Kap.6: Der Sommer war kurz   

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Der Sommer war kurz

Die Zeitungsberichte am nächsten Tag waren angesichts der Aufregung und Empörung der Reporter eher beiläufig und leidenschaftslos. Die Schlagzeile „Geht Karfunkel nach China?“ führte bei den meisten Lesern nur zum Achselzucken. An den Stammtischen wurde das Thema auch eher lustlos diskutiert. „Soll er doch“, war der einhellige Kommentar, und ein ganz Kluger im Grünen Eck mit 13 Halben um halb elf murmelte unter allgemeinem Kopfnicken „Der gelbe Strom iss auch nich schlechter wie der davor. Und billicher warer am Anfang allemal“. Wesentlich heftiger diskutiert wurde die scheinbar abgewendete Pleite von Quellermann und den führenden Banken des Landes. Hier hatte jeder ein Patentrezept parat.

Lediglich Kristjiane von den Laien, Tochter des Ministers für Kultus und Kultur und 19jährige Abiturientin am Heinrich-Lübke-Gymnasium, bewies in einem feurigen Artikel in der Schülerzeitung echtes soziales Engagement. Laien wollte Germanistik studieren, hatte aber bereits einen Halbtags-Redakteursvertrag mit dem regierungstreuen Schwarzen Abend, der Hauspostille der Christlich Sozialen Liga, in der Tasche. Aber eigentlich wollte sie ja Moderatorin bei einem unter jungen Leuten beliebten Fernsehsender werden, wo ihre Subintelligenz noch weniger auffallen würde. Dieser Artikel wurde, wie bislang alle ihre literarischen Ergüsse in Blau machen, von niemandem gelesen. [mal abgesehen vielleicht von Ihnen jetzt!]

Da warn wir gestern bei Karfunkel zu ner voll geilen Pressekonfe. Da gabs aber keine Kekse oder so. Da kam aber voll krass raus, das die in Kina produziern wolln. Da klagt unser Oberbürge dauernd über fehlende Steuern und da wolln die jetzt die fette Knete aus der Gewerbesteu andern überlassen :-(. Da solln die doch Karfunkel besser nich innen annern Landkreis gehen lassen, wo auch immer die Ortschaft Kina iss. Sonst sind die da alle ohne Knete, die wo bei denen heute noch arbeiten. Das find ich persönlich gemein und blöd. Besonders weil wir dann in Alpstadt eine Absinkung des Lebensstandarts hamm wern, wie jeda weiß...

Karfunkel hatte aber weiterhin keinerlei Absicht, seine Produktion zu verlagern und ärgerte sich über diese Gerüchte. Da ihn seine Mutter, seine Verwandten, die Banken und Bürgerinitiativen jedoch nicht weiter bedrängten, verfiel er in seinen alten Trott. Er kriegte morgens seine Bananen verpaßt und wurde abends mit Nudeln, Hackbraten und Pommes Frites gemästet.

Sein AMW wurde repariert, das Strafverfahren gegen Unbekannt eingestellt. Die Zahl der Anrufe wegen des Verkaufs seiner Grundstücke sank täglich, und jetzt schien es niemanden mehr zu interessieren..

Doch im Hintergrund wurden schon Pläne geschmiedet, Koalitionen und Seilschaften gegründet, Taktiken diskutiert, verworfen und optimiert.

Währenddessen kümmerten sich die Banken mit nie gekannter Energie darum, möglichst viele Milliarden vom Staat zu erhalten, um das frische Spielgeld hemmungslos erneut verzocken zu können.

Ohne wirkliche Widerreden gab der Staat den Banken das Geld, das er ja ebenfalls nicht besaß, um kein Störfeuer während des vor sich hinköchelnden Wahlkampfes zu erhalten. Das faktische Ergebnis war ohnehin wie üblich intern ausgehandelt worden. Und so gab sich diesmal keiner der Politiker mit sicherem Listenplatz mehr Mühe, Wahlalternativen aufzuzeigen.

Da so ein Volk aber durchaus zu seltsamen Anwandlungen fähig war, was die Politiker einhellig verabscheuten, wollten sie das Ergebnis nicht gefährden. Manchmal testeten die Politiker, wie weit sie in ihrer Verachtung der Steuerzahler gehen konnten. Beispielsweise, als ein Unterstaatssekretär den absurden Vorschlag einreichte, ein staatliches Unterstützungsprogramm für Bedürftige nach einem verurteilten Straftäter zu benennen, der der Meinung gewesen war, nur ausgewählte Personen sollten das Recht haben, sich auf Kosten anderer zu bereichern. Erstaunlicherweise fand keine Reaktion statt, was dazu führte, daß die staatlichen Organe immer stärker provozierten. Daß Gegenwehr weiterhin ausblieb, führte zu einer in der Geschichte dieses Landes einmaligen kollektiven Lustlosigkeit der Politiker zu noch mehr

Prompt tauchten in Alpstadt die ersten erwarteten unerwünschten Plakate auf. Die Regierungspartei und die Opposition schäumten vor Wut, wie jemand so dreist sein könne, dem Volk etwas zu versprechen, was man definitiv nicht halten könne. Dies sei schließlich den etablierten Parteien vorbehalten..

Staatskrise!

Man beriet, wie man das Problem aus der Welt schaffen könne. Die Plakate hatten schon zu viel Aufregung gesorgt, Talkshows trugen das Thema weiter ins Land. Ein simples Abhängen und Einstampfen der Plakate kam also nicht mehr in Frage.

Auch Karfunkel sah jetzt die Lösung all seiner Probleme in Griffnähe. Er beschloß, diese Partei zu wählen und freute sich schon auf den Batzen Geld auf seinem Konto. Vor allem würde er sich als erstes den AMW 934 tiiX6 mit Turbo und obenliegendem Handschuhfach zulegen. Mit Liebig diskutierte er tagelang die Frage, wie wohl das Geld ausgezahlt würde. „Ist doch klar“, sagte Liebig, „da gibt’s dann Banken, die als Zahlstellen fungieren. Und so stellt man sich einfach mit seinem Personalausweis in der Schlange an und kriegt dann alles in einen juristisch zertifizierten Koffer, den man selbst mitnehmen muß, gefüllt.“ „Quatsch,“ meinte Karfunkel, „garantiert läuft das so als Einlage beim Finanzamt. Nur hat man da ein Guthaben, von dem man mit Staatskreditkarte oder so abheben kann“. „Mensch Funki, „ lachte Liebig vergnügt, „dann könnte ich die abgefallenen Stoßstangen wieder auf meinen Kastrat montieren lassen. Die Löcher im Bodenblech würde ich von dem Geld auch zuschweißen lassen, selbst wenn das Pinkeln während der Fahrt dann schwieriger wird. Nehm' ich halt wieder ne Flasche mit wie früher. Und dann klappt’s vielleicht sogar noch mit dem TÜV.“

 

Doch die Hoffnungen waren verfrüht. Auf höchster Ebene wurde das Problem im Sinne des Staates tatsächlich gelöst. Alle Parteien waren landauf landab begeistert, gleichzeitig aber auch enttäuscht, nicht selbst auf diesen genialen Dreh gekommen zu sein. Jetzt wäre sogar das Problem der Staatsverschuldung gelöst. Überall in der Stadt wurden sofort die neuen Wahlplakate gekleistert.

Enttäuscht maulte Karfunkel: „Scheiße. Wie gewonnen so zerronnen.“

Da diese Partei jedoch wider Erwarten nicht die absolute Mehrheit erhielt, blieb alles beim alten.

Der einzige Lichtblick für Karfunkel war die Lieferung des neuen Quellermann-Katalogs im Hochsommer, mit dem er sich ausgiebig auseinandersetzte.

Dagegen waren die Aussichten für Liebig eher trübe. Der Autobauer Nopol war wieder einmal gerettet worden, so daß sich die erhoffte Preissteigerung bei Oldies nicht einstellen konnte. Zur Freude von Irene krachte der Kastrat eines Tages mitten auf der Alpstädter Gleichheit endgültig auseinander.

Zähneknirschend ließ Liebig seine Karosse zum nächsten Händler schleppen und beantragte die Abwrackprämie. „Mein Herr“, sagte der Autovertreter, „erstens handelt es sich bei Ihrem Kastrat nicht mehr um ein AutoMOBIL, sondern jetzt eine Immobilie, zweitens war dieses Gerät schon bei seiner Konstruktion eine Schrottmobilie. Und drittens ist genau jetzt, während wir reden, der letzte Antrag von meinem Kollegen da hinten ausgefüllt und eingereicht worden. Und wie Sie vielleicht bemerkt haben, sind Sie hier nicht bei Nopol, sondern bei Ekutt, dem Hersteller billiger Raketenautos.

„Aber der Kastrat LS hat Zarah Leander gehört“, protestierte Liebig und fügte leise hinzu „Oder so. In jedem Fall ist das doch das Glamour Car der besonderen Menschen.“

„Von wegen besondere Menschen. Den haben immer nur komische Kauze gekauft. Ich habe mal vor Jahren fünf von diesen Schrottfahrzeugen, die ich in Zahlung nehmen mußte, auf einmal einem Bundeswehrler verkaufen können. Die letzten Kisten waren das. Aber der hat sie für teures Geld an Vollidioten gleich weiterverscherbelt. Butonski oder so hieß der Typ. Den hätte der Chef sofort eingestellt, so  klasse hat der die Leute belabern können. So und jetzt nochmal zu Ihren Schrotthaufen. Selbst wenn Sie den Papst-Golf, den Merkel-Trabbi oder das Fahrrad von Inge Meysel hätten, nützt Ihnen das nichts. Der Prämientopf ist leer. Empty, Nada, Wech. Also müssen wir das jetzt anders machen. Für Ihren Kastrat sage ich, na ja, ich denke so an die 2000 Euro. Das müssen wir noch genauer prüfen. Vielleicht werden's auch 3000.“

„Das ist ja super. Das ist ja noch besser als ich dachte. Ich wußte es doch“ begeisterte sich Liebig.

„Also gut“, sprach der Verkäufer, „dann lehne ich mich mal aus dem Fenster und sage ohne Prüfung pauschal 2500 Euro, weil Sie so ein sympathischer Mensch sind.. Auch wenn mich mein Verkaufsleiter vielleicht dafür rausschmeißt. Das gilt natürlich nur beim gleichzeitigen Kauf eines Neu- oder Gebrauchtwagens aus unserem Hause. Dann machen wir es gleich mal fest, gell?“ Er zog verschiedene Formulare aus der Schreibtischschublade. „Erst einmal das Gebrauchtwagenankaufsformular. Ich trage ein: Nopol Kastrat...“

LS“, rief Liebig.

„Gut. Dann eben Kastrat LS. Kosten: 2500 Euro. Die zahlen Sie als erstes bar an mich. Dann schauen wir mal...“

Liebig wurde blaß. „Wieso zahlen? Ich dachte, ich kriege das?“

Der Verkäufer lachte laut auf, daß sich alle Anwesenden im Raum zu ihm umdrehten. Er schüttelte sich immer mehr, lachte immer lauter und wurde puderrot im Gesicht. „Nopol,“ preßte er heraus, „der steckt so voller Sondermüll. Was glauben Sie, was das kostet. Sie machen mir ja Spaß. Na, wenn Sie nicht wollen..." Er zerriß den Vertrag. "Da warten schon andere Kunden auf mich.“

Natürlich akzeptierte Liebig den Vertrag, ohne ein Exemplar ausgehändigt zu bekommen, und kaufte das ihm wärmstens empfohlene Gebrauchtfahrzeug, einen 5 Jahre alten Ekutt TT, einen spritsaufenden Roadster mit wenig Laufleistung und besonders harten Stoßdämpfern, den der Vorbesitzer entnervt billig hergegeben hat. „Der ist von einer alten Oma, die kaum gefahren ist,“ kommentierte der Verkäufer. Mit diesem Fahrzeug hatte der Vorbesitzer die Tankstellen seiner Umgebung reich gemacht und sich selbst arm. Jetzt würden die Tankstellenpächter in Liebigs Nähe und später viele Werkstätten ihre Freude haben. Doch zunächst sollte das tiefliegende Sportfahrzeug, in das selbst gesunde Menschen ohne Bandscheibenvorfälle kaum einsteigen konnten, in der Werkstatt noch gewissenhaft durchgesehen werden, damit es die 12 Monate Händlergarantie einigermaßen überstehen könnte.

„Na, dann holen Sie mal Ihr schönes neues Auto übermorgen hier ab. Mit dem werden Sie noch ihre schöne Freude haben!“, verabschiedete ihn der Verkäufer grinsend mit einen Klaps auf den Rücken, nachdem Liebig vom Geldautomaten zurückgekommen war und dem Verkäufer das Geld überreicht hatte.

Gleich danach griff der Vertreter zum Telefon. „Hallo Sven. Ich habe wieder mal eines von deinen Kastratengeschossen. Mit ein bißchen Schweißen und unserem Freund vom Ungefähren Überwachungsverein klappt das schon. 700 müßte ich aber haben. Was? 500 habe ich ja schon zahlen müssen. Na gut, kriegste diesmal für 400. Muß ich halt draufzahlen. Klar in bar, Du Depp. Also Servus. Bis nachher. Tschau!“

10 Minuten später war der Wagen schon vom Hof und auf dem Weg zur Wiederaufbereitungswerkstatt. Eine Woche später gefährdete der Kastrat wieder den Straßenverkehr. Ein frischer Rekrut freute sich diebisch über das Schnäppchen, das er durch seinen Vorgesetzten machen konnte. Hatte der Wagen doch vorher Indira Ghandi gehört.

Natürlich schimpfte Irene über das neue Auto. „Wie sieht denn das aus. Und was für eine Farbe ist das überhaupt. Weißt du nicht, daß mir grün überhaupt nicht steht? Bist du so unsensibel? Und innen stinkt das so komisch. Oder warst du das schon wieder?“, maulte sie. „Den mußt du unbedingt nochmals reinigen lassen. Überhaupt hätte ich einen ganz anderen Wagen gekauft“.

„Was für einen?“

„Ist egal. Aber den nicht.“

„Mein Gott,“ dachte sich Liebig, „Ira, Irene oder wie auch immer hat von der Natur nur zwei Eigenschaften erhalten, aber die in Hülle und Fülle: Schönheit und Ansprüche, ewig unerfüllbare in jedem Falle.“

Und so blieb Liebig weiterhin unglücklich in seiner Beziehung – und Karfunkel unglücklich in seiner Einsamkeit.

 

Eines Nachts, als sich Karfunkels Nachtmahre wieder einmal total verausgabt hatten, erschien ihm eine wunderschöne Frau, die ihn in ihren Arm nahm und sich an ihn anschmiegte. Karfunkel war das peinlich. „Ich kenne Sie doch gar nicht“, protestierte er, erlebte aber ein unglaubliches Glücksgefühl der Geborgenheit und Liebe. Er fühlte sich plötzlich so sicher und unangreifbar.

„Na gut, dann gehe ich jetzt.“

„Nein,“ schrie Karfunkel, „nein. Jetzt kenne ich Sie doch.“ Und sie tanzte mit ihm, immer herum und herum, und sie wirbelten über seinen Teppich, auf dem sich Straßen, Kreuzungen und Häuser zu einer wunderbar urbanen Architektur fügten. Sie drehten sich im Kreise, tanzten von der Schloßallee hinüber in die Seestraße, immer und immer wieder. Er verfing sich manchmal in ihrem grünlich seidenen Kleid und einem duftend leichten Schal. Und er beobachtete sie genau, konnte manchmal ihre Dessous herausblitzen sehen und wunderte sich, daß er sie nicht einordnen konnte. Beschwingt und verliebt drehten sie sich schneller und schneller, und er trat ihr sogar immer weniger auf die Füße. Bis ihm schließlich schlecht wurde.

„Hör auf zu würgen, dafür habe ich dich nicht geschaffen,“ beruhigte sie ihn, ein bißchen verärgert.

„Geschaffen? Sind Sie Gott?“, fragte Karfunkel verblüfft.

„Na ja vielleicht so was in der Richtung,“ flüsterte die Schöne. Und sie strich ihm über den ganzen Körper, stutzte, richtete sich auf und sagte mit einer Bestimmtheit, die absolut keinen Widerspruch duldete: „Aber so habe ich Dich auch nicht erschaffen. Du paßt ja mittlerweile zweimal in Dich rein. Hör auf zu fressen.“ Sie drehte sich um und ging.

„Nein, gehen Sie nicht. Wir müssen doch noch...also...ich hatte gehofft, daß wir...daß ich heute zum ersten Male...mit Ihnen...“

„Wenn ich wiederkomme, und ich komme wieder, möchte ich Dich anders sehen,“ rief sie ihm aus der Ferne zu, und er hatte den Eindruck, daß sie in einem Sternenhaufen verschwand.

„Au weia“,. murmelte er. „Milky Way. Lecker!“

Dann hatten sich seine Nachtmahre wieder in Formation aufgestellt und begonnen, ihn wieder mit der vollen Ladung uralter Ängste zu piesacken. Doch diesmal trafen sie ihn nicht so sicher wie sonst. Er schien ein Schutzschild zu besitzen, was sie tief frustrierte. Immer wieder prallten ihre schmuddlig-rostigen Pfeile an ihm ab. „Laßt gut sein, Jungs“, rief ein ziemlich kauziger Gnom mit einer Havanna zwischen den Zähnen, den man vor Qualm kaum erkennen konnte. „Geh’ma. Den krieg’n mir später noch.“ Und zum ersten Male schlief Karfunkel tief, ruhig und zufrieden bis zum Morgengrauen.

Auch die Angriffe gegen die Karfunkel-Werke hatten bald nach der ersten Empörung wieder nachgelassen. Schließlich waren die Bürger des Landes immer mehr damit beschäftigt, Abwrackprämienanträge einzureichen, Milliarden einzufordern, persönliche Solvenz oder Insolvenz zu beantragen und als Kassenpatient stundenlang in Wartezimmern von Ärzten, die lieber lukrativeren Beschäftigungen nachgingen, zu verbringen, um dann 3 Minuten und eine Standardspritze später wieder herausgeschoben zu werden: „Kommen Sie im nächsten Quartal wieder, dann sehen wir weiter“.

Darüber hinaus hatten gleich drei Terrororganisationen in Bekennerschreiben die Verantwortung für die Gummiattacken übernommen: Die weltweite Organisation DestroyGarlic, Chapter Alpstadt verlangte ein Verbot von Knoblauch in, auf, zwischen und unter Gerichten aller Art. Sollte die Forderung nicht erfüllt werden, würden sie alle Knoblauchpflanzen sowie alle Gerichte, die Knoblauch enthielten, luftdicht in Gummi einschließen.

Die Armee zum 32.Januar orientierte sich radikal am Vorbild der Umstellung auf Sommerzeit. Sie verlangte unter Androhung, sämtliche Uhren der Welt in Gummi einzugießen, eine Reform des Gregorianischen Kalenders unter Verdoppelung aller Feiertage und Verkürzung der Tageszeit auf 8,75 Stunden. Dadurch würden die Menschen viel älter - dies beweise die Richtigkeit ihrer Forderung. Zudem seien die Wintermonate wegen der Kälte generell abzuschaffen. 

Der dritte Bekennerbrief war kaum leserlich und wurde im Alpbräuhaus unter einer Serviette gefunden. Zahlreiche Experten bezweifelten jedoch die Echtheit und besonders die Ernsthaftigkeit des Bekennerschreibens der Volksarmee Volle Maß. Darin war von "Scheiß Gummiadler hier" und "Maß-Losigkeit" die Rede. Mehr war nicht zu entziffern. 

Die Analysen der Geheimdienste brachten aber bislang keine Ergebnisse.

Den Sommer über hatten die Karfunkel-Werke dadurch ungestört Zeit, sich neu auszurichten, was sie natürlich nicht taten.

Dann kam unerwartet schnell der Herbst. Vereinzelte Schneeflocken führten zu kilometerlangen Autoschlangen vor den Reifendiensten. Auch Liebig überlegte sich, ob er vielleicht doch besser gleich Schneeketten aufziehen sollte, nahm jedoch Abstand davon, weil die vom alten Auto nicht paßten. Auch die alten Winterreifen schienen nicht so recht zu passen. Der Preis von neuen haute ihn einfach um. So beschloß er, das Thema schlichtweg zu verdrängen.

Es war wieder Montagmorgen und der Moderator von Radio Alpstadt tröstete seine Hörer mit „nur noch viermal aufstehen, dann ist endlich Wochenende.“ Für Karfunkel sollte dieser Montag der Anfang vom Anfang zu werden.

Eine schlechte Nachricht löste seit dem Morgen die nächste ab, und die trügerische Ruhe des Sommers hatte damit ein jähes und endgültiges Ende gefunden. Das Kreisverwaltungsreferat meldete sich an, um Bodenproben zu entnehmen, weil man giftige Substanzen im Erdreich vermutete. Zudem wollte man die ursprüngliche Nutzungserlaubnis überprüfen. Wie üblich, wurde der Vorsitzende des Bezirksausschusses Alpstadt Nordost, Friedrich Polinski-Poderer, von Freund und Feind gleichermaßen Popo genannt, manchmal schlimmer, vorgeschickt.

Polinski-Poderer liebte seinen Job. Als Ingenieur unfähig und erfolglos zugleich, lief er in der Sicherheit des öffentlichen Dienstes zur vollen Form auf. Keine offizielle Veranstaltung im Nordosten ohne ihn. Wenn er gerade keine Einladung hatte, nahm ihn seine Frau, die ehemalige Architektin Brigitte Poderer-Polinski, Vorsitzende des Bezirksausschusses Alpstadt Mitte, auf ihre mit. Und umgekehrt. Die Macht, die er repräsentierte und oft willkürlich ausnutzte, machte ihn glücklich. Wobei es ihm hauptsächlich um das kostenlose Essen und Trinken und um die Furcht der niederen Bürger vor ihm und seinen Entscheidungen ging. Der Rest war ihm eigentlich „wurscht“. Auf diesen Veranstaltungen fanden sich stets die üblichen Verdächtigen zusammen. Einer seiner engsten Partygenossen war ein bekannter Journalist des Alpstadt Kuriers, mit dem er so manche Flasche köpfte, solange sie kostenlos war. Nun war Polinski-Podererer noch nie bei den Karfunkel-Werken und freute sich schon auf die Bewirtung. Wahrscheinlich, so malte er es sich aus. bekäme er auch kistenweise Drogerieartikel mit. Die Weihnachtsgeschenke seiner Frau schienen somit gesichert.

„Oh Gott, der Typ,“ stöhnte Karfunkel, als ihm Lisa Motte den Besuch für 12 Uhr, also zur Essenszeit, ankündigte. „Da soll sich unser Hausjurist drum kümmern, das ist schließlich eine rein rechtliche Angelegenheit.“

„Und dann haben wir noch Schreiben von zwei Banken. Die Herren Hab und Gier setzen Ihnen einen Termin in vier Wochen. Dann erwarten sie konkrete Ergebnisse zur Sanierung der Firma, sonst wird der Karfunkel-Kredit in eine Bad Bank transferiert. Zur Überprüfung schicken sie Ihre Unternehmensberater ins Haus, die Herren Mick Innsie und Ernst Jang.

Karfunkel wurde sauer. „Oh Gott, kaum haben die Ihre Milliarden eingesackt und Schrott ausgelagert, kommen sie zu uns. Die letzten Erdnüsse auch noch eintreiben. Schreiben Sie denen, daß wir unsere Verbindlichkeiten in eine Bad Karfunkel KG ausgelagert haben.“

„Echt?“ rief Lisa Motte überrascht.

„Quatsch. Habbich Spässle g'macht. Aber ich fürchte, jetzt muß etwas geschehen.“ In diesem Moment klingelte das Telefon. Lisa Motte nahm ab. „Karfunkel & Cie KG, Vorzimmer Direktor Karfunkel, Lisa Motte am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“ Nach einem kurzen Moment sagte sie: „Einen kleinen Moment. Ich muß mal sehen, ob Herr Direktor in seinem Büro ist.“ Obwohl sie den Anruf parkte, flüsterte sie leise: „Herr Acker-Scheffelmann von der Witwen-Waisen-Rentenkassen- und Unterstützungsbank“ und gab ihm den Hörer.

„Oh Gott DER“, rief Karfunkel wütend, „der hat mir gerade noch gefehlt. Wer viel scheffelt, braucht nicht zu ackern, gell? Der Depp tut sich leicht. Der soll sich seine Peanuts sonst wohin stecken!“ Karfunkel schaute Lisa Motte stolz an, weil ihm dieses Bonmot gelungen war, doch lachte sie nicht, sondern wedelte wie wild mit ihren Händen. „Was ist denn?“

Sie flüsterte, „Ich habe die Leitung doch schon wieder freigeschaltet.“

Karfunkel wurde blaß, nahm den Hörer vom Ohr und starrte ihn an. Dann hielt er ihn wieder ans Ohr und rief betont jovial, als wäre nichts geschehen: „Karfunkel am Apparat. Ich grüße Sie, Herr Scheffelmann, äh, Ackerscheffel, äh...“

Acker-Scheffelmann unterbrach ihn kühl. „Ist schon gut. Ich habe gerade gelacht. Ich hoffe, Sie lachen auch noch in vier Wochen. Da bewerten wir unser Engagement mit Ihnen aufs Neue, wollte ich ihnen mitteilen. Und ich denke, Sie sollten sich schon mal warm anziehen.“

„Ja heute morgen war’s schon kalt. Aber ich habe heute einen warmen Pollunder...“

„Herr Karfunkel, ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich heute schon gelacht habe. Also sparen Sie sich Ihre Witzchen. In vier Wochen sehen wir uns. Und, fast hätte ich es vergessen, ich schicke Ihnen meinen Berater, den Herrn Landberger vorbei. Der soll sich mal bei Ihnen umsehen, Ich denke, Sie haben nichts dagegen, oder? Also dann viel Glück. Sie werden’s brauchen.“ Der Banker legte auf.

Karfunkel saß starr da und reichte Lisa Motte nur den Hörer zum Auflegen. Sie sah ihn an und wartete, bis Karfunkel schließlich murmelte „Au weia. Jetzt wartet Arbeit auf uns. Schicken Sie mir mal die Abteilungsleiter.“

Das Telefon klingelte erneut. Lisa Motte nahm ab. „Ihre Frau Mutter will wissen, woher der grüne Seidenschal unter ihrem Bett herkommt.“

Karfunkel zuckte zusammen und schüttelte nur verwundert den Kopf. „Das gibt’s doch nicht!“ Lisa Motte sah ihn erwartungsvoll an, bis Karfunkel laut rief: „SAGEN SIE IHR...SAGEN SIE IHR...ÄH...DAS GEHT SIE NICHTS AN!“

Der Anfang war gemacht.

 

Fortsetzung folgt


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Stand: Donnerstag, 24. Februar 2011