Kap.7: Das Unternehmen   

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Das Unternehmen

Vorsichtig wie jeden Tag zog Karfunkel seine Schreibtischschublade auf und fand dort – nichts. Und ebenso wie jeden Tag lehnte er sich erleichtert zurück. Hatte ihm doch jemand nur einen Streich gespielt. Denn die Nachrichten von damals hatten ihn doch sehr beunruhigt.

„Ist der neue Quellermann-Katalog schon da?“, fragte er seine Sekretärin über die Sprechanlage.

„Aber Herr Direktor,“ säuselte sie, „Sie wollen mich wohl veräppeln? ... Oder haben Sie die Nachrichten nicht gehört?“

Gereizt rief Karfunkel „Was für Nachrichten?“, denn bei diesem Thema verstand er keinen Spaß. Waren diese Wälzer doch sein einziger wirklicher Kontakt zur Außenwelt. Besonders zur weiblichen. Das Internet war für ihn ein noch unbekannteres Wesen.

Die Tür ging auf, und Lisa Motte tänzelte herein. Sie lächelte ihn an und sagte: „Quellermann ist doch tot!“

„Was?“

„Konkurs, Finito, Weg, Basta Amen.“

„Oh Gott!“

„Übers Internet kriegen Sie heute alles bis zu 30 Prozent billiger.“

„Krieg ich doch überall! Und noch billiger.“

„Hmmm. Vielleicht sind die deswegen pleite?“, philosophierte Lisa Motte.

Karfunkel war verzweifelt. Und ausgerechnet in dieser Lebenskrise füllte sich noch sein Büro mit den Abteilungsleitern. Karfunkel war überrascht, wie viele Abteilungen er hatte. Sein Büro sah in kurzer Zeit aus wie ein Buswartehäuschen bei Regen zur Rush-Hour . Lisa Motte schüttelte den Kopf und rief mit spitzer Stimme, so daß es alle hören konnten: „Mein Gott, was wollen Sie denn mit denen da. Sie sollten sich mal mit den kompetenten Mitarbeitern unterhalten.“

Das saß. 35 Augenpaare durchbohrten Lisa Motte. Aber Keiner wagte eine Erwiderung. Jetzt wußte Karfunkel, weshalb seine Sekretärin so unbeliebt war, wie er aus so manchen Bemerkungen immer wieder heraushören konnte. Andere wiederum schienen sie zu lieben.

„Herr Direktor, wenn sie mit denen dann fertig sind, vergessen Sie nicht, Polinski-Poderer wenigstens zu begrüßen. Ich kenne ihn. Der fängt sonst an zu spinnen und macht Ihnen das Leben noch schwerer. Glauben Sie mir, das kann er.“ Damit drehte sie sich um, ließ einen spöttischen Blick über die Mann- und Frauschaft kreisen und verließ aufrecht mit leicht wackelnden Hüften das Büro. Und da waren sie wieder, die Dolche, die ihr nachfolgten.

„Mein Gott, was für eine Frau“, dachte sich Karfunkel und rief dann laut in die Meute: „Das hat wirklich keinen Sinn. Ich möchte ab morgen Abteilung für Abteilung hier haben.“ In die Sprechanlage bellte er: „Fräulein Motte, ich hätte gerne bis heute Nachmittag eine Liste der Abteilungen und Leiter.“

„Ein Organigramm?“

„Von mir aus auch so was.“ Dann schaute er seine Angestellten traurig an und sagte resignierend: „Und Sie können jetzt gehen. Wir werden uns in Einzelgesprächen unterhalten.“

Mürrisch drehten sie die Damen und Herren um und verließen den Raum. Leise murmelten sie ihre Kommentare. „Was der Depp wohl will?“... „Ich habe meine Zeit auch nicht gestohlen“... „Der soll uns in Ruhe lassen“...„Der hat jetzt schon die gleichen Allüren wie sein Vater. Will den großen Chef spielen“... „Aber der ist der Chef“...“Umso schlimmer“...

Karfunkel lehnte sich zurück. Zum Glück war jetzt die Hauptmesse gerade erst vorbei, also mußten die Orders des Kosmetik-Fachhandels für das nächste Jahr geschrieben sein. Die jährlich im Herbst stattfindende LPM,  Lipide, Proteine and More, war die wichtigste Fachmesse, um die neuesten Produkte der Drogeriebranche den Einkäufern vorzustellen. Das trieb den Umsatz immer gewaltig nach oben, hatten ihm seine Leute immer versichert. Auch sein Vater hatte immer auf die LPM hingearbeitet. In den kommenden schwierigen Verhandlungen mit den Banken war das ein gutes Polster. Karfunkel hatte ein gutes Gefühl. Er rief seine Sekretärin zu sich herein.

„Fräulein Motte, gibt es schon die Zahlen von der LPM?“

„Ist das Ihr Ernst, Herr Direktor?“

„Natürlich!“

„Meinen wir das Gleiche? Die Landpomeranzen-Messe?“

„Ich meine natürlich die Messe von letzter Woche“ Karfunkel war genervt. „Die LPM halt, Lipide, Proteine and More.“

„Also doch die ‚Land-Pomeranzen-Messe’, gerne auch 'Lauter Plödsinnige Mitbringsel'. genannt Das ist doch nicht Ihr Ernst!“

„Unsere Fachmesse hat doch nichts mit Plödsinnigen Mitbringseln oder Landpomeranzen zu tun.“

„Doch“, widersprach Lisa Motte energisch. „Und wie! Da gehen die Einkäufer doch schon lange nicht mehr hin, seit sie immer mehr von Horden einkaufswütiger 14jähriger Pseudoeinkäuferinnen mit selbstgedruckten Visitenkarten von den Ständen weggedrängt wurden. Alle mit künstlich blonder Mähne, in knallengen Jeans, mit meterlangen künstlichen Fingernägeln, Stiefel bis zum Monster-Po und direkt darüber das Arschgeweih. Das sieht wirklich schlimm aus, besonders als geballte Masse aus dem ländlichen Umland. Und Einkäufer sind Sensibelchen, das wissen Sie ja.“

„Aber wenn die so gut einkaufen ist das ja in Ordnung, oder?“

„Da haben Sie recht. Den privaten Jahresbedarf an Lidschatten, Lippenstift und so. Stolze 2-3 Stück. Und Geschenke.“

„Geschenke???““

„Na klar, inzwischen hat die China-Connection die Möglichkeiten entdeckt und verkaufen dort den ganzen Krempel vom Plastik-Engelchen bis zur Reisetasche zum vermeintlichen Großhandelspreis. Die sind ja nicht blöd.“

„Klingt nach Basar.“

„Schlimmer.“

„Schlimmer als Basar geht nicht.“

„Doch. Fragen Sie das Messeteam.“

„Dann schicken Sie die als erste heute nachmittag rein.“

„In Ordnung, Herr Direktor, aber erschrecken Sie nicht. Apropos erschrecken: jetzt müßten Sie mal ins Besprechungszimmer. Ich glaube, unser Polinski-Poderer ist gerade gekommen.“

„Au weia! Na gut, dann bis später. Mahlzeit!“

Karfunkel betrat das Besprechungszimmer, in dem Liebig und Polinski-Poderer schweigend am Tisch saßen. Liebig stand noch zu sehr unter dem Einfluß der Morgennachrichten und war dadurch unfähig, sich mit dem Vertreter der Stadt zu unterhalten. Small Talk war ohnehin nicht seine Stärke, dazu war er zu sehr Jurist. Würde Nopol jetzt doch den Bach runtergehen?, fragte er sich. Dann hätte er sich zu früh von seinem Wagen getrennt. Vielleicht hätte er sogar noch Geld für seinen wunderschönen Kastrat bekommen? Er konnte sein Unglück einfach nicht fassen. Und Polinski-Poderer war für ihn Symbol der Staatsmacht, die dies verbockt hatte. Er haßte ihn.

Polinski-Poderer, ein etwas nach vorne gebeugter schmächtiger Mann mit Hakennase, kleinen grauen Augen und langen, knochigen Fingern wunderte sich, daß man noch nicht beim Essen sei. „Naja,“ dachte er bei sich, „zumindest gibt es hier leckere Kekse und Saft.“ Als er nach den Flaschen greifen wollte, rief Karfunkel hastig „Wollen wir nicht gleich in die Kantine gehen? Wir haben gerade Indische Woche. Heute gibt es Currywurst.“

„Besser als gar nichts,“ antwortete Polinksi-Poderer patzig, denn er hatte wesentlich Ausgefalleneres erwartet. „Und wer sind Sie?“

„Maximilian Karfunkel. Ich bin der Direktor.“

„Ach so. Na, dann gehen wir mal.“

Schweigend gingen die drei Männer in die halbleere Kantine, wo ihnen das Aroma von Ketchup, Curry und ranzigem Fett entgegenschlug. Zuerst Karfunkel, dann Polinski-Poderer, als Schlußlicht ein frustrierter Voljurist. Doch der Vertreter der Stadt wurde nicht bedient. Er wollte schon auf einen Tisch zusteuern und seine Bestellung aufgeben, als er merkte, daß die anderen auf die Essensausgabe zusteuerten. „Kommen Sie“, rief Karfunkel. Jeder nahm sich ein Tablett, Papierserviette, Besteck und ein Glas. Karfunkel deutete mit seinem Kopf zum Limoautomaten und ließ eine gelbliche Flüssigkeit in sein Glas laufen, ebenso Liebig, der sich inzwischen um eine Position nach vorne gearbeitet hatte, zum Schluß, total angewidert, Polinski-Poderer.

Alle drei nahmen die Currywurst. Von den Alternativen 'Rindsroulade Karfunkel' (zusammengerollter Leberkäse) und 'Weekend-Sinti-Goulasch' (ein Potpourri der Gerichte der letzten Woche mit reichlich Paprika verfeinert) nahmen sie spontan Abstand. Karfunkel hielt seinen Firmenausweis über den Transponder, ebenso Liebig. Polinski-Poderer stutzte, als die Kassiererin laut „Macht Fünfneunzich“ rief. Irritiert hielt er an und sah Karfunkel und Liebig, die den nächsten Resopaltisch schon angesteuert hatten, überrascht und fragend an. Karfunkel machte eine entschuldigende Geste und rief der Kassiererin zu: „Der Mann ist unser Gast. Der zahlt natürlich nur den Mitarbeitertarif.“ „Ntschulligung, mir sacht ja niemand was. Macht dreizweiundneunzich, bitte.“

Polinski-Poderer hatte so etwas noch nie erlebt. Geld? Von IHM? Perplex kramte er in seinen Taschen, fand etwas, das nach Geld aussah und legte ein paar Münzen hin.

„Mein Herr, wollense mich verarschen? Wir haben schon den Euro. Hamm Se das verschlafen? Oder glaubense ich bin auf der Brennsuppn daherg'schwommen?“

Mit hochrotem Kopf und unter allgemeinem Johlen der übrigen Kantinenbesucher hielt Polinski-Poderer ihr den Inhalt seiner Hosentasche hin.

„Da is ja alles drin“, rief die Kassiererin. „Euro, Lire, Peseten, Mark...fehlen nur noch ein paar altrömische Sesterzen, gell?“

Polinski-Poderer betrieb den Sport, nach verlorenen oder vergessenen Münzen in Telefonzellen und Parkautomaten zu suchen. Oft ließen auch Gäste in den Cafés der Stadt Geld neben der Tasse liegen, das er sich schnell schnappte, bevor der Ober kam. So sammelte sich mit der Zeit ein großer Schatz in seinen Hosentaschen an. Seine Hosen beulten mit der Zeit aus und hingen immer tief nach unten, was die Kids von Alpstadt bei seinem Anblick mit Anerkennung beobachteten. „Echt geil“, dachten sie sich, „fett krass, echt einer von uns.“  Anfangs störten sie sich an der Unterhose, dann wurde sie zum Trend. Polsinski-Look. Und ihre Mütter mußten ihnen fortan nur noch Unterhosen von Spiesser kaufen, Doppelripp mit Eingriff. „Wo hat der die Superteile nur her?“, fragten sich alle. Der Fachhandel von Alpstadt konnte nämlich nur die weiße Sorte ohne diese Designer-Löcher anbieten.

„Na also, geht doch“ sagte die Kassiererin, die sich drei 2-Euro-Münzen nahm und ihm 20 Cent rausgab.

Polinski-Poderer ging grimmig zum Tisch, an dem Liebig und Karfunkel saßen. Beide wischten sich gerade den Mund ab, warfen ihre Servietten auf die verschmierten Teller und riefen unisono „Fertig!“. Polinski-Poderer setzte sich und schaute angewidert auf sein orangefarbenes Tablett. Wie gebannt beobachtete er, wie sich eine Blase in seiner Sauce aufbaute und mit einem dumpfen Blubb entlud und in sich zusammenfiel. Er fragte sich, was dort unten wohl lebte. Appetit hatte er keinen mehr.

„Hauen Sie mal tüchtig rein“ rief Karfunkel „und erzählen Sie mal, was Sie zu uns treibt.“

„Eigentlich habe ich keinen Hunger“, antwortete Polinski-Poderer mufflig. „Kann mir das jemand einpacken? Das esse ich später.“

„Na klar“, rief Karfunkel, hastete hinter die Ausgabe und kam freudig mit einer durchsichtigen Plastiktüte wieder. Polinski-Poderer bat um zwei weitere Tüten. Karfunkel ging zurück und wedelte mit den Zusatztüten. Er nahm den Teller, kippte alles in eine der Tüten, verschloß sie mit einem Knoten und überreichte Polinski-Poderer das Kunstwerk sowie die leeren Tüten. Der nahm alles grimmig in Empfang. „Für die Bodenproben. Habe keine Zeit mehr für Sie. Ich gehe noch ein bißchen rum, dann hören Sie in Kürze von uns.“ Beleidigt verließ Polinski-Poderer die Kantine.

Karfunkel und Liebig sahen sich an. „Komischer Kauz“, sagte Karfunkel. Liebigs tiefschürfender Kommentar lautete: „Hmm...Scho“.

Mit wirren Augen und voller Wut irrte Polinski-Poderer über das Firmengelände, bis er geeignete Objekte fand. Unter einem Ekutt TT fand er einen Tropfen Öl, der langsam zwischen den Pflastersteinen versickerte. „So, Öl hätten wir schon mal“, lächelte er grimmig, „verseuchtes Erdreich ist kein Kavaliersdelikt. Unerlaubter Betrieb einer Gaststätte ist so gut sicher, die Lebensmittelkontrolleure schicke ich denen noch nach. Auf alle Fälle jetzt schnell auf die Toilette. Ich brauche noch jede Menge Keime. Und dann hänge ich denen noch § 36 e der Brandschutzverordnung an. Das zieht immer. Die Bude schließe ich denen. Heyden wird zufrieden sein.“

„Was machen Sie denn hier?“ Ein große Gestalt schaute ihn an, als er unter dem Wagen vorkroch.

„Ich bin Vollzugsbeamter der Staatsanwaltschaft und Sie?“

„Eine Ebene höher,“ sagte der Kranführer Karl laut und mit jeder Menge Autorität in der Stimme. Er nestelte am Stecker in seinem rechten Ohr. „Ich glaube, Sie gehen jetzt besser.“

„Ja, schon gut. Darf ich noch auf die Toilette?“ fragte Polinski-Poderer devot.

„Wenn Sie zu Hause eine haben, ja.“

Mißmutig, mit hochgezogenen Schultern, den Kopf gesenkt, verließ Polinski-Poderer mit drei prallgefüllten Plastiktüten das Firmengelände und stellte sich an die Bushaltestelle. Er hatte sich zwar von Jahren ein Auto gekauft, aber schließlich durfte er ja kostenlos die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Besonders wenn es nur drei Kilometer Luftlinie bis zum Büro waren. Während er auf den Bus wartete, ließ er die Landschaft auf sich wirken. „Und wenn wir die nicht so wegkriegen, dann bauen wir eine Straßenbahnlinie hierher. Wundert mich, daß die noch so ganz ohne Oberleitung leben dürfen. Genau! Genial! Baustelle vor den Firmentoren. Da hätte ich ja gleich draufkommen können. Das wird die fertigmachen. Und gleichzeitig monatelange Markierungsarbeiten an der Autobahnausfahrt. Heyden wird begeistert sein!“ Er freute sich schon auf das Gesicht seines Chefs, wenn er in eineinhalb Stunden in seinem Büro sein würde.

So kam es dann auch. Heyden war höchst erfreut über den Bericht seines Helfers und wies gleich das Baureferat an, Planungsarbeiten zum Bau einer äußerst wichtigen Tramlinie zu beginnen. Die Autobahnausfahrt wurde schon mal prophylaktisch gesperrt. Das städtische Labor analysierte sofort die Bodenproben und hatte zwei Tage Zeit, einen objetiven und vernichtenden Bericht anzufertigen.

Auch das Kreisverwaltungsreferat befaßte sich umgehend mit der Frage, ob Karfunkel so ganz „ohne Anbringung eines Schildes hinweisend auf den Betreiber eine Betriebsstätte zur Herstellung, Verbreitung oder Verkauf zum Zwecke des Verzehrs von Backwaren sowie Speisen und Getränke in halböffentlichen Räumen mit dem Ziel, diese hergestellten oder vertriebenen Lebensmittel oder Getränke an ein abhängiges Publikum unter Einbeziehung monetärer Vertriebswege zu vermitteln.“ Schon der fehlende Aushang der Öffnungszeiten sollte zu einer empfindlichen Geldbuße führen.

Dann erging noch eine Aktennotiz an das Finanzamt Alpstadt V mit der Bitte um Prüfung der Frage, ob die Differenz aus den Preisrabatten für Mitarbeiter als Geldwerter Vorteil zu versteuern sei. Diese komplizierte juristische Frage beabsichtigte der zuständige Referent am Abend mit seinen Kollegen auf dem „Bankett der langen Bescheide“ diskutieren, einer monatlichen Veranstaltung des Verbandes der Steuerberater im Alpstädter Hof, der immer sehr gut besucht war, weil es hier kostenlos die besten Speisen und Getränke gab, während man im Nebensaal Referate besuchen konnte (leider gab es jedoch stets weder Referenten noch Interessenten). Natürlich sprach der Mitarbeiter des Finanzamtes an diesem Abend doch nicht mit seinen Kollegen, da er strikt Beruf und Vergnügen trennen wollte, um nicht in einen Interessenskonflikt zu geraten. Das Thema erledigte sich mit dem Rundschreiben seines Abteilungsleiters, in dem die Weisung an alle Referenten erging: „Alles reinholen wo geht“.  

Auch hier war der Anfang gemacht.

Karfunkel und Liebig standen noch lange am Kantinenausgang, bis Karfunkel schließlich das Wort ergriff: „Xavi, ich sag's dir. Jetzt muß etwas geschehen. Ich stehe mit dem Rücken zur Wand.“

„Die ist aus Rigips.“

„Was?“

„Iss ne Rigips-Wand, Funki. Mußt du vorsichtig sein.“

„Oh Gott, weißt du eigentlich, wovon ich spreche?“

„Von Wänden?“

„Nein, von unseren Problemen, du Depp.“

„Hab ich auch. Hast du wirklich nicht mein juristisches Video gefunden? Das brauche ich dringend.“

„Hör auf mit deinem Quatsch. Ich gehe jetzt in mein Büro. Das Messeteam kommt zum Rapport.“

Auf dem Weg zu seinem Büro begegnete er dem Pförtner, der eigentlich in der Einfahrt seinen Dienst verrichten sollte. „Was machen Sie denn hier? Wer steht jetzt unten?“

„Meine Praktikantin, Herr Direktor“, entgegnete der Pförtner.

„Praktikantin???“

„Ja jlauben Sie, ich kann da immer nur in meinem Häuscken sitzen? Praktikantenstellen sind seit einigen Jahren sehr bejehrt.“

„Au weia“, dachte sich Karfunkel und fragte den Pförtner. „Aber wo ich Sie gerade treffe. Was ist denn damals aus der Videoaufzeichnung geworden?“

„Ja mei, Herr Direktor. Das ist so 'ne Sache. Ich wollte Sie damit eijentlich jar nicht belasten. Also wissense, mein Schwager, hat das Zeug am nächsten Tag wieder abjebaut, weil er das alles zur Überwachung seiner Frau im Haushalt einsetzen wollte. Das war blöd. Ich hab das natierlich sofort meiner Schwester erzählt. Und jetzt habe ich keen Schwager mehr. Nur noch nen Ex-Schwager. Und der redet nich mehr mit mir.“

„Aber einen Tag hatten Sie doch aufgezeichnet. War da was zu sehen?“, fragte Karfunkel mit Unschuldsmiene.

„Na ja“, wand sich der Pförtner. „Na ja scho. Aber ich will Ihnen nich’ belasten.“

„Jetzt reden Sie schon“, wurde Karfunkel ungeduldig. „Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“

„Also auf dem Video war unser Innenhof zu sähn. War komisch, weil unsere Kamera ja eijentlich fixiert war, hier wurde aber ständig jezoomt und die Position – in jeder Hinsicht – jewechselt. Die Kammera muß jemand abjenommen haben, denk ich. Also jedenfalls waren da Damen drauf. Nackte Damen. In Richterroben. In offenen Richterroben. Im Wind. Und dann noch die Urteilsverkündigung.“

„Verurteilung?“

„Ja, zu Peitschenhieben und Schlimmerem. Also ich will ja da nich so ins Detail jehen, obwohl man bei den Damen die Details in allen Jrößen sah. Jenau wie beem Anjeklagten.“

„Angeklagten?“

„Ja, dem anschließend nackten Anjeklagten, also eijentlich Verurteilten, der mir irjendwie bekannt vorkam. Na ja, zum Schluß waren die alle über und unter ihm. Schreckliche Jeschichte. Der arme Mann. Ich habe mir das Janze schon oft anjesehen. Ich meine, ich schaue eijentlich nur, ob man im Hinterjrund nicht doch was über Aktivitäten auf unserem scheenen Jelände sieht. Muß ich noch öfter tun. Ich habe da immer so ein Jefühl. Also so ein Jefühl, als ob da noch was kommt. Ich berichte Ihnen, wenn ich was entdecke. Ist doch in Ordnung, Chef, jell? Man ist halt immer im Dienst. Manchmal nehme ich mir das Ding nach Hause mit. Aber kene Sorje. Das schreibe ich nicht als Überstunden auf, Cheffe.“

Damit drehte dich der Pförtner um und hastete eilig den Gang entlang. "Muß zur Praktikantin", rief er zurück.

Karfunkel atmete schwer, weil seine Phantasie mitgearbeitet hatte. „Xavi, Xavi,“ dachte er sich, „das kann doch nicht sein! "

In seinem Büro angekommen, lächelte ihn Lisa Motte an und sagte: „Mahlzeit, Herr Direktor. Das Messegeschwader wartet schon auf Sie.“

Er öffnete seine Tür und blickte auf 10 Frauen. Alle mit künstlich blonder Mähne, in knallengen Jeans, mit meterlangen künstlichen Fingernägeln, Stiefel bis zum Monster-Po und direkt darüber das Arschgeweih.

Karfunkel erstarrte.

„Mahlzeit!“ rief er schließlich den Damen zu, die sich ihm gelangweilt zuwandten. „Ich wollte eigentlich nur die Abteilungsleitung, nicht das gesamte Messegeschwa...äh..Team.“

„Natürlich“, sagte schließlich eine der Damen kaugummikauend. „Sind wir.“

„Alle Damen hier?“

„Klar! Sind ja viele Aufgaben, die die Abteilungen machen müssen. Da haben wir ja immer nur ein Jahr Zeit.“

„Aber das haben früher doch genau 3 Damen aus der Öffentlichkeitsarbeit nebenher gemacht.“

„Ja mei, das war früher. Die drei Zicken haben wir als erstes vom Personalchef entsorgen lassen. Des wird halt auch immer mehr Arbeit. Zum Glück haben unsere Mitarbeiterinnen genügend Praktikantinnen“, sagte der Kaugummi.

„Was für Abteilungen?“

Der Kaugummi wies nacheinander auf die entsprechenden Kolleginnen: „Wir gehören also zur Hauptabteilung ‚Messedurchführung’. Und hier sind die Abteilungen Vorbereitung, Durchführung, Bewirtung, Begrüßung, Auftragswesen, Reinigung, Design, Aufbauüberwachung, Abbauüberwachung. Und ich für Persönliche Betreuung.“

„Persönliche Betreuung?“

„Na klar,“ kaute die Abteilungsleiterin, „wenn Sie zum Beispiel kämen. Oder der Günther, äh, also der Herr Müller“.

„Welcher Müller? Der von der Entwicklung, der vom Marketing oder der Leiter Personalabteilung?“

„Natürlich der Personal-Müller. Der ist immer besonders scharf, äh, schwierig. Der will natürlich persönlich betreut werden.“

„Aha,“ runzelte Karfunkel die Stirn. „Habe mich schon gewundert, daß unsere Personalkosten exorbitant steigen. Aber nochmal zurück zu den früheren Damen. Wie wurden die denn 'entsorgt'?“

„Fragen Sie das den Günth...äh Herrn Müller. Aber ich glaube, die Senfstengel hat sich auf der letzten Messe einen der Kundenkekse genommen und wurde fristlos gefeuert.“

„Kekse scheinen unser besonderes Problem zu sein“, murmelte Karfunkel konsterniert.

„Naja und die Weißmann-Bröckelmann wurde hysterisch. Hat den Herrn Müller vor allen Leuten angebrüllt, sie werde hier gemobbt und er sei ein Idiot. Da konnte er ihr null Problemo wegen dem zerrütteten Vertrauensverhältnis fristlos kündigen. War echt geil!“

„Wundert mich, daß sie nicht zu mir kam. Wir kamen eigentlich immer gut aus.“

„Das hat er echt supi gemacht. Hat die alte Schnepfe sofort freigestellt und ihr in Ihrem Namen Hausverbot erteilt. So konnte sie sich von niemandem mehr verabschieden und herumhetzen. Hat ja auch jeder gemerkt, daß die total depressiv war.“

„Ich glaube, ich werde sie nachher anrufen. Und depressiv war sie garantiert nicht“, protestierte Karfunkel, der innerlich immer angespannter wurde. Er merkte plötzlich, daß so viele Dinge an ihm vorbeigegangen waren. Er mochte die drei Frauen, besonders die Weißmann-Bröckelmann. So hatte er sich seine Mutter immer gewünscht.

„Na ja. Anrufen können Sie die Tante wohl nicht mehr.“

„Wieso?“

„Ich habe doch gesagt, daß die total depri war. Die hat sich doch gleich danach vor die neue Tram an der Alpstädter Gleichheit geworfen. Ausgerechnet bei der Jungfernfahrt. Hat allen Besuchern den Spaß verdorben. Aber so biestig war sie ja schon immer. Identifiziert haben sie die ja erst letzte Woche. Und vorgestern haben sie sie eingebuddelt.“

Karfunkel war schockiert. „War jemand von der Firma da? Haben wir einen Kranz geschickt?“

„Natürlich nicht,“ sagte die Blondine erbost. „Bei so einer. Und der Gün...der Herr Müller hat gesagt, daß wir das nicht brauchen. Weil die ja gar nicht mehr bei uns war. Und dann hat er mit Ihrer Mutter gesprochen. Und die wollte das aus Kostengründen auch nicht.“

Karfunkel zitterte. „Und Frau Brömmel?“

„Die Tussi hat ihr Handy aufgeladen.“

„Ja, und, was ist passiert? Ist es explodiert. Oder was?“

„Sie hat sich halt erwischen lassen. Wir hamm das gesehen und den Herrn Müller angerufen. Der ist halt dann gekommen und hat es auch gleich mit eigenen Augen gesehen.“

„Jetzt reden Sie schon. Was ist passiert?“

„Wissen Sie doch. Stromdiebstahl. Ihre Frau Mutter war auch ziemlich sauer. Und – ratzfatz – war die Brömmel weg. Alles juristisch abgesichert. Zum Glück hamm wir den Dr. Liebig. Und jetzt versuchen wir, es besser zu machen.“

„Versuchen?“

„Naja. Iss halt so viel Arbeit. Wir brauchen halt mehr Personal.“ Sie nahm angewidert den Kaugummi aus dem Mund. „Die schmecken halt einfach nach einer gewissen Zeit Scheiße.“ Sie schaute umher und suchte einen Platz zum Andocken.

Die Tür ging auf, und seine Sekretärin rief: „Herr Direktor, denken Sie an Ihren Termin!“

„Wie, weshalb, was für einen Termin.“ Dann dämmerte ihm der geniale Schachzug von Fräulein Motte, ihn von den Damen loszueisen. „Ach ja, stimmt. Komme gleich“, rief er dankbar. Dann entdeckte er mit Grausen, daß der Kaugummi verschwunden war.

Verstohlen scannte Karfunkel die Griffnähe der Abteilungsleiterin, konnte aber den Kaugummi nicht entdecken.

„Also gut,“ sprach er mit lauter Stimme. „Dann hätte ich gerne mal den schriftlichen Report von der Messe. Alle Statistiken der Entwicklung der letzten Jahre mit Grafiken und allem. „Er schaute die Mädels an und konnte keine entdecken, die irgendwelche Ordner oder Papiere bei sich hätte. Die Mädels schauten sich entgeistert an, dann ihn, dann zuckten sie mit den Achseln, bis eine sprach.

„Häh??“

„Sie haben mich doch verstanden, oder?“

„Häh? „Statisten? Grafi was?“

„Irgendeine der Damen oder Mitarbeiterinnen wird doch wohl einen Bericht verfaßt haben!“

Die Damen sahen sich wieder sprachlos an.

„Oder vielleicht die Praktikantinnen?“

Die Sprecherin der Abteilungsleiterinnen baute sich vor Karfunkel auf, verschränkte ihre Arme und rief erbost: „Was sollen wir denn sonst noch machen. Sie machen mir Spaß. Bloß weil Sie der Chef sind, brauchen Sie uns gewiß nicht knechten. Das hat auch der Günther gesagt. Da hab ich keine Angst vor Ihnen.“

„Aha,“ fiel ihr Karfunkel sarkastisch ins Wort, „dann kann vielleicht die Dame in ein paar Worten zusammenfassen, wie sie glaubt, daß die Messe vielleicht einigermaßen gelaufen ist?“

„So ist schon besser,“ sagte sie. „Also gut war`s. Wir haben jede Menge verkauft“.

„Wie hoch war – so ungefähr – die Summe der Bestellungen?“

„Nee, wir hamm lieber gleich verkauft. Iss doch besser, das Geld gleich zu hamm, oder? Bis auf die eine, die kein Geld dabei hatte. Der müssen wir die Karfunkel-Creme nachschicken. Naja, so Siebentausend, denke ich.“

„Was? Und wieviel haben die anderen verkauft?“

„Was glauben Sie? Die Summe haben wir alle zusammen geschafft. Toll, gell?“

„Toll,“ rief Karfunkel sarkastisch. „Zehn Abteilungen erwirtschaften siebentausend Euro Umsatz. Die Messekosten schätze ich auf fünfzentausen, plus Werbung und Gehälter. Wahrscheinlich hat die Marketingabteilung auch zugearbeitet, oder?“

„Nee, die haben das natürlich außer Haus gegeben. Muß ja auch professionell sein, gell?“

„Ach ja, natürlich, dann kommt da auch noch ein Batzen Geld hinzu. Oder besser 'weg'."

„Na klar, aber das ist ja schließlich auch kostenlos für Sie“. Die Blondine wurde wieder pampig. „Das können Sie ja schließlich absetzen. Kostet also nix. Wie unsere mickrigen Gehälter.“

„Ach,“ sprach Karfunkel leise, und sein Herz schlug ganz schnell, „soll ich Ihre Gehälter erhöhen?“

„AU JA!. Toll!“, jubelten zehn Blondinen laut und erregt.

„Ich denke, Sie hören noch von mir. Und jetzt bitte ich Sie, mein Büro zu verlassen.“

Die zehn Teamleiterinnen drehten sich gleichzeitig um und tippelten schnatternd in ihre Büros. „Toll, der issja toll.“ „Genau, garnich wie der Günni immer sagt.“ „Haate Aaabeit zahlt sich halt aus.“ „Werma jetz reich?“

Und alle träumten sie die folgenden Tage von ihrem vermeintlichen neuen Glück.

Karfunkel war froh, endlich allein zu sein. Er ging zu seiner Sitzgruppe aus Kunstleder, die ihm seine Mutter vor zehn Jahren ausgesucht hatte, und ließ sich in einen der Sessel fallen. Das tat weh, aber er brauchte das jetzt. „Schmerz läßt einen das Leben spüren“, dachte er sich. „Aber ich will keinen Schmerz mehr.“ Er versank in Gedanken, in schrecklichen Gedanken und tat sich sehr, sehr leid. Er kuschelte sich so gut es ging in den harten Sessel von HIMIWE (Hinfahren-Mitnehmen-Wegschmeißen), begrub sein Gesicht in seinen Händen und versuchte, zur Ruhe zu kommen.

Er hörte ein Geräusch und wollte sich schnell an der Tischplatte wieder hochziehen. Da spürte er von der Unterseite etwas Weiches an seiner rechten Hand. Etwas Klebrig-Weiches. Und er wußte, was es war. Sofort verspürte er auch das vertraute Brennen an der Oberlippe. „Oh Gott“, dachte er. „Erst das Messegeschwader, dann der Kaugummi, und zu guter Letzt auch noch Herpes. Er versuchte zunächst, mit einem Taschentuch die Reste des Kaugummis abzuwischen, dann nahm er seine Salbe und schmierte sich seine Lippe ein. Ganz gedankenversunken verfluchte er die Mädels von vorhin und schmiedete Rachepläne, so daß er alles andere um sich herum vergaß.

Und so fuhr er zusammen, als er eine feste Stimme hinter sich hörte:

„So, ich glaube, das war genug Realität für heute, oder?“

Karfunkel drehte sich um und sah seine Sekretärin in der Tür stehen.

„Sie haben ja gleich fast mit dem Schwersten begonnen.“

„Ich glaube, schlimmer kann es gar nicht werden.“

Lisa Motte sah ihn mitleidig an. Sehr lange sah sie ihm in die Augen. Dann sagte sie leise: „Doch“

„Au weia, wirklich?"

„Sehr wirklich. Ich hoffe, Sie schaffen's. Ich muß jetzt gehen, und Sie sollten jetzt auch gehen.“

„Sie haben's gut. Sie haben jemanden, der auf Sie wartet.“

„Ihr Mutter wartet doch sicher auf Sie!“

„Genau, das kommt auch noch hinzu. Das wissen Sie doch.“

„Entschuldigung, das war nicht nett von mir. Aber ich bin auch ein wenig gereizt. Da findet man jemanden für's Leben, und dann wird’s komisch.“

„Wie komisch?“

„Ach der verschiebt dauernd den Hochzeitstermin, ist selten mal da. Das ändert sich alles, sagt er, wenn er seinen großen Deal gemacht hat. Dann kommt er groß raus, sagt er.“

„Was macht er beruflich?“

„Weiß nicht. Ich denke, der ist beim Geheimdienst.“ Hat oft mal so ein Spiralkabel im Ohr.“

„Na ja,“ sagte Karfunkel wissend. „Hört halt Radio Alpstadt. Machen sie alle.“

„Echt? Ich dachte schon, daß er andere abhört. Oder gar mit anderen Mädels chattet. 'Ohralsex' sagt man, glaube ich dazu.“

„Nee, der hört garantiert nur Radio Alpstadt. Ist heute voll angesagt. Hören sogar unsere Leute bei der Arbeit. Karl, der Kranführer, zum Beispiel.“

„Wer ist das? Wir haben doch gar keinen Kran!“, sagte sie ganz erstaunt.

„Sie wissen doch sonst alles!“

„Aber den kenne ich nicht! Morgen frage ich mal nach, wer das sein soll. Sonst geht doch alles über mein...äh...Ihren Schreibtisch! Aber jetzt muß ich gehen. Bis morgen dann. Tschüss“. Sie warf ihm einen letzten mitleidigen Blick zu, drehte sich um, trat einen Schritt vor und prallte auf den dicken Bauch von Otto Otto, dem Betriebsratsvorsitzenden.

Sie schüttelte den Kopf und schaute ihn vorwurfsvoll an. „Sie haben doch gar keinen Termin. Wollen Sie morgen wiederkommen? Der Herr Direktor muß jetzt weg.“

„Ist schon gut, Fräulein Motte“, beschwichtigte Karfunkel. „Das schaffe ich heute auch noch.“

„Gut, wie Sie meinen. Dann bis morgen!“ Beim Hinausgehen zischte sie Herrn Otto giftig an: „Na gut, Sie haben exakt fünf Minuten.“

„Also, Herr Otto, was kann ich für Sie tun?“

„Sie dürfen auch Otto zu mir sagen.“ Er hatte diesen Witz schon Millionen Mal angebracht, und niemand hat jemals darüber gelacht. Nur seine Eltern hatten sich tagelang vor Lachen gebogen, als sie beschlossen, ihm diesen Namen zu verpassen. „Also, es ist so, daß wir alle mehr Geld brauchen.“

„Ich auch.“

„Nee, im Ernst, und ich habe da so eine Idee. Wissen Sie, wenn wir jetzt doch in China produzieren, wird ja alles billiger. Und da bleibt ja auch mehr übrig. Und das könnten Sie ja an uns auszahlen. Wenigstens zum Teil. Den Rest können Sie ja selbst behalten.“

„Das wundert mich bei Ihnen. Da müßten wir ja gleichzeitig Personal verringern. Und Sie als Betriebsrat?“

„Kein Problem. Wissen Sie, betriebsbedingte Kündigungen gehen klar.“

„Ach so?“

„Klaro!“ Otto grinste und sah sich seinem Ziel ein Stück näher: unkündbar und jede Menge Zaster.

„Und was wird aus den Entlassenen in dieser schweren Zeit?“

„Mei, die können ja nach China gehen“, lachte er. „Dort gibt’s Jobs in Hülle und Fülle. Genau das isses! Wir verlagern die Produktion nach China und jeder darf mitgehen. Das iss ja dann ne einfache Änderungskündigung, gell? Da müssen Sie noch nicht mal richtig kündigen! Das iss ja wie’n Umzug.“

„Und dann haben wir nur noch ein bißchen Verwaltung hier, gell?“, provozierte Karfunkel.

„Genau“.

"So wenig Personal, daß wir auch keinen Betriebsrat mehr brauchen?“

Otto Otto wurde bleich. „Scheiße, Herr Direktor. So radikal müssense das auch nicht unbedingt machen, oder?“

„Doch. Wenn schon, denn schon.“

„War ja nur ein Vorschlach. Tschulligung. War ne Schnapsidee. Vergessen Sie's einfach, Herr Direktor.“ Er sah auf seine Uhr. „Muß jetzt gehen, sonst krieg' ich Schwierigkeiten. Die fünf Minuten sind schon vorbei.“ Heftig stürmte er aus dem Büro. „Schön Ahmd noch“, hörte Karfunkel ihn noch aus dem Vorzimmer rufen. 

Dann wurde es still.

Karfunkel sammelte schnell seine Unterlagen zusammen, um sie über Nacht wie üblich in die obere Schreibtischschublade zu geben. Einmal hatte er es vergessen und mußte am nächsten Tag feststellen, daß die Putzfrau offensichtlich über alle herumliegenden Gegenstände nass rüberwischt. Seitdem war er sehr gewissenhaft.

Da war es wieder. Er traute seinen Augen nicht. Heute morgen war noch alles in Ordnung und jetzt? Mit zitternden Fingern nahm er das Blatt aus der Schublade und faltete es auseinander. „Rühr nicht so viel rum. Vati.“

Entsetzt schmiß Karfunkel alle Unterlagen in die Schublade, steckte das Blatt in seine Hosentasche und rannte aus dem Büro. Am Parkplatz stieg er in seinen AMW und brauste verwirrt nach Hause. Alle möglichen Gedanken schossen durch seinen Kopf. Konnte das sein? Lebte Vati noch? Wie war das damals? Vati hatte seinerzeit abends die Wohnung verlassen, um sich Zigarren zu holen. Seltsamerweise war der Humidor randvvoll. Karfunkel junior war an dem Abend oben in seinem Zimmer und hatte Cassetten mit dem Kopfhörer gehört. Nach dem Essen mußte er immer in sein Zimmer gehen und manchmal Kopfhörer aufsetzen. Mutti hatte immer beteuert, daß sonst nichts vorgefallen sei. Aber sie hatte ausgesagt, daß sie mit ihrem Mann an diesem Abend wie üblich auf der Wohnzimmercouch gekuschelt hatte, als er plötzlich aufstand und die Wohnung verließ. Ohne Schuhe und Mantel. Sein Wagen stand ebenfalls unberührt in der Garage. Als man nach einem Jahr eine vermoderte Leiche im Park fand, die in Statur Karfunkel senior ähnelte, erklärte man seinen Vater für tot. Und jetzt diese Nachrichten. An einer roten Ampel zog er den verknüllten Zettel heraus und stierte nochmals drauf. Eindeutig Vatis Handschrift! Beim Weglegen schaute Karfunkel auf das Armaturenbrett und erschrak noch mehr.

Eine gelbe Lampe! Das sollte nichts Gutes bedeuten. Wie ein Pilot checkte Karfunkel die Instrumente. Und dann sah er auf dem Kilometerstand die Bescherung und hoffte, es sei noch nichts geschehen. Hatte er doch beim Studium der Betriebsanleitung gelesen, daß so ein Triebwerk gute 1 bis 2 Liter Öl auf 1000 Kilometer benötigen könnte. „Au weia“, zuckte er zusammen und sah auf seine Checkliste auf der Mittelkonsole, „seit Kilometer 4523 nicht mehr kontrolliert. Und jetzt sind’s schon 7804! Das muß jetzt schnell gehen!“

Er schaute hektisch umher und sah in einer Seitenstraße, nach innen versetzt, eine kleine, notdürftig beleuchtete Tankstelle. Er gab Vollgas, bog scharf rechts in die Straße ab, hörte ein quietschendes Geräusch und wunderte sich über einen Radler, der laut schimpfend am Boden lag. „Solche Rüpel“, dachte er sich und schüttelte den Kopf. „Radfahren sollte verboten werden für solche hirnlosen Deppen“.

Er fuhr an die erste von vier Zapfsäulen, die SUPER PLUS versprach. Dann schaltete er den Motor ab. Erleichtert rief Karfunkel: „GERADE NOCH GESCHAFFT!“

 

 

Fortsetzung folgt


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Stand: Montag, 18. April 2011