Kap.8: Wartungsarbeiten   

                                                                 Ein Leben voller Sehnsucht, Leidenschaft und Mutti.     

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Wartungsarbeiten

„Bei der Gelegenheit kann ich auch gleich tanken,“ dachte sich Karfunkel und überlegte scharf. Normalerweise sorgte der Fuhrparkmanager dafür, daß alle Firmenfahrzeuge getankt und gewartet wurden. Doch der war seit vier Wochen in Urlaub, und Karfunkel wußte nicht, wann er wiederkommen würde. „Schönes neues Jahr“ hatte er ihn dem Pförtner damals zum Abschied noch zurufen hören, aber er wußte nicht, ob das ein Witz war. Diesel? Normalbenzin, Super? Super Plus? Karfunkel war verwirrt. Also nahm er das teuerste. Diesel kam sowieso nicht in Frage. Er hatte ja schließlich einen AMW und kein landwirtschaftliches Nutzfahrzeug!

Nach ein paar Minuten hatte er begriffen, wie man den Tankdeckel öffnet, und schon gluckerte der wertvolle Saft in einen hungrigen Tank. Sorgfältig schloß er anschließend den Deckel wieder und kontrollierte ihn mindestens zehn Mal. Schließlich wollte er ja nicht explodieren. Karfunkel hatte mächtig Angst vor brennbaren Gegenständen, ob flüssig oder gasförmig. Dann kontrollierte er mehrfach, ob er seinen Wagen wirklich verschlossen hatte und ging schließlich in den kleinen Verkaufsraum mit Imbissecke, in dem ihn der unrasierte Tankwart im speckigen karierten Flanellhemd bereits erwartete.

Karfunkel öffnete die Tür, betrat den Raum und schloß die Tür hinter sich. Es war düster, und hier roch es nach altem Maschinenöl, ranzigem Fett und Kurzschluß. Karfunkel kannte Tankstellen nur aus amerikanischen Filmen. Die waren total anders. Da tummelten sich meistens junge Männer und leichtbekleidete Damen und scherzten miteinander, besonders in der Waschstraße. Selbst die gab es hier nicht. Oder junge Männer stürmten mit Pudelmützen und Pumpguns in einen grell-hellen Verkaufsraum und schossen alles zu Klump, bis sie selbst dran waren, weil der picklige Tankwart der bessere Psychopath war. Verdattert über diesen unerwarteten Anblick hier blieb Karfunkel zunächst stehen und sah sich um. Die Regalböden waren dunkel, fast alle Waren mit einer flockigen Schicht überzogen. In der „Delickatesen-Ecke“ verbogen sich braunfleckige Bockwürste in einem Glastopf. Der Senf im braunen Steinguttopf war von tiefen Rissen durchzogen. Eine große Glasschale, auf deren Boden sich Kümmel, Mohn, tote Fliegen,  Brotkrümel, Wollmäuse und Schimmel ein Stelldichein gaben, beherbergte sieben mehr oder weniger stark verformte Sternsemmeln. Karfunkel nahm schnell Abstand vom spontanen Gedanken, hier eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. „Dann doch lieber zu Mutti,“ dachte er sich. „Die wird mich vielleicht nicht umbringen. Oh, Gott, ich sollte hier nicht wie angewurzelt stehenbleiben.“ Er wußte gar nicht, wie nahe er sich damit an die bittere Wahrheit herandachte. Er versucht, an den Tresen zu gehen. Doch er bleib stehen. Wie angewurzelt? Nein, wirklich angewurzelt. Er verstand nicht, was los war. Er versuchte es erneut. Fehlanzeige. Und nochmal. Jetzt wäre er fast hingefallen. Aber jetzt. Mit Gewalt versuchte er es erneut und kam endlich frei. Aber irgendwas war dennoch geschehen. Er hinkte plötzlich. Er lief die drei Schritte auf den Tresen zu und drehte sich um. „Deshalb“, dachte er sich. Sein rechter Schuh war zurückgeblieben. Er ging zurück, riß ihn mit Gewalt von seiner Verankerung und zog ihn wieder an.

„Tach, hab vorhin frisch gewischt. Und genau an der Stelle ist mal ne Colaflasche runtergefallen letzt's Jahr, glaub ich. Wenn'se wolln entsorg' ich Ihre Sohle dort. Oder wolln Sie mich verklaken? Sind Sie Richter?“

Karfunkel ging zurück und zog angewidert auch die Sohle ab. „Nein bin Fabrikant“

„Is gut. Macht siebenundneunzigdreiunddreißig. Hamm'ses passend“? Er schaute Karfunkel an.

„Ich zahle mit Karte. Aber eigentlich wollte ich noch was anderes.“

„Das Klo ist hinten.“ Er reichte Karfunkel einen Schlüssel, der an einem ein zwei Meter langen Schiffstau hing, das Karfunkel gebannt anstarrte.

Die Leute hamm den Schlüssel immer mitgenommen. So kamma den nich' mehr vergess'n, gell? Wer hat schon so ne große Hosentasche, außer vielleicht Schnotti Tischler, wissens scho, der beliebte beleibte Komiker. Kennense sicher.“

Karfunkel schüttelte seinen Kopf. „Nee, ich brauch noch ein Öl.“

Das Gesicht des Tankwarts erhellte sich. Das war sein Glückstag! Normalerweise tankten die Leute bei ihm gerade mal ein paar Liter Diesel, um zu einer Tankstelle mit normalen Preisen zu kommen, denn er lag immer mindestens 5 Cent pro Liter höher als seine Kollegen. Und in Wirklichkeit hatte er nur zwei Tanks, Diesel und Benzin. In den Dieseltank füllte er gelegentlich Heizöl, um seine Gewinnmarge zu erhöhen. Rentabler war allerdings das Benzin. Da hatte er für alle Sorten nur einen Tank, in dem sich Normalbenzin befand. Wenn die Super-Plus-Pumpe arbeitete, hatte er mindestens 25 Cent pro Liter mehr Gewinn in der Tasche als seine ehrlich arbeitenden Kollegen. Da selten jemand zu ihm zurückkehrte, flog er nie auf. Und dann tankt heute einer voll! Und zu guter Letzt der Coup schlechthin:  ÖL“.

„Was darf's denn sein? Für den AMW da draußen?“

„Naja, für Gurkensalat brauch ich's nicht!“, antwortete Karfunkel pikiert.

„War nich so gemeint. Wollt nur wissen, für was für'n Motor. Iss das'n 3,2-Liter?“

„Nein,“ sagte Karfunkel kopfschüttelnd. „Nein, das wär schön. Der braucht locker 13 Liter auf Hundert.“

Der Tankwart grinste von einem Ohr zum anderen. Karfunkels Antwort verriet ihm, daß er einen absoluten Laien vor sich hatte und das bedeutete für ihn freie Fahrt. Im Laufe des Gesprächs zog er alle Register und fuhr zu einer neuen Höchstleistung auf.

„Tja, mein Guter, da empfehle ich Ihnen das Hochleistungsöl Spezial 45SAE16. Oder wollense was billiches und nen teuren Kolbenfresser?“

„Oh Gott, bitte nicht. Der schöne AMW!“

„Genau, Sie glauben ja gar nicht, wie oft das passiert. Verschweigen die Werke natürlich. Die arbeiten Hand in Hand mit den Ölmultis, damit die ein Öl auf den Markt bringen, das die Motoren kaputt macht. Dann können die nach Ende der Garantiezeit Ersatzmotoren verkaufen. Bis zum Abwinken. Kommen natürlich billig aus China. Und dann geht das Spiel weiter und weiter.“

„Oh Gott, mein armer AMW. Was kann man denn dagegen tun? Sie sind doch Fachmann. Beraten Sie mich doch bitte!“

„Mein Spezialöl, natürlich. Ist nicht gerade billig, aber langfristig sparen Sie Tausende.“

„Wieviel kostet das denn?“

„53 Euro“.

„Naja, das geht ja noch für einen Liter von so einem hochwertigen Öl.“

„Ich meine natürlich, wissen'se wir in der Ölbranche wir messen in Vierteln. Also 212 Euro der Liter“.

Karfunkel schluckte. „Und das funktioniert?“

„Klar. Schaunsemal. Welche Farbe hat Öl?“

„In den Filmen sieht man das immer. Lohn der Angst, zum Beispiel. Ich kenne mich da aus. Natürlich Schwarz.“

„Genau. Und was sehen Sie hier?“ Er öffnete eine Flasche Markenöl von Araschell und goß einen Teelöffel in eine Tasse.

„Oh Gott, das ist ja ganz durchsichtig!“

„Sehnse, so machenses. Alles verdünnt. Und jetzt zeig ich Ihnen mal's Spezialöl aus meiner Privatraffinerie.“ Er griff nach unten und zog eine alte zerknautschte 1,5 Liter Mineralwasserflasche, in der eine pechschwarze Flüssigkeit schwappte. So kennen'ses wahrscheinlich aus alten Zeiten, Sie als Kenner, gell? Echtes schwarzes Öl. Arabien-Ware veredelt. Und voll getestet.“

Karfunkel war beeindruckt.

„Klar! Getestet bis zum Abwinken,“ rief der Tankwart mit Inbrunst und dachte bei sich : „Aber über die Ergebnisse meiner Tests sage ich besser nichts.“ Drängend fragte er „Wollense die jetzt haben, oder was?“

„Nee, nur einen Liter bitte“.

„Kein Problem. Wie der Herr meinen. Wenn Ihnen das langt?“ Er griff nach unten und holte eine grüne Flasche hervor, auf dessen Etikett LONER zu lesen war.

„Ist da wirklich das gleiche Spezialöl drin? Das ist doch eine Weichspülerflasche, die kenn ich doch von Mutti!“

„Da sehnse, wie ökologisch und preisbewußt wir sind. Keine teure Werbung. Kein Vertriebsinnendienst. Keine eigenen Flaschen. Keine sinnlosen Etiketten. Sonst müßten wir zweimal so viel verlangen.“

„Oh Gott, wenn WIR das machen würden“, dachte sich Karfunkel und gab dem Tankwart seine EC-Karte. Der nahm sie mit nach hinten in einen durch einen graubraunen Vorhang abgetrennten kleinen Nebenraum und zog sie durch sein Abbuchungsgerät und kopierte dabei den Magnetstreifen für seine Kollegen in Spanien. „Tschuldigung,“ rief er nach vorne, „hier gibt’s gerade ein Problem. Wie war doch gleich Ihre PIN?“

Karfunkel rief laut: „Eins neun fünf zwei“.

Der Tankwart kam kurz danach wieder raus und lächelte ihn an.

„Hat funktioniert, danke für Ihre Mithilfe!“ Er reichte Karfunkel den Zahlungsbeleg. Die 309,33 machten Karfunkel schwindlig. „Doch so viel?“

„Wollnse das wertvolle Öl zurückgeben? Kein Problem“, sagte der Tankwart ärgerlich. „Die Leute stehn Schlange, da freut sich der nächste. Hab ne lange Warteliste eigentlich. Aber sagen Sie dann nicht, Sie hätten's nich gewußt, wenn ich Sie an der Alpstädter Gleichheit abschleppen muß. Ihr Wagen roch vorhin schon so komisch.“

„Nein, nein!“ Karfunkel wurde hektisch. „War nur momentan überrascht. Ich kaufe sonst selten Öl. Doch, will ich haben. Hab's ja auch schon bezahlt.“

„Na gut, ich füll's Ihnen auch gerne ein. Kostet nix extra. Wissen'se ich bin da sehr kundenorientiert. Sörwiss wird hier groß geschrieben.“ Er deutete auf die Schiefertafel über ihm, auf dem in Großbuchstaben1A SÖRWISS stand.

„Nein“, protestierte Karfunkel laut, „das werde ich wohl noch selbst können. Oder sehe ich so hilflos aus?“

„Wollte Ihnen nicht zu nahetreten. Wollte nur nich, daß Sie sich die Hände schmutzig machen. Sind ja ein feiner Herr!“

Karfunkel war geschmeichelt. „Schon gut, danke für die Hilfe. Aber sein Auto sollte ein Mann selber warten. Da bin ich eigen. Wiederschaun.“ Und Karfunkel dachte sich: „So ein Depp!“

„Wiedersehn, der Herr“, sagte der Tankwart und dachte sich: „So ein Depp!“

Während Karfunkel sich an seinem Wagen zu schaffen machte, rieb sich der Tankwart die Hände. Sie viel Gewinn hatte er selten an einem Tag gemacht. Ihm war auch lieber, wenn die Kunden das Öl selber einfüllten. Vor Gericht behauptete er stets, das Öl wäre nicht für Autos bestimmt gewesen. Das nahmen ihm die Richter bislang immer ab. Dem Augenschein nach sei das Öl ja auch nicht in einer Ölflasche gewesen. Dadurch gab es auch keine zugesicherten Eigenschaften, argumentierten die Richter und wiesen die Klagen ab. Bis auf einmal, wo es für ihn richtig teuer wurde. Aber wer konnte schon ahnen, daß Juristen Auto fahren können, oder? Deshalb fragte er seitdem immer nach. Sicher ist sicher.

Das war letztes Jahr. Erst bei Beginn der Verhandlung hatte sich herausgestellt, daß der Kläger Jurist war und sein Vater der Vorsitzende Richter. Schon beim ersten Anhören redete der Kläger den Richter mit „Papa“ an, worauf dieser stets sein Gesicht verzieh, den Kopf schüttelte, aber nicht protestierte. „Wollen wir nicht einen Antrag auf Befangenheit einreichen?“, fragte der Tankwart seinen Anwalt. „Besser nicht verärgern. Ist halt blöd gelaufen,“ sagte sein Winkeladvokat, „weißte, vor Gericht und auf hoher See ist man doch in Gottes Hand. Hab ich Dir das schon mal gesagt? Da plädieren wir besser auf 'Fahrlässig Schuldig' und zahlen freiwillig die Reparatur von dem Motor. Ist ja nur ein Kastrat.“ So lief es dann auch. Der Richter wollte ihn ursprünglich auf Wunsch seines Sohnes zusätzlich zum Tode verurteilen, wandelte die Strafe aber um in Fünfzig Euro für die Juristen-Witwen-Kasse, nachdem der Tankwart der Frau des Richters per Handy aus dem Gerichtssaal einen großen Strauß Blumen zukommen ließ.

Das Problem lag an der Viskosität und Lagerung des verwendeten Öls, denn es besaß sämtliche Viskositätsstufen und war von vielen Autos schon eingefahren. Statt das Altöl beim Ölwechsel kostenpflichtig zu entsorgen, hatte der Tankwart eines Tages aus rein ökologischen Gründen beschlossen, es einer weiteren Nutzung zuzuführen. Er filterte das abgelassene Öl durch einen Malitto-Kaffeefilter und lagerte es anschließend in einem großen Faß. So konnten sich die Metallspäne mehr oder weniger gut mit der Zeit unten absetzen und konnten entsorgt werden. Außer, er hatte, besonders zur Urlaubszeit, Hochkonjunktur. Dann wurde auch der Satz hergenommen, gelegentlich mit preiswertem Salatöl gestreckt. Manchmal erreichten die so ausgestatteten Fahrzeuge sogar den Urlaubsort. Nur wenige kamen aus eigener Kraft wieder zurück.

„Wenigstens hat der Mann seine Tankstelle schon weihnachtlich geschmückt“, dachte sich Karfunkel, als er beim Versuch, die Motorhaube zu öffnen, hochsah. „Ist zwar erst Oktober, aber besser als gar nicht.“ Dann blickte er in den Motorraum. Was für eine Unordnung. Und keine Beschriftungen! Er durchsuchte alles nach Hinweisen, aber da waren mehrere Einfüllmöglichkeiten. Ratlos blickte er umher. Dann bemerkte er, daß ihn der Tankwart von innen interessiert musterte. Nur jetzt keinen Fehler machen! Und bestimmt nicht die Schmach auf sich nehmen, fragen zu müssen.

Dann fand er eine plausible Öffnung, deren Deckel sich leicht öffnen ließ. Er goß den Inhalt der Loner-Flasche hinein. Dann schaute er sich um und fand einen aufgespannten Plastiksack, über dem 'Lehre Ölflaschen' stand und warf seine Literflasche hinein. Er stieg in seinen Wagen und machte sich auf seinem Merkzettel die Notiz 'Heute Vier Viertel Öl nachgefüllt“. Dann startete er seinen AMW und vermerkte zufrieden, daß die gelbe Lampe erloschen war. Auch die Tankuhr stand auf 'Voll'. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen! Karfunkel fuhr zufrieden nach Hause, wo ihn seine Mutter zornig erwartete.

„Darf die arme Mama erfahren, wo der Herr war?“

„Entschuldige Mutti, ich mußte noch tanken und Öl nachgießen.“

„Das kannst du doch gar nicht. Du bist doch technisch unbegabt. Laß das doch die machen, die das können. Hat Vati auch immer gemeint. Und jetzt setz dich. Das Essen ist schon ganz kalt.“

Die lauwarmen Weißwürste schmeckten entsetzlich. Einfach widerlich...wie verdorben...wie immer. In letzter Zeit wollte er ohnehin nicht mehr so viel essen, schon allein, weil er immer an seinen Traum zurückdenken mußte. Diese schöne Frau, die ihm eine noch dazu eine echte Erinnerung zurückgelassen hatte. Er war immer noch verwirrt. Wer war wohl die Dame? Und warum war sie so schroff zu ihm gewesen? Er erinnerte sich, daß er ihr zugerufen hatte, daß ihm seine Gewichtszunahme leid täte. Und ihre letzten Worte waren:

„Gewichtszunahme? Zunahme? Das war wohl eher ein Tsunami, oder?“ Er hörte nur noch ihr helles, schallendes Lachen.

Er mußte Gewicht verlieren, sonst sah er sie wohl nie wieder. Aus der Schule kannte er noch den Kernsatz von der Erhaltung der Masse. Wer würde wohl für ihn jetzt fett werden? Aber dazu mußte er jetzt Taktiken einsetzen. Er schickte stets seine Mutter aus diversen Gründen nach draußen: „Wo ist das Salz? Ich brauche Senf! Mehr Brot, bitte!...“ Dann versteckte er sein Essen irgendwo, holte es später wieder ab und entsorgte es im Mülleimer seines Büros. Doch seine Mutter wurde allmählich  mißtrauisch. Eines Tages entdeckte sie drei Weißwürste am Boden des Vogelkäfigs. Sie merkte auch, daß er nicht viel, aber stetig abnahm und verdoppelte daher ihre Anstrengungen, ihn auf einem konstanten Schwergewicht zu halten. So wurde es für Karfunkel allein mengenmäßig immer schwieriger, Teile seines Essens kurzfristig verschwinden zu lassen. Sie legte fortan doppelt auf und entfernte alle naheliegenden Gegenstände, in denen Essen temporär zwischengelagert werden konnte. Alle Dinge, die bisher fehlten, befanden sich nun auf dem Tisch, doch fielen Karfunkel immer wieder neue Zutaten ein. Mal war es Koriander, den er unbedingt auf seinem Gurkensalat verlangte, mal Chili oder Pottasche. Der Tisch war stets voll von Gegenständen, und langsam ging ihm die Fantasie aus.

Dann kam er auf eine geniale Idee. Als seine Mutter einmal außer Haus war, hob er den Gummibaum aus seinem Topf und entfernte einige Teile der Wurzeln und Erde aus der Mitte der Unterseite. Dann setzte er eine Plastikschale in die entstandene Höhle und besaß jetzt einen stets verfügbaren Hohlraum unter der Pflanze. Doch manchmal gab es verräterische Erdspuren auf dem Teppich vom Herausholen und Wiedereinführen des Wurzelballens. Später vervollkommnete er daher sein Versteck, indem er einen Plastiktunnel nach unten in die Höhle baute mit einem abnehmbaren Deckel, der auf der Oberseite mit einem Erdimitat getarnt war. Wenn Mutter in die Zeitung sah, konnte er schon mal schnell ein zusammengerolltes Omelett, eine Wurst oder einen Knödel schnell mal verschwinden lassen.

„Schling nicht so runter“, pflegte ihn seine Mutter zu ermahnen, wenn sie zurückkam und seinen Teller fast leer vorfand. „Du frißt wie ein Schwein. Dein Vater war ein feiner Mann, ein Genußmensch. Wenn ich dich sehe, vermisse ich ihn am meisten.“

Karfunkel antwortete auf solche Provokationen überhaupt nicht mehr. Er hatte ein Leben lang vergeblich um die Liebe seiner Mutter gebuhlt und war immer frustriert worden. Stattdessen warf sie ihm stets das Scheitern ihres Lebens vor.

„Wenn du nicht gekommen wärst, hätte ich meinen akademischen zum Abschluß bringen können. Ein Leben als Eleonore Karfunkel, M.A.! Aber du mußtest ja kommen und meinen Körper und meinen Geist ruinieren. Alles verpfuscht. Und dann kam auch noch so ein lebensuntüchtiges, unbegabtes Wesen heraus, das immer meine Aufmerksamkeit haben wollte! Wir konnten uns nie erklären, von wem du das hattest. Da muß ein schwarzes Schaf aus einer unserer Stammeslinien wieder aufgetaucht sein. Igitt. Ein echtes Muttersöhnchen bis heute. Hätte ich doch nur eine Tochter gehabt! Oder noch besser gar kein Kind! Dann wäre ich glücklich geworden. Vati und ich waren uns immer einig: du taugst einfach nichts!“

Wie oft hatte Karfunkel diese Vorwürfe gehört und sich Zeit seines Lebens schuldig gefühlt. Er wollte es ihr doch immer nur recht machen, was ihm aber nie gelang. Er blieb der Versager, der allein durch seine Anwesenheit anderen alles zerstört.

Als einzige Tochter des erfolg- und fast mittellosen Immobilienmaklers Peter Furunkel und der an der Volkshochschule ausgebildeten Astrologin und selbsternannten Schamanin Edith Burnaut wollte Karfunkels Mutter von Kindesbeinen an diesem Elend entfliehen. Sie strengte sich in der Schule mehr als alle anderen an und schaffte mit Hängen und Würgen sogar das Abitur. Da ihr jeder, der sie kannte, jegliche Begabung für Alles absprach und der Berufsberater ihr verzweifelt die Vorteile einer Ehe anzupreisen versuchte, mußte sie sich selbst nach einem Studienfach umsehen. Für sie war Studium gleichbedeutend mit Ansehen und Reichtum. Vor allem arm wollte sie nicht mehr sein. Doch was studieren? Sie quälte sich durch ein altes Studienverzeichnis, das sie für eine Mark am Flohmarkt erstand, eine Investition für's Leben. Ingenieurswissenschaften, Juristerei, Biologie, Amerikanistik, Anglistik, Chemie, Religionswissenschaften, Theater, Politik, Wirtschaft? Nein, das war nichts für sie. Dann stieß sie auf die Kunstgeschichte. JAWOLL! Sie hatte schon als Kind leidlich gemalt, und manchmal glaubten ihre Eltern sogar, etwas auf ihren Bildern erkannt zu haben.

Und so quälte sich Eleonore durch ihre Studienzeit und versuchte verzweifelt (und erfolglos), Kunst von Unfug zu unterscheiden. Als Nebenfächer hatte sie sich Germanistik (weil sie bereits deutsch konnte) und Anglistik ausgesucht (weil sie gerne mal englisch sprechen wollte). Und sie gewann ihren Kampf auch fast. Sie legte nach für sie und ihre Professoren quälenden vierzehn Semestern ihre Magisterarbeit („Christlicher Steinhaufen oder zufällige Architektur? Eine Beurteilung der Kathedrale von Reims“) vor, die wohlwollend aufgenommen und mit 'zur Not gerade noch ausreichend' bewertet wurde. In den Nebenfächern wurde sie ebenfalls genervt durchgewunken: „Hauptsache, die ist weg“.

Schon hochschwanger, wie sie später immer ihrem Sohn vorjammerte (in Wirklichkeit erst viele Monate später) und deswegen sehr indisponiert, ging sie in die mündliche Prüfung, die für sie nach zehn Minuten schon beendet war. Ihr Professor wollte es ihr und sich leicht machen und begann mit der Frage „Was wissen Sie über Renoir?“ Jetzt hätte sie eine Dreiviertelstunde irgendeinen Blödsinn über Impressionisten erzählen können. Doch was tat sie? Sie entrüstete sich „Also, Herr Professor, ich bitte schon um ein bißchen mehr Fairness. Zugegeben, ich mag blond sein, aber da müßt ihr Kerls nicht sofort wieder mit euren Autos kommen. Ich fahre keinen Renoir und werd's auch nicht tun. Spanische Auto kommen bei mir nicht in Frage. Basta!“

Der Prüfer und sein Assistent vergruben ihre Gesichter in ihren Händen. „Vielleicht möchte der Beisitzer eine Frage stellen?“ fragte der Professor leise, während ihm Tränen aus den Augen kullerten. Der Beisitzer schüttelte seinen Kopf. „Bitte!“, flehte der Professor.

„Na gut,“ stotterte der Beisitzer, „ also, ähm, erzählen Sie uns irgendwas über Rubens.“ Darin lag ein gewisses Potential. Jedem fällt da zumindest etwas über füllige Frauenkörper ein; das könnte in eine Diskussion über den Wandel des Schönheitsideals führen und beim Thema 'Abnehmen' enden. Genug Stoff für den Rest der Dreiviertelstunde.

„Jetzt langt's aber, Ihr Kasperl“. Eleonore lief rot an und wurde richtig böse. „Seid's ihr deppert? Wollt's ihr mich total verarschen?  Glaubt ihr etwa, ich falle rein? Aber ich kenne Rubens Baricchello sehr wohl! Aber habe ich euch nicht schon gesagt, daß ich mich für euren Schmarrn nicht interessiere? Formel 1 könnt ihr euch abschmieren, ihr Machos. Wir sind hier bei der Kunst und nicht beim Sport. Also denkt euch mal bessere Fragen aus.“

Und sie hatten wirklich eine bessere Frage. Unisono fragten sie die Kandidatin, ob sie nicht am besten gleich den Raum verlassen wolle. „Na also, geht doch. Klar gehe ich. Habe ich jetzt bestanden?“

„NEIN! RAUS“, schrien beide und begaben sich umgehend in eine langwierige psychotherapeutische Behandlung, die in Fachbüchern später als Eleonore-Syndrom-Therapie einging.

Eleonore Furunkel klagte sich erfolglos durch mehrere Instanzen. Bei der letzten Verhandlung wartete sie im kalten Flur des Gerichtsgebäudes auf den Beginn ihrer Verhandlung.

Sie setzte sich auf die bürokratisch-unbequeme Holzbank neben einen stattlichen Mann, der nervös an einer riesigen Zigarre paffte und damit gigantische Smogwolken erzeugte. Sie sahen einander von Zeit zu Zeit lächelnd an und blickten dann wieder verlegen nach unten. Dann hörte sie den Gerichtsdiener laut „In Sachen ...funkel in Saal 1, bitte!“ nuscheln. Sie stand hektisch auf und prallte im Nebel auf einen festen, aber nicht unweichen Gegenstand.

„Sie fühlen sich gut an, auf meinem Bauch, verehrtes Fräulein,“ hörte sie einem Mann mit sonorer Stimme. „Aber ich wurde leider gerade aufgerufen.“

„Nein, mich haben Sie jetzt leider gerufen“.

Gemeinsam stürmten sie in den Gerichtssaal und konnten sich endlich ohne Rauchbarriere in die Augen sehen. Für eine Minute sahen sie sich verliebt an, bis der Richter zynisch rief: „Frau Furunkel, sind Sie jetzt bereit für uns?“

Währenddessen rief der Gerichtsdiener auf dem Flur: „In Sachen Karfunkel, die Parteien in Saal 2, bitte“.

„War ich hier doch falsch. Oder vielleicht doch nicht? Wollen wir uns anschließend im Café Fehlurteil gegenüber treffen?“

„Ja, gerne“, hauchte sie und errötete.

„Also doch Heirat“, dachte sie sich, als der Richter sein Urteil fällte.

Sie trafen sich im Café und schmiedeten Zukunftspläne. Karfunkel senior war bester Laune, weil er seinen Prozeß gegen einen Konkurrenten, der ihm seinen Erfolg neidete, gewonnen hatte. Und es war jetzt auch höchste Zeit, die Dynastie weiterzuführen. „Ist in Ordnung“, meinte sie, „aber wie machen wir das mit dem Namen? Alle erfolgreichen Frauen haben Doppelnamen. Schleutheuser-Knarrenthaler, zum Beispiel. Oder Kröpf-Schröder. Oder die Käffer-Schünemann.“

„Aber Furunkel-Karfunkel?“

Eleonore sah das ein. Außerdem war sie Zeit ihres Lebens Ziel des Spottes aufgrund ihres Namens gewesen. Sie war letztlich doch froh, ihren Namen abgeben zu dürfen, der sie so sehr gequält hatte. Und so beschäftigte sich das neugefundene Pärchen umgehend intensiv mit dem Problem, ein kleines Karfunkelchen zu produzieren, was ihnen nach einigen Monaten heftigster Bemühungen und Anstrengungen auch gelang. Aber ihren akademischen Würden trauerte sie dennoch ein Leben lang nach. Und so verschob sie die Realität einfach um ein paar Monate – und der Schuldige war, im wahrsten Sinne des Wortes, geboren.

„Iß noch, du brauchst das.“

Karfunkel würgte allein schon beim Gedanken, noch eine Weißwurst essen zu müssen. Zwei hatte er schon verschwinden lassen.

„Kann nicht“.

„Kann nicht gibt’s nicht. Oder schmeckt's dir nicht?“ Damit hatte sie ihn immer drangekriegt.

„Schmeckt scheußlich“. Karfunkel erschrak, was da seinem Mund entfloh. Er wollte sich schnell entschuldigen, als er sah, wie seine Mutter erstarrte. „Ich meine...ich meine...grauenvoll. Wie alt sind die Dinger eigentlich?“ Jetzt war der Bann gebrochen. „Das ist ja widerlich. Pfui Spinne!“

„Du kannst ja ausziehen, wenn's dir nicht schmeckt.“

„Mach ich!“

„Und beim nächsten Herzanfall kann ich ja hier umfallen und sterben. Mal sehen, wann man mich findet. Wahrscheinlich nach Monaten oder Jahren.“ Demonstrativ griff sie nach ihrem Herzen, erst versehentlich nach rechts, dann nach links.

„Quatsch, Mutti“, murmelte Karfunkel patzig, „ich komme dann einmal die Woche vorbei. Wer wäscht sonst meine Wäsche?“

„Du undankbarer Bengel. Geh auf dein Zimmer“.

„Mit Vergnügen. Dann brauch’ ich den Fraß nicht mehr essen.“ Er stand auf und ging nach draußen. Er spürte den Luftzug, als eine Weißwurst knapp an seinem linken Ohr vorbeiflog, und er murmelte vergnügt „nicht getroffen, Schnaps gesoffen“, als ihn ein fettiger Pfannkuchen mit Pilzfüllung am Hinterkopf traf. Das war des beste, was diesem Pfannkuchen passieren konnte. Hätte er ihn gegessen, wäre er qualvoll aufgrund des fortwährenden Aufwärmens und Einfrierens und des kleinen putzigen Knollenblätterpilzes, der sich zwischen den Schwammerln versteckt hielt, jammervoll verendet. So erfuhr niemand davon.

Bis auf die fette Angorakatze, die Karfunkels Mutter stets mit den Essensresten ihres Sohnes  fütterte (manchmal auch umgekehrt). Schneewittchen stürzte sich gleich auf das Pilzomelette und ging binnen einer Stunde in die ewigen Katzenjagdgründe ein, da sie schon ihre sechs vergangenen Leben den kulinarischen Genüssen geopfert hatte. Damit waren auch Karfunkels Allergieschübe mit einem Mal beendet. Keine Hautausschläge mehr Aber das sollte er erst viel später begreifen.

Natürlich schrie seine Mutter hinauf: „Du Mörder. Du hättest jetzt sogar die Katze auf dem Gewissen, wenn du eines hättest. Schäm dich, Du Katzenmörder! Du Bestie. Mußte das arme, unschuldige Schneewittchen wegen dir sterben. Wer weiß, was du der verabreicht hast.“

Karfunkel hörte das Gezeter und zitterte am ganzen Körper. „Ich muß gehen, ich muß gehen,“ wiederholte er wie in Trance. Tausendmal, immer und immer wieder, bis er plötzlich ganz ruhig wurde.

„Genau. Ich ziehe aus! Bloß wie? Und wohin?“

Dann hörte er seine Mutter von unten schreien: „Da kannst du gleich einen Makler anrufen oder die Zeitung durchschauen. Aber dir wird niemals jemand seine Wohnung vermieten!“

„Danke für die Hilfe,“ murmelte Karfunkel. Er machte sich fertig, legte sich ins Bett und langte nach seinem Kakao. Doch der war nicht da. Zum ersten Male in seinem Leben! Er spürte eine große Einsamkeit und eine grenzenlose Sehnsucht nach Zweisamkeit. Wer sollte ihm dann seinen Kakao machen, wenn er auszog? Nachdem er hier offensichtlich für immer vernachlässigt wurde, konnte er auch ausziehen. Oder? Mittlerweile gab es ja auch schließlich alles „to go“. Er würde also keines falls verhungern.

Er griff unter sein Bett und holte den grünen Seidenschal hervor, den er in einer Plastiktüte aufbewahrte. Er hatte erfolgreich verhindert, daß Mutti dieses Beweisstück seiner Unmoral und Verruchtheit vernichtet oder gar wäscht. In der Tüte bewahrte der Schal seinen Geruch. Er holte ihn vorsichtig heraus und hielt ihn an seine Nase. Und sofort war die Erinnerung an die Nacht aller Nächte wieder präsent. Wie sie sich bewegte, wie sie sich anfühlte, ihr Lachen, ihre Augen, in denen er sich verlor. Sie hatte manchmal so traurig ausgesehen – und dann wieder so fröhlich und selbstsicher. Aber wie konnte es sein, daß er einen Gegenstand aus einem Traum besaß? Das war doch unlogisch. Aber er verstand die Welt ohnehin nicht mehr. Eigentlich hatte er sie nie verstanden, nie seine Rolle darin. Welch herrlicher Geruch. Ein Parfüm, das ihn sofort betörte, ein überirdischer Geruch. Ihm wurde schwindlig. Ein Glücksgefühl durchflutete seinen Körper. „Komm zurück, mein Schatz. Zwei Kilo sind schon weg!“ murmelte er,  trunken vor Freude und Wärme. Wann würde sie ihn wieder besuchen? Und dann dachte er an seine Sekretärin. Bald würde sie ihn verlassen. Wo sie doch so tüchtig war, so reizend, so schön. Er hatte sie ja auch schon in Dessous gesehen. Dadurch schoß im das Video durch den Kopf, das er aus dem Digitalrecorder des Pförtners stibitzt hatte. Wo war das eigentlich?

Karfunkel mußte alles vor seiner Mutter verstecken. Das war sein Problem. Seine Verstecke waren oft so perfekt, daß er die Gegenstände selbst nicht mehr fand. Er sprang aus seinem Bett und drehte sich in der Mitte seines Zimmers um seine eigene Achse. Wo hatte er das Video verschwinden lassen? Unterm Bett? Nee. In der Kommode? Nee. Kleiderschrank? Könnte sein. Er durchwühlte Fach für Fach und fand viele längst vergessene Dinge. Bloß nicht das Video. Wo versteckt man am besten einen Baum? Natürlich im Wald! Das mußte es sein! Er stand vor seiner Videocassettenwand und begann, Cassette für Cassette herauszunehmen, aufzumachen und den Inhalt zu kontrollieren. Als er bei der letzten angelangt war, dachte er sich noch: „Typisch, hätte ich hier angefangen, dann hätte ich mir die ganze Arbeit sparen können. Doch er irrte sich. Er war total verblüfft, als sich auch hier die zugehörige Cassette befand.

Nach zwei Stunden gab er auf. Es war schon 23 Uhr, als er beschloß, eine Nacht darüber zu schlafen. Und dann entdeckte er das Erstaunliche. Alle Cassetten befanden sich in ihren Hüllen, aber der Recorder zeigte ein eingelegtes Band ein. Dann erinnerte er sich an dieses todsichere Versteck. Damals hatte er sich diebisch über seinen Einfall gefreut. Mutti würde alles durchsehen. Sie hatte nur vor einem Respekt: elektrische Geräte. Seine letzte Zuflucht waren dann solche Geräte. Seine Mutter dachte, er sei ein HiFi-Freak. Doch hatte Karfunkel viele Geräte doppelt und dreifach angeschafft, in einen Turm gefügt, mit Kabeln scheinbar verbunden. Es sah beeindruckend aus. Die Hälfte war jedoch ausgeschlachtet, und nur die Aussteuerungsanzeigen funktionierten. Verstecke mit Mäuskino, sozusagen. Aber dieser Videorecorder war echt, und darin steckte die gemopste Cassette. Er schaltete ihn ein.

Karfunkel legte sich aufs Bett, schaltete alle Lichter aus und wartete. Zunächst passierte jedoch gar nichts. Karfunkel wartete und wartete. Dann ging's los. Er hörte zunächst nur schreckliche Geräusche. Klack klack klack.... Immer lauter. KLACK KLACK KLACK... Das bedrohliche Geräusch nahm mit jedem Klack zu. Karfunkel zitterte vor Angst. Was war das? Was konnte so schrecklich klingen? KLACK KLACK KLACK... Und dann tauchten die ersten Gestalten aus dem Dunkel auf. Karfunkel erkannte sein Firmentor, und dahinter kamen die unheimlichen Gestalten aus der Finsternis. „Oh nein, bitte nicht. Bitte nicht DIE“, dachte sich Karfunkel. Doch sie waren es. Eine ganze Armee. Und nicht genug: die Horde schwoll immer mehr an.

Es war offensichtlich Norwalk-Night in Alpstadt. Tausende von übergewichtigen Damen in Caprihosen watschelten wie Mohrrüben mit Nordic Walking-Stöcken auf einer Tour durch die Stadt. Aber auch die korpulenten Herren mit beigefarbenen Hosen, beigefarbenen Jacken, beigefarbenen Hemden und braunen, durchbrochenen Riemchensandalen, aus denen beigefarbene gestopfte Socken blitzten. Alle Straßen abgeriegelt, dahinter wütend hupende Autofahrer, die die nächsten Stunden hilflos verharren mußten, bis die Horde komplett durch war. Denn die meisten  Teilnehmer kamen nur sehr langsam voran und waren zum Teil bereits das zweite Mal überrundet worden. Klack klack klack Klack klack klack... Und mittendrin erblickte er plötzlich OB Heyden, der jovial in der Menge badete, die Stöcke immer zum Gruß erhebend oder als Drohgebärde den Autofahrern zuschüttelnd. „Ich bin ein Nor-Walker“, rief er immer wieder lächelnd den neugierigen Zuschauern am Straßenrand zu.

Jahre vorher hatte er die wöchentliche Blade Night ins Leben gerufen, sich selbst Rollschuhe umgeschnallt, und war mitten im Pulk mit unsicheren Bewegungen unterwegs gewesen. „Jede Stimme zählt“, dachte er sich, „und die nächste Wahl kommt bestimmt.“ Stets gestützt durch seine Referenten hielt er ein paar Straßenzüge durch. Bis ihm ein mutiger Mitarbeiter zu sagen traute, er möge auf seine Wortwahl achten, schrie er dabei immer wieder lautstark „Ich bin ein Blader“.

Das war der Alltag von Alpstadt: Montag die Blader, Dienstag die Radler, Mittwoch die Nordic Walker, Donnerstag die Lesben und Schwulen (Heyden hatte auch hier einmal aus Versehen „Ich bin ein Schwuler“ gerufen, was Anlaß für diverse Mutmaßungen gab, die er fortan permanent dementieren mußte), Freitag die Jogger, Samstag die Marathon-Läufer und Sonntag die Skifahrer. Grund für einen Stau gab es somit immer, denn die genauen Routen wurden stets geheimgehalten.

Und dann entdeckte er Lisa Motte mitten im Getümmel. Er war überrascht, wie unvorteilhaft sie in solch einer Hose aussah und wie ungeschickt sie mit den Stöcken umging. Ein Mann neben ihr schrie auf und krümmte sich, als sie aus Unachtsamkeit ein Stockende in seine empfindlichste Stelle rammte. Überhaupt hinterließ sie eine Spur der Verwüstung. Karfunkel verfolgte ihren Weg, der von blutenden Walkern gezeichnet war. „Oh Gott,“ dachte sich Karfunkel, „warum sagt ihr keiner, daß es Gummistöpsel gibt?“ Und zack, schon hatte sie wieder - unschuldig lächelnd - eine Wade perforiert, gleich darauf ihren Nachbarn zu Fall gebracht, der dabei drei weitere Mitläufer umriß. Und dann stand sie plötzlich neben Heyden, der zu ihr rübersah und lächelte. Sie blieben beide stehen, umarmten, küssten sich. Unerwartet deutlich konnte er ihr Gespräch belauschen, als ob ein Richtmikrophon auf sie zeigte.

„Schön, daß du kommen konntest, Udo“.

„Wenn ich weiß, daß du da bist, komme ich immer. Das weißt du doch, Bella!“

„Klar, Udo, mein Süßer,“ lispelte sie. „Wann ist es denn so weit?“

„Oh Gott, Lisa“, schrie Karfunkel. „Nein. Den willst du doch wohl nicht heiraten? Der ist doch schon vergeben. An seine Frau!“

Heyden zog aus seiner Tasche einen goldenen Ring, dessen riesiger Diamant die Landschaft in ein gleißendes, funkelndes Licht tauchte und steckte ihn an ihren rechten Ringfinger. „Damit gehörst du mir“, flüsterte er ihr zu und gab ihr einen zärtlichen Kuß aufs Ohr. „Und wenn wir den Karfunkel erst einmal beseitigt haben, errichte ich auf dem Gelände das neue Straßenbahndepot. Und du wirst Geschäftsführerin.“

Lisa Motte errötete und hauchte: „Ja, weg mit dem Schnösel! Ich habe lange genug für den Trottel geschuftet. Der hat mich gar nicht verdient!“

„VERRÄTERIN“, schrie Karfunkel.

Mit einer diabolischen Fratze drehte sich Heyden zu ihm um und begann, laut zu lachen. Und plötzlich hatte Karfunkel den Eindruck, der Leibhaftige stünde da. Ein Fuß mutierte zum Pferdehuf, die Walking-Stöcke bekamen lange Spitzen, und er rang um Luft, als ein bestialischer Schwefelgestank entwich. Waren das seine Haare, oder türmten sich tatsächlich zwei Hörner aus Heydens Stirn?

„NEIN“, brüllte Karfunkel entschieden. „NEIN! NEIN! NEIN!“

In diesem Moment kamen drei Männer ins Bild, die Hände in den Halteschlaufen von Geldsäcken, die sie wie Nordic Walking-Stöcke nach vorne und hinten schoben. Einer hatte eine Kokosmakrone zwischen den Zähnen, biß sichtbar kräftig zu und rief „Wer viel ackert, dem der Zahn wegkrackert!“ Und dann entdeckte er sie, mitten im Geschehen. Die wunderschöne Frau im grünen Kleid lief mitten zwischen den Karottenfrauen auf der Straße. Sie drehte sich unvermittelt in die Kamera und sprach hinein. „Ach ja, meinen Schal muß ich mir ja auch noch holen. Sonst erkälte ich mich hier noch, gell Maxi?“

Karfunkel bekam einen Stich ins Herz. Oh Gott, die meint ja wieder mich!

Wie aus dem Nichts donnerte urplötzlich eine Straßenbahn mitten durch die Menge und ließ ein lauten Klingeln ertönen. Doch die Warnung kam zu spät. Die meisten Walker lagen schon zermalmt auf dem Boden.

Mit Freude, Entsetzen, Angst, Verwirrung und Herzklopfen wachte Karfunkel auf. Sein Wecker klingelte und klingelte. Oh, zum Glück war das nur ein Traum! Er schaltete den Alarm aus.

Dann kann ich ja in die Arbeit gehen. Nur noch einmal den Schal berühren.

So sehr er auch suchte, der Schal war weg.

 

Fortsetzung folgt


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Stand: Montag, 18. April 2011