft. Jedes Mal.

Ende der Geschichte? Keineswegs, denn wir sind noch lange nicht auf der sicheren Seite. Da sie mit Kleidungsauswahl so viel Zeit verloren hat, muss sie sich beeilen. Panik bricht aus. Im besten Falle duscht sie, schminkt sich und verlässt mit genervtem Ausdruck hastig die Wohnung. Soviel zum seltenen Fall, der eigentlich kaum eintreten kann.

Variante 2: sie duscht und schminkt sich, erzählt mir dabei wichtige Dinge, die ich erledigen muss, und erklärt, dass sie jetzt beim besten Willen keine Zeit für mich habe, sobald ich auf ihre Fragen zu antworten versuche.

Sie zieht sich an... und entdeckt eine Laufmasche in der Strumpfhose. Wissen Sie, was das bedeutet? Diese Strumpfhose war einzigartig und nur dazu bestimmt, genau in dieser Kombination an diesem Tag zu existieren. Durch nichts zu ersetzen als dieselbe Strumpfhose, von der sie allerdings nur eine besitzt.

Vergleichbare Gegenstände mit ebenso außerordentlichen Existenzen sind Wimperntuschen, Lippenstifte, Nagellacke, Nagelscheren, Haarbürsten etc. Sie alle unterliegen engen Zweckbestimmungen. „Wenn ich das blaue Kostüm anhabe, kann ich doch unmöglich die grüne Haarbüste benutzen!“

Was folgt, ist der Gang zum Schrank, das Austauschen der Kleidung, der Accessoires... Wenn sie jetzt die von dir ausgewählte Kombination doch anzieht (was unwahrscheinlich ist, da sie durch deine sichere Auswahl für immer geächtet sein sollte), dann halte die Klappe, wenn deine Beziehung zu ihr älter werden soll.

Preisfrage am Schluss. Denn  jetzt kommt der Super-GAU, die Variante 3: Angenommen, nicht sie, sondern DU siehst die Laufmasche, sobald sie das Haus verlassen will. Nach all den geschilderten Erfahrungen: Wirst du es ihr sagen oder nicht? Sie wird am Abend mit Sicherheit wissen, dass ihr das Missgeschick zu Hause passiert sein muss. Schaust du sie etwa nicht mehr richtig an? Liebst du sie nicht mehr?

1.Preis: Deine Ruhe bis zum Abend. Und keine Sekunde länger, besonders, wenn sie dir auf die Schliche kommt. 
2.Preis: Deine Hölle sofort. Auf alle Fälle musst du es ausbaden.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

 


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Stand: Donnerstag, 24. Februar 2011