Kap.9: Fluchtversuche   

                                                                 Ein Leben voller Sehnsucht, Leidenschaft und Mutti.     

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Fluchtversuche

Karfunkel duschte lange und heiß. Doch so sehr er auch schrubbte – es gelang ihm nicht, seine Zweifel und Fragen herunterzuwaschen. Und er mußte sich immer wieder selbst sagen, daß ihn Lisa Motte nicht wirklich hintergangen hatte. Schließlich war alles nur ein Traum, oder? Selbst unter der Dusche konnte er noch den infernalischen Schwefelgestank von Heyden riechen. Pfui Spinne!. Was ihn am meisten irritierte, war die Erkenntnis, daß er seinen geliebten, parfümierten Schal verloren hatte. War Mutti im Zimmer gewesen? Hatte sie vielleicht das wirkliche Video gesehen? Hatte sie ihn gesehen, wie er hinter Lisa Motte im Gebüsch stand und ihr auf den Po sah? Das konnte ja gleich heiter werden! Den Krach beim Frühstück würde er nicht ertragen.

Karfunkel zog sich warm an und ging hinunter. Seine Mutter beachtete ihn nicht. Eine kalte Haferschleimsuppe mit dunkelpürierten Bananen stand auf seinem Platz und wartete, gegessen und geübelt zu werden.

„Iß“, sagte sie nur.

Er setzte sich hin, nahm den Löffel und rührte um.

„Iß“.

Dann bemerkte er zwei alte Koffer, die neben seinem Stuhl standen. 

Zwischen zwei Löffeln Haferschleim fragte Karfunkel: „Was issn das?“

Ohne aufzuschauen erwiderte sie: „Wonach sieht's denn aus? Zwei Koffer wohl.“

„Ja klar, seh' ich doch. Aber was sollen die hier?“

„Für deinen Auszug. Hotel Mama hat geschlossen für undankbare Gören. Ich sterbe eh in Kürze. Mein Herz macht das alles nicht mehr mit. Da kannst du dich schon mal daran gewöhnen, Vollwaise zu sein. Mußt halt lernen, dir selbst einen Kakao zu machen. Oder such dir ne Tussi, die du quälen kannst. Wenn dein Vater nur noch leben würde. Also such dir gefälligst was.“

„Okay,“ sagte Karfunkel nach dem letzten Löffel und fühlte die Übelkeit nahen. Er stand auf, eilte in den Flur, zog sich seinen Lodenmantel über und verließ mit Tränen in den Augen das Haus.

Karfunkel hatte sich noch nie eine Wohnung suchen müssen. Er wußte gar nicht, wie so etwas geht. Also fuhr er diesmal nicht schnurstracks in die Firma, sondern Richtung Stadtmitte, um sich Anregungen zu holen. Er wunderte sich über den vielen Verkehr – und dann stand er auch schon. Nichts rührte sich mehr. Er stand und stand und stand. Für Nordic Walking Night war es eigentlich zu früh, obwohl er ein verräterisches Klack-Klack-Klack hörte. Doch dies wurde von normalen Hausfrauen auf dem Weg zum Einkaufen erzeugt, riesige Rucksäcke umgebunden, auf den Seiten griffbereit je eine Literflasche Mineralwasser oder Energydrink, um nicht einer spontanen, heimtückischen Austrocknungsattacke im Supermarkt zum Opfer zu fallen. Und in den freien Händen die Designer-Walkingstöcke von Zartier, Bucci oder Pogner. Klack-Klack-Klack.  

Jetzt fiel Karfunkel das Straßenschild am Stadtrand ein, das eine geänderte Verkehrsführung ankündigte, dem er aber keine Beachtung geschenkt hatte. Viel mehr hatte er sinniert, ob dies wohl die neue Rechtschreibung sei.

Nach einer halben Stunde schaltete Karfunkel Radio Alpstadt ein. Die Moderatoren diskutierten wie üblich das Problem, daß man heute wieder einmal in die Arbeit müsse, aber d

Anschließend bejammerten die Kinder Stammheims minutenlang (was Karfunkel als Ewigkeit empfand) alles, was ihnen bejammernswert schien: das Mädel, das sie verlassen hatte (wohl, weil sie das Jammern nicht mehr ertrug), die alten Zeiten, das Wetter... Sie hatten immer einen Grund. Karfunkel wollte nicht wegschalten, weil er auf die Alpstädter Verkehrshinweise wartete.

Endlich die Nachrichten. Der Sprecher berichtete über neue Milliardenlöcher, die überhaupt nicht beunruhigend waren, wie der Chef des Vereinigten Banken-Kartells Johann Acker-Scheffelmann stolz verkündete (Oh Gott, der wollte ja die Tage vorbeikommen!). Dann folgte ein Bericht über die gesunkenen Arbeitslosenzahlen dank Veränderung der Statistik, gefolgt von einem Kurzbeitrag über die nur gefühlte Verteuerung. Das Übliche wie immer neu aufgebrüht. Dann hörte man noch einmal Acker-Scheffelmann der sich seltsam lispelnd aufregte, daß die Regierungschefin eine gestohlene Steuersünderkartei kaufen wolle. Acker-Scheffelmann argumentierte, daß sich der Rechtsstaat aus solchen Angelegenheiten heraushalten müsse! Wo kämen wir denn hin, wenn Freiheiten überwacht würden. Gerade den Bankiers müsse die Freiheit der Geldwanderung eingeräumt werden. Nach dem Wetterbericht über sintflutartiges Schneechaos, Regenchaos, Starkschnee und kilometerhohe Regenwehen, gefolgt von Starksonne und Orkanwind, sendete Radio Alpstadt einen Bericht über die bevorstehende Sicherheitskonferenz im Alpstädter Hof. Obwohl die hohen Staatsbeamten erst in zehn Tagen erwartet wurden, waren die Sicherheitsmaßnahmen für die Sicherheitskonferenz in vollem Umfang angelaufen.

Die Verkehrsnachrichten meldeten stehenden Verkehr in ganz Alpstadt.

Auf Heydens Befehl hatten die Stadträte ihre ausgefeilten Vorschläge eingereicht. Alle wurden sie verwirklicht. Als erstes wurden die Kanaldeckel, die eigentlich noch vom Papstbesuch versiegelt waren, erneut zugeschweißt. Eigentlich wurde alles zugeschweißt, was aus eisenähnlichem Material war. Die Türen vom Stadtpark und den Friedhöfen (die Feuerwehr mußte anschließend alle, die sich noch innen befunden hatten, mit Kränen herausholen), Gullys, Kanaldeckel, Notausgangsschächte, ja, selbst die Kirchenglocken. Leider hatte ein Trupp übereifriger Stadtarbeiter begonnen, Trambahnweichen zuzuschweißen, was zu erheblichen Problemen führte. So fuhr beispielsweise die Tram 23 an diesem Tage fünf Stunden lang immer rund um den Karolingerplatz, bis die Einsatzzentrale den Befehl zum Anhalten gab. Die Fahrgäste hatten sich bereits restlos übergeben und torkelten anschließend noch geraume Zeit im Kreis herum. Nur ein Beamter in der Straßenbahn hatte das Chaos verschlafen.

Die Stadt wurde für den Autoverkehr weitgehend abgeriegelt, nur die Busse und Straßenbahnen durften fahren. Denn von Selbstmordattentaten mit Bussen und Straßenbahnen hatte noch nie jemand gehört. Da heute jedes Auto in Alpstadt stand, kamen auch diese beiden Verkehrmittel nicht mehr durch. „Ich glaube, das war ein Fehler“, lautete Heydens Kommentar. Und so ließ man vorerst die Autos wieder fahren und hob die Umgehungen vorerst wieder auf.

Langsam rollte der Verkehr wieder an. In der Nähe des Alpstädter Hofes fielen Karfunkel viele Männer in schwarzen Anzügen auf, die alles beobachteten und  Spiralkabel an den Ohren hatten. „Tja“, dachte sich Karfunkel, „Radio Alpstadt wird halt immer beliebter.“

Karfunkel machte sich jetzt auf direktem Weg in die Firma. Genug Zeit vertan. Scheiß Sicherheit. Und er machte sich so seine Gedanken. Um wessen Sicherheit geht es eigentlich bei den Konferenzen. Um die Sicherheit von uns Bürgern? Um das Staatsgebiet? Oder nur um die Sicherheit der Deppen da oben? Daß WIR denen nichts tun? Er entschied sich für Letzteres und fuhr grimmig und besonders schnell in die Radarfalle kurz vor seinem Fabriktor. „Super Klasse. Das hat sich gelohnt. Ich glaube, ich werde jetzt Terrorist“, schrie er laut vor sich hin. Er wußte schließlich nicht, daß aus einer dunklen Limousine gegenüber ein Richtmikrofon auf ihn zeigte. Die Kamera blieb ihm ebenso verborgen.

Ärgerlich bahnte er sich einen Weg zu seinem Parkplatz. Er hatte noch nie so viele hereinströmende Angestellte auf einmal gesehen. „Ach ja,“ dämmerte es ihm. „Die waren ja auch im Stau. Die Trambahnen fahren ja nicht alle auf einen eigenen Weg. Seit Heyden den Plan verfolgt, die U-Bahnen durch Trambahnen zu ersetzen, tauchen halt auch ein paar Schattenseiten auf. Der Depp, der Damische.“ Er mußte langsam fahren, weil ein paar Damen nicht zur Seite gehen wollten. Ihre Identität blieb ihm nicht verborgen. Knallenge Jeans und hüfthohe Stiefel: das konnten nur seine Abteilungsleiterinnen Verkauf sein! Die gleichen blonden Mähnen war nicht zu übersehen. Dann entdeckte er die pinkfarbenen Spiralkabel an den rechten Ohren. War das möglich?

Er parkte den Wagen, rannte nach oben und riß die Tür zu seinem Büro auf. Lisa Motte blickte auf. Für einen Moment haßte Karfunkel ihren Anblick, dann fiel ihm ein, daß es nur ein böser Traum war. Sie lächelte ihn an und stand auf. Er musterte sie in ihrem aprikotfarbenen Kostüm, natürlich passende Schuhe, das obligatorische Seidentuch absolut harmonisch (wie viele Tücher mag sie haben?), ihr reizendes Lächeln – und das aprikotfarbene Spiralkabel am rechten Ohr.

„Äh, Fräulein Motte,“ stammelte Karfunkel verwirrt, „hören Sie jetzt auch Radio Alpstadt während der Arbeit?“

„Wie kommen sie da drauf?“

„Na ja, wegen dem Spiralkabel halt.“

Lisa Motte lachte laut auf. „Aber Herr Direktor! Modisch sind Sie aber nicht unbedingt auf der Höhe, gell? Das trägt doch heute jeder! Das hat zwar keine Funktion, aber irgendwie hat jemand wohl damit angefangen. Die gibt’s aber auch fürs I-Phone oder Handy. Schaut doch schick aus, oder? Agenten-Look“

„Bei Ihnen schaut alles chic aus“, murmelte Karfunkel abwesend, weil er jetzt erst den Mann in der Ecke bemerkt hatte. Er stierte Günther Müller an, seinen Personalleiter im hellblauen Anzug mit braunen Schuhen, rot-blau gestreiften Tennissocken und grünem Spiralkabel im Ohr. Die Yogi-Bär-Krawatte gab Karfunkel den Rest.

Lisa Motte errötete und schaute verlegen nach unten. „Danke, Herr Direktor, schön, daß Sie das bemerken. Mein Verlobter sagt nie so etwas. Ach ja, der Herr Müller wollte sie unbedingt sprechen.“

„Na dann gehen wir mal rüber“. Er machte eine einladende Geste zum Personaler, der ihn kurz anblickte und dann beleidigt rief „Wird auch Zeit! Wenn ich so arbeiten würde. Privatgespräche im Büro und so.“

Karfunkel spürte eine gewaltige Verärgerung hochsteigen. Er hatte den Müller eigentlich noch nie gemocht. Jetzt begann er, ihn widerlich zu finden. „Fräulein Motte, ich hätte gerne schnellstmöglich dreimal die Personalliste, sortiert nach Abteilungen, nach Eintrittsdatum und nach Namen.“

„Bring ich gleich rein“

„Danke, Fräulein Motte“. Karfunkel schloß die Tür hinter sich.

Müller polterte los. „Dafür bin doch wohl ich zuständig, oder? Das kann ich doch wohl selber meiner Agentur übergeben, oder? Da könnten Sie diese Informationen schon übermorgen haben. Wissen Sie, ich setzte externe Firmen und unsere Mitarbeiter immer unter Druck. Ist ja wohl mein Job, oder? Was wollen Sie überhaupt mit der Liste? Außerdem ist das nicht Ihr Aufgabengebiet. Da möchte ich, daß Sie sich da raushalten!“

Karfunkel atmete tief ein. „Soso, Sie möchten , daß ich mich da heraushalte, oder“

„Genau.“

„Und was wollen Sie heute von mir?“

„Ach ja. Sie haben da über meinen Kopf hinweg, einigen Damen Gehaltserhöhungen versprochen. Wieviel kann ich denen denn geben? Einen Tausender? Das haben die ja schon verdient. Die sind ja so schnucklig. Und wieviel kriege ich?“

„Wenn die Damen je Tausend bekommen sollen, wären doch Zweitausend in ihrer Position gerechtfertigt, oder?“

„Genau!“ Müller strahlte. „Mach ich dann gleich. Am besten rückwirkend vom Jahresbeginn, oder?“

„Klar, am besten vom Tag der Einstellung, oder?“

Müller runzelte die Stirn und lächelte gekünstelt. „Jetzt verarschen Sie mich aber, Chef, oder?“

„Klar.“

„Und wie machen wir es jetzt?“

„Wir machen jetzt gar nichts. Sie nicht und ich auch nicht. Keiner macht was.“

„Und die Gehaltserhöhungen?“

„War'n Scherz. Ist noch was?“

Fassungs- und sprachlos saß Müller mit offenem Mund da und schüttelte langsam seinen Kopf.

In diesem Moment betrat Lisa Motte den Raum und legte, Karfunkel anlächelnd, drei Listenpakte auf den Besprechungstisch.

„Der Herr Direktor wollte sicher aktuelle Listen, Frau Motte“. Müller lächelte mit einem arroganten Hochziehen eines Mundwinkels.

„Stand von heute, außer Sie haben die neuesten blonden Abteilungsleiterinnen noch nicht erfaßt. Entschuldigung. Erfaßt von Ihnen sicher schon, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber eventuell noch nicht DV-technisch.“ Lisa Motte lächelte siegessicher. Und ihr Sieg war ihr sicher.

Karfunkel blätterte inzwischen scheinbar geistesabwesend durch die Listen.

Müller lief puderrot an. „Alles Gerüchte, Frau Motte, und außerdem geht Sie das Ganze nichts an. Ich denke, ich sollte mir mal ihre Akte ansehen. Für diese Bemerkung denke ich über eine Abmahnung nach. Wegen Respektlosigkeit. Ich komme auf Sie zu, Sie impertinente Person, Sie.“ Wütend stand Müller auf.

„Lassen Sie Fräulein Motte in Ruhe“, sprach Karfunkel leise. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich muß mir jetzt mal Ihre Arbeit der letzten Jahre ansehen. Und dazu brauche ich keine Praktikantin! Das mache ich doch wohl besser alleine. Wobei die Sache mit den Praktikantinnen ja wohl auch ganz interessant sein kann. Aber ich rauche ja keine Zigarren. Schade! 
Ach, ich vergaß, was ist eigentlich mit den früheren drei Damen des Messeteams geschehen?“ Der gefährliche Unterton hätte eigentlich unüberhörbar gewesen sein müssen. Doch offensichtlich nicht für Alle.

Im Hinausgehen nuschelte der frustrierte Personalleiter, der den Feinheiten des Lebens fremd war, „Die hatten doch eh keine Lust mehr. Angeblich ausgebrannt, die alten Schnepfen. Da habe ich denen ein Super-Angebot gemacht, das sie nicht ablehnen konnten.“

„Ein Super-Angebot?“

Müller drehte sich in der Tür um und entgegnete patzig. „Jawohl! Ein faires Angebot: entweder sie gehen freiwillig oder sie fliegen raus. So haben wir uns die Abfindungen gespart. Sie wissen, alles im Interesse der Firma. Sie können sich ja auf mich verlassen.“

„Gerüchten zufolge haben wir die neuen Damen für viel Geld über eine Personalberatung angeheuert. Das geht auch hier aus den Listen hervor. Alle Neuzugänge der letzten Jahre kamen über diese Beratungsfirma.“

„Sie wissen doch: in der heutigen Zeit muß man ungewöhnliche Wege gehen, um wirklich gute Mitarbeiter zu bekommen. Das kostet nun mal.“

„Personalberatung Müller-Sonnenschein?“

„Genau! Profis halt!“

„Heißt Ihre Frau nicht so?“

Müllers Gesicht ähnelte inzwischen einem Pavianarsch. Er preßte zwischen den Zähnen durch; „Ja, klar. Qualität hat einen Namen.“

„Ach ja? Was für einen Namen denn? Doch sicher nicht Müller-Sonnenschein! Eher Woanders! Oder Nicht-Beiuns!“ Lisa Motte strahlte. Ihre Schlagfertigkeit überraschte sie selbst genauso wie Karfunkel, der sie bislang eher als zwar hübsches, aber ansonsten braves, graues Mäuschen eingeschätzt hatte.

„Das hat Folgen!“, schrie Müller.

„Zeit wird's“, riefen Motte und Karfunkel absolut synchron und schauten sich überrascht an.

Wütend lief Müller im Umdrehen los, hatte sich aber in seiner Position zur Tür verschätzt, so daß er voll an den Türrahmen krachte. Benommen stand er für einen Moment da, torkelte dann leise jammernd nach draußen. „Daf hat Folgen....daf hat Folgen...“

Lisa Motte lächelte Karfunkel an, er lächelte dankbar zurück. „Danke, Herr Direktor“.

„Oh bitte,“ stammelte Karfunkel.

„Ich geh dann mal in die Kantine.“

„Gut, bis später!“ Karfunkels Herz wurde warm, wärmer, noch wärmer.

Sie schloß die Tür hinter sich. Gerade, als er sich über die Listen hermachen wollte, bemerkte er die leicht geöffnete Schreibtischschublade. Schon wieder eine Nachricht? Mit einem Ruck riß er sie auf und fand zuoberst ein wieder schlampig abgerissenes DIN A4-Blatt. „Mach keine große Welle, mein Sohn“ stand da. Karfunkel blickte lange auf das Blatt, schüttelte schließlich den Kopf und rief laut „Jetzt werden Wellen gemacht! Und ob! Mit dieser Unterstützung könnt ihr mich Tsunami nennen. Ab heute wird zurückgewellt.“ Er lächelte zufrieden über sich selbst. Dann ging er zur Couch und nahm sich eine Liste nach der andern vor.

„Interessant, interessant,“ sagte er mehrmals vor sich hin.

Dann nahm er die Zeitung in die Hand und blätterte sie durch, bis er auf den Immobilienteil stieß. Er las sich die Vermietungsangebote aufmerksam durch und blieb bei einer hängen.

                                                                  

Sofort griff Karfunkel zum Hörer und wählte die angegebene Nummer. Immer belegt. Schon nach dem 30. Versuch kam er durch.

„Nassauer!“, meldete sich eine schroffe Stimme.

„Ja, Grüß Gott, hier Karfunkel. Ich würde gerne die Wohnung mieten.“

„Welche?“

„Die in der Zeitung.“

Der Ton am anderen Ende wurde genervter: „Passen Sie mal auf, Herr Krobunkel. Welche Zeitung und welche Wohnung darin? Oder sind Sie vom Versteckten Telefon? Ich habe keine Zeit zum Quatschen.“

„Tschulligung. Im Alpstädter Kurier, Seite 45, dritte Spalte oben. Die mit der interessanten Nachbarschaft. Das hört sich toll an.“

„Äh ja, genau, war toll formuliert, finde ich auch. Und was wollen Sie wissen?“

„Nichts wissen, ich will sie mieten.“

„Ohne sie gesehen zu haben?“

„Ach so, ja genau. Aber die hört sich so verlockend an. Da muß man doch einfach zugreifen, oder?“

„Anschauen können sie sie am Freitag um 18 Uhr. Kommen Sie in die Ripperstraße 23, 25. Stock. Hab da meinen Namen ans Klingelschild geschrieben.“

„Freitag kann ich nicht!“

„Ach was, Herr Furunkel, soll ich die Wohnung etwa zur Besichtigung bei Ihnen vorbeibringen?“

„Das wäre toll!“

„Passen Sie mal auf, Sie Komiker: Freitag oder nie. Die ist sofort weg“

„Na gut. Mein Name ist...“

„Weiß ich. Hammse gesagt. Partunkel, gell. In meinem Job muß man sich alle Namen merken. Ist mir trotzdem egal. Das regeln wir dann, wenn Sie kommen. Leumundsnachweis, Arbeitsnachweis, Gehaltszettel der letzten 5 Monate, Impfzeugnis - alles mitbringen. Am besten auch die Maklercourtage in bar.“

„Sagen Sie mal, iIn der Anzeige steht doch Alpstädter Freiheit Nord. Aber die Ripperstraße liegt doch im Stadtteil Kaninchenberg, oder?“

„Ist halt sehr Nord, Herr Dunkel".

„Ach so. Na gut, dann bis Freitag.“ Karfunkel erhielt keine Antwort. Der Makler hatte bereits aufgelegt. „Ist ja einfacher als ich dachte. Am Freitag kann ich einziehen.“ Karfunkel freute sich. Er hörte die Vorzimmertür öffnen und drückte auf die Sprechanlage. „Fräulein Motte, kommen Sie doch mal bitte“.

Die Tür öffnete sich, und seine Sekretärin betrat den Raum mit Bleistift und einem Notizblock in der Hand.

„Wir müssen jetzt handeln. Machen Sie mal Termine mit den Hauptabteilungsleitern. Entwicklung, Produktion, Presse, Marketing, Recht, Verwaltung, Logistik. Irgendwas stimmt hier nicht. Im stündlichen Abstand. Morgen.“

„Au weia. Das wird kompliziert, wenn die persönlich kommen sollen. Ich nehme an, die werden ihre Praktikantinnen schicken wollen.“

„Persönlich und ohne jeglichen Hofstaat!“

In dem Moment betrat Liebig den Raum. „Hallo Funki.“

Lisa Motte stand auf und machte einen großen Bogen um Liebig. „Gegen alles haben sie was erfunden. Viren, Bakterien, Fieber und Krätze. Aber nichts gegen Schnupfen und Juristen.“ Ihre Abneigung gegen diesen Berufsstand und ganz besonders dieses Exemplar der Spezies war nicht zu überhören. Außer von Liebig, der nicht bemerkte, wovon sie sprach. Sie ging schnell in ihr Büro und schloß die Tür. Karfunkel rief ihr noch nach: „Abteilung Recht können Sie streichen. Das mach ich gleich.“

„Also Xavi, schön daß du da bist.“

„Hast Du wirklich nicht mein Video gesehen? Brauch ich zur Weiterbildung.“

Für einen Moment dachte Karfunkel daran zu gestehen. Aber das war wohl zu peinlich. Sollte er seinem Kumpel sagen, daß sich der Pförtner jetzt weiterbildet? Er entschied sich dagegen. Die juristische Orgie sollte wohl dem Delinquenten in Zukunft nicht mehr zur Verfügung stehen.

„Wie sieht's denn aus? Haben wir Prozesse anhängig? Und wenn, worum geht’s da? Und wieviel kostet's uns, wenn wir verlieren?“

„Funki, du weißt: vor Gericht und auf hoher See...“

Karfunkel unterbrach ihn barsch: „Hör auf mit dem Scheiß. Ich will jetzt Tatsachen.“

„Also, ich weiß nicht. Muß mal meine Praktikantinnen fragen!“ Liebig zuckte seine Schultern.

„Auch du mein Sohn?“, stöhnte Karfunkel.

„Bin nicht dein Sohn.“

„Au weia. Vergiß es.“ Er reichte sein Telefon an Liebig und preßte wütend durch die Zähne. „Würdest du bitte jetzt gleich mit deinen Praktikantinnen platonisch telefonisch in Kontakt treten und den Stand abfragen?“

Beleidigt nahm Liebig den Hörer, wählte seine Nummer und gab den Auftrag weiter. „Die rufen mich gleich zurück,“ sagte Liebig. „Dann kriegt du, was du willst. Wenn's dich glücklich macht. Aber mein Video muß auch irgendwo sein. Wie soll man denn in dem Saftladen vernünftig arbeiten, wenn das Arbeitsmaterial verschwindet.“ Das Telefon klingelte, Liebig nahm ab und hörte lange zu und kommentierte nur „“Ach so?...Mhm...Ach was?...Soso...Aha....Ja danke....Ja danke...Ja danke“.

„Also es ist so. Bis auf die Gummigeschichte konnten wir bisher alles runterbügeln, und bei der Geschichte sind wir gerade dran, sagen die Mädels.“

„Sind das Jura-Studentinnen?“

„Nee, aber das ist wurscht. Du weißt doch: vor Gericht und auf hoher See....Entschuldige...Ist doch eh wurscht. Entweder du kommst mit deiner Meinung durch oder nicht. Paragraphen hin oder her. Die Mädels studieren Theologie. Ich denke, die haben dadurch einen besseren Draht nach oben. Außerdem nehm' ich die imnmer zu den Verhandlungen mit. Die schauen echt geil aus. Selbst schwule Richter werden da schwach.“

„Oh Gott, Xavi! Und um was ging es da?“

„Hauptsache wegen angeblich falscher Deklaration des Inhalts, also schlichtweg weniger drin als angegeben, angeblich Haarausfall beim Shampoo, angeblich schlimme Pickel durch unsere neue Hautcreme, reihenweise geplatzte Kondome wegen angeblicher Produktmängel, Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor, der angeblich in Wirklichkeit bei Null lag. Das war echt lustig. Der Zuschauerraum voller knallroter Leute. Unsere Einlegesohlen produzieren angeblich Schweißfüße. Unsere Backformen geben angeblich Plastikweichmacher an den Kuchen ab. Und unsere superscharfen Gemüsereiben brechen angeblich während der Arbeit auseinander. War lustig, im Zuschauerraum lauter Leute mit verbundenen Händen zu sehen. Da hat sich selbst der Richter köstlich amüsiert und Strichlisten für jeden verbundenen Finger gemacht. Kam auf 96, ich auf 111. Naja, ich hab' die Leute mit den normalen Pflastern mitgezählt. Und dann hinterher noch der Prozeß um die angeblich bakterienverseuchten Binden und Pflaster von uns. Worüber sich die Leute auch immer aufregen! Das bißchen Wundbrand – und die fangen sofort an zu zetern. Das Rechtswesen wäre viel schöner, wenn es die Menschen nicht gäbe! Wie gesagt. Hier geht’s schließlich nicht um Gerechtigkeit, sondern ums Recht! Und das Grundrecht auf einen Blick auf einen schönen Frauenkörper sticht halt mal alles andere Recht! Freispruch, Basta, Amen. Nur die Presse schlachtet so etwas aus. Aber da sind wir auch schon dran.“

„Und wie sieht das aus? War da was dran? Hat jemand die Produktion überprüft?“

„Wozu überprüfen? Mein Gott, wir schreiben schließlich auf jedes Produkt Klinisch getestet.“

„Ah gut“, atmete Karfunkel auf, „da bin ich aber beruhigt. Dann war zum Glück alles in Ordnung!“

„Wieso in Ordnung? Natürlich stimmten die Vorwürfe. Wir haben – wie angegeben - alles klinisch getestet, und die Ergebnisse waren niederschmetternd! Aber Ergebnisse veröffentlichen wir natürlich nicht. Wären wir auch schön blöd! In der heutigen Krise können wir es uns doch gar nicht erlauben, teuer zu produzieren. Da müssen wir Auge mal Pi die Zutaten zusammenschütten. Du willst ja nicht nach China gehen. Der Herr Direktor will ja teure Leute bezahlen. Nur der Jurist, der alles wieder ausbügeln muß, wird mit ein paar Euros abgespeist. Funki, ich sag's dir heute zum letzten Mal: wenn ich nicht bald ein paar Tausender mehr im Monat bekomme, mach ich mich mit meiner Mädeltruppe selbständig und fungiere als Anwalt für die Gegenseite. Die haben eh schon angefragt.“

„Das würdest du tun?“ Karfunkel war besorgt und irritiert, kannte er doch seinen Freund seit Kindertagen.

„Klar, man muß seinem Gewissen folgen. Das sagt auch Irene. Jeden Tag. Du mußt ja nicht jeden Tag zu ihr heimfahren. Also mach schnell!“ Liebig stand auf. „Tschau Funki“.

Jetzt fühlte sich Karfunkel noch einsamer.

Den ganzen Tag bereitete sich Karfunkel vor. Er las alle Berichte der letzten Jahre, ließ sich von seiner Sekretärin alle Umsatzzahlen, Zeitungsartikel und die wichtigsten internen Memos seiner Abteilungsleiter geben. Er machte sich eifrig Notizen und schüttelte immer wieder den Kopf. Als er fertig war, schrie er laut „AU WEIA“.

Lisa Motte öffnete vorsichtig die Tür und steckte vorsichtig den Kopf rein. „Haben Sie gerufen?“

„Sie hatten recht. Es gibt immer noch eine Steigerung für schlimm. Im Moment sieht es nach verdammt schlimmstestens aus.“

Lisa Motte nickte traurig. „Ich weiß. Lassen Sie sich morgen nicht unterkriegen. Die haben vorhin alle gezickt, aber kommen jetzt doch im Stundentakt. Das ist, glaube ich, Ihre letzte Chance. Ich bin glücklich, daß Sie endlich aufgewacht sind.“

„Danke, Fräulein Motte. Ich werde mein Bestes tun... Hoffe ich... Wieviele Leute arbeiten eigentlich bei uns?“

„Höchstens die Hälfte,“ lachte Lisa Motte. „Im Ernst: wir sind viel zu viele für das biss'l, was wir noch produzieren. Ist doch alles drastisch runtergegangen, oder? Selbst der Personalverkauf ist bei Null.“

„Wieso, da haben sich doch immer alle für sich, die Verwandtschaft und alle Freunde eingedeckt?“

„Wollen Sie mit Pickeln, Furunkeln und ausgetrockneter Haut wie eine schuppende Kröte rumlaufen?“

Jetzt fiel Karfunkel erst auf, daß er seit Jahren von seiner Mutter mit Produkten des Discounters Lidaldi versorgt wurde. Er dachte immer, daß es sich hier um umverpackte Karfunkel-Ware handelte. So geizig sie war, hätte sie ja die eigenen Produkte kostenlos mitnehmen können. Jetzt fiel es ihm wie Schuppen von den Haaren. Ihm wurde schwindlig. Wie konnte er sich so einlullen lassen? Die Welle in seinem Kopf wurde immer größer. Wie eine Trantüte hatte er es zugelassen, daß offenbar keiner mehr selbst arbeiten wollte und sich jeder selbst an seiner Firma bereicherte. Es war alles schlimmer als er dachte. Aber morgen würde er Gewißheit haben, obwohl er heute schon Schreckliches erfahren hatte.

Ihm war aufgefallen, daß sich die Namen der Abteilungsleiter wiederholten. Bei Müller war das noch nicht so verwunderlich. Aber beispielsweise Kiekendorff? Fünf Mal? Auch als Doppelname wie Kiekendorff-Lubowski, wobei Lubowski in einer benachbarten Abteilung ebenfalls wieder vermehrt auftauchte. Diese explosionsartige Vermehrung von Familiennamen fand kurz nach der Einstellung der Vorgesetzten statt. Altgediente Mitarbeiter verschwanden kurzfristig, aber zahlenmäßig nicht im gleichen Verhältnis. Bei weitem nicht! Und so ähnelte die Karfunkel & Cie KG heute mehr einer aufgeplusterten Amsel bei 10 Grad unter Null. Die Mitarbeiterzahl stieg proportional zum Sinken der Umsatzzahlen. Für jedes Prozent an verlorenem Umsatz wurde ein Mitarbeiter gefeuert und zwei neue kamen. Neue Hierarchieebenen wurden eingezogen. Als Karfunkel feststellte, daß die Poststelle jetzt einen Abteilungsleiter besaß, drei Projektleiter (Paket/Brief/Drucksache) und jeweils zwei Hauptsachbearbeiter, die wiederum jeweils 3 Praktikantinnen beschäftigten (oder zumindest um sich hatten), röchelte er nach Luft. Die ganze Arbeit würde früher von drei tüchtigen Mitarbeitern bewältigt, die sich heute nicht mehr in den Listen fanden. Bei den ausländischen Namen sah es nicht anders aus.

„Naja, die Arbeit wird ja auch immer umfassender,“ dachte sich Karfunkel anfangs. Aber dann entdeckte er die horrend hohen Rechnungen der externen Firmen. Outsourcing ohne Ende. Was tun die denn alle noch? Selbst die Poststelle bediente sich externer Dienstleister, Türküxprüss und Avantiquanti.

„Wirklich so schlimm?“, fragte Karfunkel.

Lisa Motte sah ihn ganz ruhig an und sagte nur leise. „Kann ich noch etwas für Sie tun?“

„Danke, Sie können jetzt gehen.“

„Ach ich vergaß. Sie wollten ja etwas über einen gewissen Karl mit einem Kran wissen. Ich habe da ein bißchen recherchiert. Den gibt’s wirklich. Seine Akte ist laut unserer Personalsoftware aber als Streng Vertraulich klassifiziert und befindet sich irgendwo, bloß nicht dort, wo sie hingehört. Bezahlt wird er auch nicht von uns, sondern von einer „Gesellschaft für Telefonstatistik“. Und noch etwas ist äußerst seltsam: Den hat ihr Vater höchstpersönlich eingestellt.“

„Hat er doch viele!“, winkte Karfunkel ab.

„Ein Jahr nach seinem spurlosen Verschwinden?“

Karfunkel war verblüfft. Gesellschaft für Telefonstatistik? Der für tot erklärte Vater stellt Personal ein? Fast kein Personal aus alten Zeiten mehr da? Stattdessen nur noch Praktikanten-Betreuer? Telefonstatistik? Blubbern aus Schornsteinen? Gummitiere im Zoo? Was war hier los?

„Sie sollten den Mund schließen“, mahnte seine Sekretärin.

Karfunkel schüttelte seinen Kopf. „Ich glaube, es ist zu spät.“

„Es ist nie zu spät“.

„Aber ohne Hilfe schaffe ich das nicht. Und Sie sind ja bald weg, oder?“

„Ach, Herr Direktor, das kann noch dauern. Momentan ist mein Verlobter im Ausland. Wie so oft. Manchmal denke ich, daß das Fluchtversuche sind. Ich glaube, der hat Angst vor der Hochzeit. Machen Sie sich also vorerst keine Sorgen. Das schaffen wir schon“.

„Na gut,“ sagte Karfunkel beruhigt und gleichzeitig eifersüchtig..“Na gut.“

„Na dann geh ich jetzt mal. Bis morgen, Herr Direktor. Um 9 Uhr geht’s dann los mit dem Interview-Marathon. Ich glaube, das Marketing wird die härteste Nuß. Ich sage nur Bobby Nero.“

„Wer iss'n das?“

„Warten Sie's ab. Die neuen Strategien haben's in sich. Und ich sage noch eins: Terjung.

„DER Terjung?“

„DER Terjung!“

„Lebt der noch?“

„Na klar! Irgendwie schon. Schauen Sie kein Alpstadt TV? Da quält er sich und uns doch täglich am Abend. Terjung zappelt unruhig vor seinen Gesprächspartnern in einer Art Pseudo-Talkshow und erklärt uns, daß alles so wahnsinnig toll, super und positiv ist. Allerdings ist sein Lächeln mittlerweile so eingebrannt, daß selbst die Fernsehmaske die Falten nicht mehr zuspachteln kann. Und er scheint zu schrumpfen.“

„Was hat der mit uns zu tun?“

„Externer Berater. Aber lassen Sie sich doch überraschen.“

„Der ist doch wahnsinnig teuer?“

„Ach was“, winkte Lisa Motte ab. Seit der nur noch 'ne Besenkammer in seinem ehemaligen Prunkgebäude benutzen darf, doziert er Mit Motivation zum Erfolg auch zum Schnäppchenpreis. Wirken tut's ohnehin nicht wirklich. Vom Tellerwäscher zum Millionär mit Rückfahrkarte.“

„Au weia! Na dann bis morgen.“

„Bis morgen, Herr Direktor. Und schlafen Sie gut!“

Lisa Motte ging in ihr Büro, packte ihre Sachen zusammen und öffnete die Tür. Beim Hinausgehen drehte sie sich noch einmal um und lächelte Karfunkel an. „Eigentlich doch ganz nett, der Boss“, dachte sie sich. Sie ging einkaufen, kochte ein Drei-Gänge-Menü, und ging, als es total verkocht war, ins Bett. Ihr Verlobter hatte leider offenbar wichtigere Angelegenheiten.

Karfunkel fuhr heim und aß ein verkochtes Drei-Gänge-Menü vor den Augen seiner schweigenden Mutter: Omelette mit Speckragout, Schweinshaxe Hawaii mit viel Hawaii aus der Dose, 6 Stück sehr streng schmeckende Nürnberger auf Kraut. Und zur Krönung noch seine warme Banane im Teigmantel.

„Wird Zeit, daß du gehst“, raunzte ihm seine Mutter zu. „Ich kann mir das nicht mehr leisten.“

„Schon gut. Schaue mir am Freitag `ne Wohnung an.“

„Wo?

„Irgendwo am Kaninchenberg.“

„Oh Gott, da paßt der Direktor ja hin. Na dann viel Spaß!“

Karfunkel ging auf sein Zimmer und wollte sich als erstes auf der Toilette übergeben. Von der Fülle des Essens geschwächt, schaffte er es aber nur bis zum Bett, in das er sich fallen ließ. Im Traum verfolgte ihn eine kleine, glatzköpfige, schrumplige Gestalt, die ihn immer wieder mit einer Mistgabel in den Hintern stach und dabei laut schrie: „Ist doch alles super! Du kriegst alles, was du willst. Los, will es! Du sollst es sofort wollen.“ Und er wollte es und fand sich mitten in der Südsee wieder, halbnackte weibliche Schönheiten mit wehenden Haaren um sich, Gold und Schmuck über den ganzen Strand verteilt. Und er nahm sich einen tropischen Drink, der aber seltsamerweise nicht kalt, sondern heiß und scharf war.

Als er morgens aufwachte, quälte ihn immer noch sein Sodbrennen.

 

Fortsetzung folgt


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Stand: Montag, 18. April 2011