Kap.5: Katzenjammer   

                                                                 Ein Leben voller Sehnsucht, Leidenschaft und Mutti.     

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Katzenjammer

Maximilian Karfunkel wachte auf und fühlte sich wie gerädert. „Oh Gott, schon elf Uhr. Sein Schäfchen-Wecker war ausgeschaltet. „Scheiß Leben,“ brummelte er. „Eines Tages werde ich mich rächen. Aber jetzt muß ich mich schnell fertigmachen“. Er ging in sein angrenzendes Bad, putzte seine Zähne mit der hellblauen Blend-a-Bub-Zahnpasta, stieg unter die Dusche und schrubbte sich seine Nachtmahre vom Körper. Dann fühlte er sich besser. Schnell zog er sich seine frische Feinripp-Unterwäsche über, dann Socken, Hemd und Anzug und Schuhe. „Zum Glück gibt es die Krawatten mit elastischem Gummi“, dachte er zufrieden. Krawatten zu binden war ihm ein Greuel, seit er einmal mit schlimm zugeknoteter Krawatte von Hägar Meister erwischt worden war. Das Foto in der Klatschspalte war abscheulich, nicht zuletzt, weil Meister dem ohnehin schrägen Bild noch einen letzten Retusche-Schliff verpaßt hatte. „Junger Junggeselle äußerst zugeknöpft. Wer will da anbeißen? Da hilft wohl bloß durchbeißen,“ lautete der zugehörige Kommentar.

Karfunkel atmete dreimal tief durch, wie er es in der Therapie gelernt hatte und öffnete dann erhobenen Hauptes, mutig und zitternd die Zimmertür. Die Luft war rein. Seine Mutter war sicher schon aus dem Haus. Er ging dennoch leise die Treppe hinunter und betrat das Eßzimmer, wo sich zu seinem Bedauern doch seine Mutter am Tisch befand, von ihrer Zeitung verdeckt.

Karfunkel setzte sich an seinen gewohnten Platz und betrachtete seinen Teller, auf dem sich eine alte Semmel befand. „Mehr gibt’s heute nicht“, hörte er hinter der Zeitung. „Wir müssen sparen.“ Der Kakao war kalt, eine Fliege schwamm darin.

Glücklich, heute einmal nicht mit Bananen & Co. drangsaliert zu werden, kaute Karfunkel auf seiner Semmel herum. Nur der grüne Belag irritierte ihn.

Sie warf die Zeitung auf dem Boden, und er konnte ihr wutverzerrtes Gesicht sehen. „Meinst du nicht, du solltest mich über deine Verkaufspläne unterrichten?"

„Welche Verkaufspläne?“

„Ach, Herr Unschuld, die arme Mutter verhungern lassen, aber schnell noch alles versilbern, wie? Woher kommen jetzt gerade plötzlich die vielen Anrufe wegen des Grundstücks? Und davon wissen wir also nichts? Komisch, komisch! Zu guter Letzt das Bild von dir im Alpstadt Kurier. Mit zerrissener Hose und dem Kommentar 'Muß Karfunkel jetzt betteln gehen?'  Die Presse ist wohl besser informiert als arme Mütter'“

„Mutti, ich weiß wirklich nicht...“

"Auch noch abstreiten, du mißratener Bengel", schrie seine Mutter mit hochrotem Kopf.

Die schwere silberne Butterschale streifte Karfunkel an der Schläfe.

Nach dem weichgekochten Ei auf seiner Backe, der großen Kaffeekanne am Arm und der schweren Steingut-Brotschale an der Stirn flüchtete Karfunkel leicht blutend aus dem Haus stieg in seinen neuen  AMW und brauste gemächlich Richtung Firma. „Puh, gerade noch entkommen,“ dachte er sich. „Eigentlich blöd. Wenn ich mich abseilen könnte, wäre ich sofort unten in meinem Büro. Und so muß ich jeden Morgen kilometerweit außenrum und abends wieder zurück.“ Am Ende des Parks befand sich ein Zaun, der vor dem tiefen Abhang scheinbare Sicherheit bot.

„Ein Lift oder eine Seilbahn wäre toll“, überlegte sich Karfunkel. „Dann wäre ich in ein paar Minuten unten oder oben und bräuchte den AMW nicht. Sobald Mutti stirbt, mach ich das. Aber zu meinem Pech macht sie's garantiert noch hundert Jahre“, seufzte Karfunkel.

20 Minuten später fuhr er in den Fabrikhof. Ungewöhnlich viele Fahrzeuge standen auf dem Firmenparkplatz. "Oh Gott, jetzt schon! Die Pressekonferenz ist doch erst in einer Stunde", wunderte sich Karfunkel.

Auch sein eigener Parkplatz war zugeparkt - von einem weißen Kombi mit der Aufschrift Alpstadt Kurier. "Und der Depp ist auch schon da", stöhnte Karfunkel.

„MAHLZEIT!“

Da er ganz in Gedanken noch bei seinem Lieblingsjournalisten war, zuckte Karfunkel bei diesem laut gerufenen Gruß vor Schreck zusammen. Karl stand hinter ihm und grinste „Tschulligung Chef, wollte Sie nicht erschrecken. Sind heute aber bißchen spät dran, nicht?“ Karfunkel nuschelte nur ärgerlich „Ist schon gut“ und eilte dem Haupteingang entgegen, während ihm der Gedanke in den Kopf schoß, von Karl offenbar immer beobachtet zu werden. „Was tut der eigentlich den ganzen Tag? Den muß ich jetzt einmal überprüfen. Sonst wird das nie was.“ Er drehte sich um und sah Karl Richtung Fabriktor schlendern. Auch er drehte sich urplötzlich um und rief zurück. „Is Mittagspause. Ich geh auswärts speisen.“ Und er schlenderte gemächlich hinaus auf die Straße, vorbei an einer langen schwarzen, penibel sauberen Limousine mit getönten Scheiben, die genau gegenüber auf der anderen Straßenseite stand. Er verschwand in einem angrenzenden verwilderten Grundstück, auf dem ein riesiges gelbes Schild prangte.

„Schade, daß es die Borstadt AG nicht mehr gibt.,“ sinnierte Karfunkel nachdenklich, als er auf Reste des abgerissenen Fabrikgeländes stierte, die von hohen wilden Gebüschen überwuchert waren. „War eine erfolgreiche Firma und hatte so ehrgeizige Pläne. Kurz vor der überraschenden Pleite hatte der Juniorchef zur professionellen Prüfung ihrer Expansionspläne sogar noch einen der bekanntesten Unternehmensberater des Landes engagiert! Komisch, die Wege des Herrn sind halt einfach unergründlich!“

Karfunkel riß sich von seinen Gedanken los, fuhr mit dem Aufzug in sein Büro und wunderte sich, daß bislang noch nichts Schlimmes passiert war. Um die Zeit sah er sich meist bereits mit mehreren Katastrophen konfrontiert. Er öffnete die Tür des Vorzimmers und da stand sie:

Die schönste Frau auf dieser Welt.

Lisa Motte sah noch verführerischer aus als sonst. Heute hatte sie die Haare hochgesteckt und ihren makellosen Hals freigelegt. Unter ihrer sehr dünnen weißen Bluse schimmerte ein spitzenverzierter BH hervor. Ein sehr, sehr kurzer schwarzer Rock ließ ihre schlanken Beine noch länger erscheinen. Er glaubte, den Ansatz von Strapsen hervorblitzen zu sehen. Und in den High Heels, die sie heute zum ersten Male in all diesen Jahren trug, sah sie nur noch überwältigend und umwerfend aus. Karfunkel stand da und konnte kein Wort herausbringen. Er sah sie einfach mit offenem Mund an.

„Guten Morgen“. Lisa Motte ging auf ihn zu, ganz langsam, ganz nah. Dann sagte sie leise: „Herr Direktor, ich wollte es ihnen eigentlich schon lange sagen“. Sie machte eine Pause.

Karfunkel wurde rot, heiß, noch roter, noch heißer. „Jaa?“, quetschte er heraus.

„Ja, also ich...ich weiß gar nicht, wie ich’s sagen soll, also ich...habe mich einfach Hals über Kopf verliebt.“

„Oh Gott“, schoß es durch Karfunkel, „das ist genau, was ich mir immer erträumt hatte. Besonders zwischen Herbst/Winter 2006 und Frühjahr/Sommer 2008, als ihre Quellermann-Doppelgängerin ihn täglich anregte. Und heute soll dieser Tag sein?“ Er konnte es nicht fassen.

„Ja,“ hauchte Lisa Motte, „und es ist so wunderbar.“ Sie sah Karfunkel mit ihren dunkelbraunen Augen ganz tief an. „Ich habe mich noch nie in meinem Leben so gefreut. Die wahre Liebe ist etwas Besonderes.“ Sie umarmte Karfunkel und gab ihm einen Kuß auf die Wange.

„Ja,“ begann Karfunkel, als er wieder aus ihren Augen gekrochen war, „ich...ich habe mich auch unsterblich verliebt. Das wollte ich Ihnen eigentlich auch schon lange sagen. Ich habe mich aber nie getraut.“

„Sie auch? Aber das ist wunderbar! Haben Sie sich auch schon verlobt? Sehen Sie, das ist mein Ring. Wir könnten doch eine Doppelhochzeit feiern!“ Sie hielt Karfunkel ihre linke Hand hin, an deren Ringfinger ein Einkaräter den Raum erhellte. „Die Sekretärin und ihr Direktor“. Ist das nicht toll?“ Sie wurde rot. „Entschuldigung, ich meine natürlich der Direktor und seine Sekretärin.“

Karfunkel erstarrte und kam sich zwei, drei Ewigkeiten lang mächtig blöd vor. Fast hätte er sich zum Gespött der ganzen Firma gemacht, denn das Geständnis hätte sie sicher weitererzählt.

„Und in wen haben Sie sich verliebt?“, neckte sie ihn.

„In meinen neuen AMW 363 tii“, zischte Karfunkel patzig und total frustriert.

„Ach, Sie sind gemein. Jetzt habe ich gedacht, Sie freuen sich mit mir, wo ich doch nur noch so kurz bei Ihnen bin. Und jetzt nehmen Sie mich auch noch auf den Arm. Sie sind doch so ein ziemlich attraktiver Mann, Herr Direktor. Warum verlieben Sie sich nicht mal zur Abwechslung in eine Frau? Nie sieht man Sie in Begleitung. Oder sind Sie etwa...?“

„Nein“

„Aber mir könnten Sie’s sagen.“

„Nein!“ Karfunkel wurde laut. „Tut mir leid, damit nicht dienen zu können. Ich bin lesbisch und liebe nur Frauen“.

„Na gut,“ sagte Sie schnippisch. „Ich komme gleich mit der Unterschriftenmappe zu Ihnen.“

„Wieso sind Sie nur noch kurz hier? Wollen Sie in Urlaub gehen?“

„Mein Verlobter sagt, er sei reich, und ich müsse bei Ihnen keine Sklavenarbeit mehr leisten.“

„Au weia“, murmelte Karfunkel, “dann erwarte ich meine Sklavin in einer halben Stunde zum Diktat. Bis dahin möchte ich meine Ruhe haben. Nur Liebig soll zu mir kommen. Und anschließend muß ich in die Pressekonferenz“. Ohne eine Antwort abzuwarten, ging Karfunkel in sein Büro und schloß die Tür energisch hinter sich.

Von seinem Büro aus hatte Karfunkel Zugang zu einem privaten Bad mit Toilette, in dem er sich gelegentlich frisch machte, wenn er sich verschwitzt fühlte. Jetzt ging er sofort hinein und besah sich seine Wunden. Er wusch das Blut von seinem Gesicht und klebte Kinderpflaster mit Disneyfiguren auf die Wunden. „So, jetzt ist wieder alles in Ordnung“, sagte er sich. Als er in sein Büro zurückkam, saß Liebig schon auf dem Besuchersessel.

„Grüß dich Xavi,“ rief Karfunkel. „Wollen wir nicht zur Sitzgruppe gehen?“

„Nein, mein Platz ist wohl hier, Herr Direktor“

„Oh Gott, was ist denn jetzt schon wieder los?“

„Nix“

„Wegen gestern?“

„Klug geraten, Herr Karfunkel. Ich lasse mir nicht mehr alles gefallen. Jawoll. Was ist denn mit deinem Gesicht.“

„Mutti“

„Oh je. Ist es schon wieder so schlimm! Wann machst du dich mal endlich von der Schreckschraube frei?“

„Sobald du dich von Irene getrennt hast.“

„Och, wir kommen jetzt immer besser miteinander aus.“

„Und was hast Du da eigentlich in deinem Jackett?“

Liebig blickte an sich herunter. „Oh GOTT!“. Er griff in die Innentasche und holte vier fett-triefende Frühlingsrollen mit Sojasauce heraus. „Die muß mir Irene wohl mitgegeben haben,“ murmelte Liebig tonlos. „Mein Mittagessen!“ Er warf die Rollen und alle weiteren Reste, die er noch finden konnte, in den Papierkorb.

„Dein Jackett, das Hemd, bis runter auf die Hose. Das sieht ja eklig aus. Und wir müssen gleich in die Pressekonferenz.“

„Dann geh ich schräg hinter dir.“

„Okay! Und ich halte mir immer meine Unterlagen vors Gesicht.“

Sie standen beide auf, als Fräulein Motte den Raum betrat. „Sie werden wohl keine Zeit mehr für die Unterschriftenmappe haben, oder?“ Sie sah beide an, kicherte, dann lachte sie lauthals immer mehr, bis sie schon rot im Gesicht wurde. „Entschuldigen Sie, da mußte ich mich vorhin schon etwas zurückhalten. Aber Sie beide, das ist zu komisch,“ preßte sie heraus. „Herr Direktor haben nicht nur jede Menge Ärger, sondern auch noch ein Ei an der Backe.“ Eine weitere Lachsalve folgte.

Karfunkel griff in die Tasche, holte ein Taschentuch heraus und wischte die Eierreste, die er übersehen hatte, ab. Dann verließen beide wütend und beleidigt den Raum, Liebig im Gleichschritt schräg hinter Karfunkel. Sie hörten noch einige Korridore weiter das helle Lachen von Lisa Motte.

So betraten sie den überfüllten Konferenzsaal. Durch die vorgehaltenen Unterlagen übersah Karfunkel jedoch einen Pfeiler, den er eigentlich seit seiner Kindheit hätte kennen müssen, stieg dagegen und ließ in dem Moment vor Schmerz die Unterlagen fallen. Er bückte sich nach rechts, und Liebig kam zum Vorschein. Ein Blitzlichtgewitter begann. Wie immer hatte der Alpstadt Kurier in der Abendausgabe das beste Titelfoto. Hägar Meister spendierte die Bildunterschrift ‚Der Karfunkel-Vorstand präsentierte zwei neue Produktlinien (hm). Die neue Pflasterproduktion für den seriösen Herrn und die Gleitcreme für alle Fälle. Bravo Karfunkel-Team! Wir sind so stolz auf Euch’

Doch noch standen Karfunkel und Liebig vor der Meute. Nachdem schon nach 10 Sekunden ihr ohnehin schwacher Kriegsplan zunichte war, beschloß Karfunkel, in die Offensive zu gehen. „Freiheit ist, nichts mehr zu verlieren zu haben“, dachte er sich.

„Herzlich willkommen, äh, meine Damen und Herren, zur äh Pressekonferenz in den Karfunkel-Werken. Machen wir’s äh kurz: Wir möchten hiermit, äh in aller Offenheit mit bestem äh Wissen und äh Gewissen erklären, daß wir äh mit der Gummiaffäre nichts, im äh Wortsinne nichts zu tun haben...“

„Und wie gut ist Ihr äh Wissen und äh Gewissen?“, äffte ihn der Reporter der Rotsozialen Gazette (im Volksmund Rotz genannt) unter allgemeinem Johlen nach.

„Äh, sehr“, stotterte Karfunkel. „Ich meine, ich habe mit meinen äh Mitarbeitern gesprochen, die mir glaubhaft versichert haben...“

„Glaubhaft versichert?“ rief der Vertreter der Gelben Postille.

„Genau. Glaubhaft versichert und äh belegt, daß wir mir den äh Gummiblasen nichts zu tun haben können. Wir verarbeiten gar nicht so viel Gummi, wie da angeblich äh heruntergekommen ist.“

„Aber nach unseren Informationen wurde ein Vielfaches an Gummirohmaterial geliefert,“ brummte Hägar Meister von hinten in die Menge.

„Schon, aber nicht verarbeitet.“ „Woher hat der nur die Informationen?“, fragte sich Karfunkel verärgert.

„Und wo ist das Material jetzt?“

„Äh...äh...eingelagert. In einem äh Außenlager.“

„Und die komischen Geräusche, Herr Karfunkel? Das Blubbern aus den Schornsteinen, von denen man redet?“

„Wahrscheinlich unsere Abwasserpumpe. Die hat halt schon ein paar Semester auf dem Buckel. Kann aber auch von woanders herkommen. Manchmal versammeln sich zum Beispiel unsere Arbeiter zur Mittagspause an einem der Schornsteine und hören Musik. Dieses Techno oder so. Könnte doch sein, daß die Schlote wie Lautsprecher wirken. Die Musik hört sich jedenfalls blubbrig an.“

Alle schauten Karfunkel mit großen Augen an und wunderten sich über seine plötzliche Phantasie. Sonst war er immer so spröde und quietschdumm, fanden sie. Und seine Ähs waren plötzlich weg.

„Und überhaupt: immerhin befinden sich drei weitere Chemische Betriebe in der Nachbarschaft.“

„Echt?“ rief Waldmar Özdan, der Neuling vom Abendblatt.

„Ja, genau, die Echt AG und zwei weitere: Aber komisch. Auf denen hackt keiner rum“, entgegnete Karfunkel patzig.

„Und weshalb wollen Sie dann den Betrieb verkaufen?“ Hansi Trauerarm von der Morgenpost nuschelte die Frage gedankenlos ins Plenum, die allerdings wie eine Bombe einschlug. Allgemeines Raunen erfüllt den Saal, und Trauerarm merkte in seinem Restsuff von der letzten Nacht mit einem Kollegen im Grünen Ecke, daß er jetzt wohl vertrauliche Informationen weitererzählt hatte. Er versuchte, die Situation zu retten. „Ich meine, warum wollen Sie nicht verkaufen, wo doch alle jetzt in China produzieren. Da brauchen Sie doch die dämliche Fabrik nicht, oder? Und können  sich doch eine schöne Penthouse-Wohnung an der Gleichheit kaufen und von dort aus Ihre Geschäftle machen, gell? Und wir ersparen uns den Dreck.“

„So ‚ne Sauerei,“ rief Karl Lestalin von der Roten Fahne, „Sie wollen also jetzt sogar China verpesten und gummieren? Wahrscheinlich auch noch mit Kinderarbeit. Und hier die Arbeiter entlassen! Wird Zeit, daß Karfunkel endlich verstaatlicht wird. Unser OB ist zum Glück schon dabei.“

„Und die üblichen Günstlinge bekommen dann die Schlüsselpositionen, oder besser gesagt das Geld dafür, und wirtschaften die Firma innerhalb kürzester Zeit durch Unfähigkeit runter, wie bei euch Kommunisten“, rief der Redakteur vom Hermes.

Lestalin hackte wütend zurück: „Ist das in unserer Regierung hier anders? Eure Doppelmoral regt mich auf! Aber noch mal zu meiner Frage: man hört so komische Gerüchte, daß Sie verkaufen und daß auf Ihrem Grundstück eine Firma Straßenbahnschienen produzieren wolle.

ICH VERKAUFE NICHT“, schrie Karfunkel verzeifelt in die Runde und dachte sich: „Was ist denn heute nur los?“

„Das war ein bißchen zu laut für eine ehrliche Antwort, nicht wahr, Herr Karfunkel?“, rief der Redakteur vom Hermes süffisant in die Runde.

„Genau! Und was ist das für eine Moral, Kinder für sich arbeiten zu lassen und andere zu verdrecken?“ Lestalin ließ nicht locker.

Jetzt trat Liebig in seinem fettigen Anzug hervor. In dem Moment fiel ein Stück Frühlingsrolle, das sich noch versteckt hatte,  plumpsend auf den Boden. Liebig trat drauf, und ein Schwall Sojakeime, Weißkohl und Möhren schoß unter allgemeinem Gelächter auf Hägar Meisters Notizblock.

„Rein rechtlich sind wir nicht zu Moral verpflichtet“ sprach Liebig trocken und mit fester Stimme.

Alles wurde still. Angespannte Stille sprengte den Raum.

Karfunkel erkannte die Brisanz dieser Aussage, hastete vor und sprach: „Herr Dr. Liebig meint das natürlich nicht so, wie es vielleicht jetzt bei Ihnen ankommt.“

Man spürte sofort das Nachlassen dieser unerträglichen Spannung, bis Liebig vortrat und laut rief:

„Doch“

Jetzt schrie alles durcheinander. „So eine Frechzeit!", „Unverschämtheit“, „So ein Depp“, „Denen zeigen wir’s“, waren die friedlichsten Kommentare der Journalisten, die sich unisono erhoben.

„Aber...“ rief Karfunkel.

„Mißverstehen Sie mich nicht, ich bin hier nur der Hausjurist und wollte rein rechtlich nur... "

Die Journalisten hörten Ihnen jedoch nicht mehr zu und verließen den Raum. Man hörte sie noch auf dem Parkplatz schimpfen.

„Nichts zu essen, nichts zu trinken. Nicht einmal Kekse! Diese Geizhälse“, schrie einer laut. Hägar Meister schaute derweil grimmig auf seinen Block. „Alles fettig!“. Dann blätterte er eine Seite zurück, wo ihm gestern ein junges Mädel errötend ihre Handynummer aufgeschrieben hatte. „Falls Sie mal nicht mehr so einsam sein wollen“, hatte sie ihm dabei ins Ohr geflüstert. „Sonst gebe ich niemandem meine Nummer, weil ich doch so reich bin“.

Doch das Fett hatte ganze Arbeit geleistet. Es war nichts mehr zu erkennen. Meister zitterte. „Das werden die mir büßen!“

Und er fing damit an, daß er seinen Wagen wütend zurücksetzte und dabei einen AMW, der schräg hinter ihm parkte, seitlich schrammte. „Garantiert so ein Karfunkel-Bonzenfahrzeug. Recht geschieht’s ihnen." Schnell raste Hägar Meister durchs Firmentor und hätte dabei im Powerslide ein schwarzes Fahrzeug auf der Gegenseite fast noch gerammt. „Scheiß Bonzen. Ich mach' euch alle fertig.“

Karfunkel ging wütend im Stechschritt in sein Büro.  Liebig hastete ihm hinterher und verstand die Welt nicht mehr. „Das war doch richtig,“ rief er zu Karfunkel nach vorne. „Man muß doch korrekt sein. Ich als Volljurist stehe da in der Verantwortung, weißt Du? Regreßforderungen muß man schon im Keim unterdrücken. Wenngleich man auf hoher See und vor Gericht...“

„Halt die Klappe!“

Liebigs Kiefer klappte tatsächlich zu. Das war das erste Mal, daß er aus Funkis Mund etwas Ärgerliches hörte. Was war mit ihm geschehen? Er verstand die Welt tatsächlich nicht mehr, da er jeder Veränderung mißtrauisch gegenüberstand. Das hatten ihm sein Vater und alle Professoren doch immer wieder als Kernsatz des Lebens eingebleut. „Menschen ändern sich nicht“, war der Wahlspruch seines Vaters, der aus diesem Grunde niemals Bewährungsstrafen verhängte. „Einmal Verbrecher, immer Verbrecher.“ Und: „Unschuldig ist keiner. Wer hier vor Gericht steht, hat schon aus diesem Grunde etwas ausgefressen, sonst stünde er nicht da.“ Diese Schule hatte Liebig von Kindesbeinen an geprägt. Die Erbsünde wurde bei den Hardcore-Juristen zur Erbschuld. Wenn etwas passierte hatten prinzipiell die anderen Schuld daran. Und Juristen sind prinzipiell frei von jeder Schuld.

Nur blöd, daß Irene der Meinung war, er wäre an allem Schuld. Wenn ihr ein Mißgeschick passierte, selbst wenn er nicht anwesend war, gab sie ihm die Schuld. „Mir ist der Spiegel heruntergefallen, weil ich gerade an dich dachte; jetzt kriegst du die 7 Jahre Unglück. Ich habe ja schon seit Jahren Unglück, weil ich mit dir zusammen bin“ oder „Weil du gestern so geschimpft hast, haben wir heute Regen. Typisch für dich. Wir alle müssen unter dir leiden, wo doch jeder weiß, daß Schimpfen die Atmosphäre verändert und Wolken hervorruft.“ Das irritierte Liebig so sehr, daß er jetzt mittlerweile alle zwei Tage seinen Psychiater, den Martin (seinen Guru, wie Irene ihn zu nennen pflegte), aufsuchte, der sich über diese Lebensaufgabe freute. „Der kommt mir nicht mehr aus“, beschloß Martin und schaffte es, sich endlich eine Eigentumswohnung zu kaufen, indem er seinen aussichtslosen Liebig-Fall der Gula-Bank als Sicherheit hinterlegte.

Sie eilten, ohne links oder rechts zu schauen, hintereinander in Karfunkels Büro. Sie wußten zu dem Zeitpunkt noch nicht, daß inzwischen die Angestellten durch die tobenden Journalisten auf sie aufmerksam wurden und später die Spitznamen Pflastermann & Fleckenteufel erhalten würden. Karfunkel riß die Tür auf, stach durch und knallte sie hinter sich zu. Liebig rechnete nicht damit. Er hatte sich gerade nach der neuen Aushilfe umgedreht, als er die Tür an seinen Kopf bekam. Benommen öffnete der die Tür und folgte Karfunkel, wobei er die Tränen nur mit Mühe unterdrückte. Er spürte schon ein Horn wachsen und fühlte sich wie zuhause.

„Mensch Funki, warum hast du das getan?“

„War keine Absicht. Oder doch? Ich weiß nicht. Ich bin so unglaublich sauer auf dich.“

„War doch auch keine Absicht. Aber wir müssen uns doch absichern, oder?“

„Hör doch auf mit deinen Absicherungen, Xavi. Ich hab’ schon Schwierigkeiten genug. Alles spinnt und hat sich gegen mich verschworen. Mensch, Xavi, laß’ uns doch einfach abhauen. Ich hab’ die Schnauze voll von Mutti, Bankern und dem ganzen Blödsinn. Wir steigen jetzt einfach ins Auto und ab die Post.“ Karfunkel glühte vor Enthusiasmus. „Genau. Das wollten wir doch früher immer. Weiß du noch? Wir beide unterwegs wie Jack Kerouac. Boah. Mensch Xavi, was meinst du? Mein AMW ist vollgetankt. Einfach weg ohne Rücksicht auf Verluste. Mit unseren Kreditkarten ist das doch kein Problem.“

„Wenn, dann nur in meinem Nopol Kastrat. Naja, klingt schon toll. Aber...“

„Aber????“, rief Karfunkel und schaute Liebig erwatungsvoll an.

„Irene erlaubt mir das nie!“

„Dann bleibst du halt daheim. Wenn ihr denkt, daß ich für euch alle den Deppen mache, habt ihr euch getäuscht. Ich räume jetzt auf und räche mich für alles, was ihr mir angetan habt“, schrie Karfunkel ihn an und wurde immer roter im Gesicht. Seine Halsschlagader schwoll an, und Liebig fürchtete, sie würde gleich platzen.

„Wer hat dir denn was angetan? Du hast es doch immer gut gehabt. Immer wohl aufgehoben, niemals Geldprobleme. Nicht einmal Jura mußtest du studieren.“ Auch Liebig steigerte sich jetzt in seine lang aufgestaute Lebensfrustration. „Du hast ja immer alles gehabt. Sogar keine Frau.“

„Bist du blöd? Es ist Scheiße, keine Frau zu haben.“

„Du weißt ja gar nicht, was für ein Glück du hast.“

„Du kannst leicht reden.. Dich beneiden alle um Irene. Du hast eine atemberaubende Frau. Den Traum jedes Mannes.“

„Eher wohl ein Alptraum!“

„Ich weiß, daß du immer so tust, als hättest du Probleme mit ihr. Wir kennen sie ja alle. Immer lustig und charmant, schön und aufreizend.

„Reizend? Sie reizt mich oft bis aufs Blut!“

„Glaub ich nicht!“

„Irene heißt ja eigentlich Ira. Habe ich dir das schon mal gesagt? Sie mag Irene aber lieber. Abgesehen davon ist sie einfach zickig und zänkisch. Sie zankt und keift, sobald wir allein sind. Das macht mich fertig. Mein Blutdruck schießt mit ihr in ungeahnte Höhen. Was sie betreibt, fällt unter die Rubrik Aktive Sterbehilfe.“

„Jetzt übertreibst du aber.“

„Doch! Du weißt gar nicht, wie ich dich immer beneidet habe. Ganz in Frieden zu leben. Selbst da hast du noch Glück.“

„Warum seid ihr dann noch zusammen? Verlaß sie doch.“

Verlasse doch du dein Heim.“

„Das mit Mutti ist anders.“

„Das mit Irene auch.“

„Ich wollte doch eben noch abhauen. Du wolltest nicht.“

„Abhauen nutzt nichts. Man muß etwas beenden.“

„Warum wollte sie dich eigentlich?“

„Doktor. Jurist. Reich. Tolles Heim. Tolles Auto. Urlaub bis zum Abwinken. Erlesenste Restaurants. Das war ihr Ziel.“

„Klar. Verstehe ich.“

„Eben. Aber gekriegt hat sie nur die ersten beiden Punkte auf der Liste. Wie sagt sie immer: Wir konnte ich nur an einen mittelmäßigen Paragraphen-Fuzzi geraten, der sich wahrscheinlich seinen Doktor bei Ebay ersteigert hat und nasebohrend seine Zeit bei einer mittelmäßigen Pleitefirma absitzt, die ihn gewaltig ausnutzt'.“

„Das ist gemein!“

„Findet sie auch.“

„Ich meine das mit der Pleitefirma und dem Ausnutzen.“

„Ist doch so.“

„Ist nicht.“

„Ist doch.“

„Xavi, du bist so blöd“.

„Weißt du was, Funki, ich gehe jetzt heim . Ich fühle mich nicht wohl. Pressekonferenzen machen mich fertig.“

„Na dann schöne Grüße an Ira oder Irene“, sprach Karfunkel zu Liebig, der daraufhin seine Stirn runzelte und bis zum späten Abend in seinem Büro blieb. Liebig rief Karfunkel lediglich später an und fragte, ob er eines seiner wissenschaftlichen Videos mitgenommen habe. „Nee,“ log er, „ was will ich mit einem Paragraphen-Fuzzi-Video!“. Der Ausdruck gefiel Karfunkel immer besser. Auf alle Fälle besser als „Pleitefirma“.

 

Lisa Motte öffnete gegen Abend die Bürotür und kam mit der Unterschriftenmappe herein.

„Viel issjanich“. Lisa Motte schlug die Augen nieder. „Tut mir leid wegen vorhin. Und mit dem Weggehen machen Sie sich bitte keine Sorgen. Mein Verlobter rief mich vorhin an. Die Hochzeit muß noch verschoben werden aus irgendeinem wichtigem Grund. Ach ja, und alle Banker riefen vorhin an. Sie sollten sich Zeit lassen. Sie hätten jetzt alle Hände zu tun, Milliarden zu beantragen und ihre Scheinschrottkredite auszulagern. Herr Acker-Scheffelmann hat mir auch ein Jobangebot gemacht. Als Mätresse, oder so ähnlich. Das muß so was wie eine persönliche Sekretärin sein. Aber ich habe abgelehnt. Ich habe ihm gesagt, ich habe ja Sie. Das hat er dann verstanden, glaube ich.“

Karfunkel lächelte und fühlte sich wieder wohler. Er unterschrieb drei Briefe und lächelte seine Sekretärin an. Sie lächelte zurück: „Dann bis morgen!“

Als sie gegangen war, öffnete Karfunkel mit zittrigen Fingern seine oberste Büroschublade. Das hatte er sich bis zuletzt aufgespart. Tatsächlich lag da wieder ein Blatt Papier, auf dem er die vermeintliche Schrift seines Vaters entziffern konnte. Nur zwei Worte standen da:

Du Depp!

Fassungslos ließ Karfunkel das Blatt wieder in die Schublade gleiten. Wer spielte da mit ihm? Mutti? Xavi? Starr wie ein Zombie verließ Karfunkel sein Büro, sperrte ab und ging auf den Parkplatz. Tränen schossen ihm in die Augen, als er seinen seitlich zerbeulten AMW 363 tii sah. Der Zettel an seiner Windschutzscheibe versöhnte ihn ein wenig. Zum Glück gab es doch noch ehrliche Menschen. Er faltete den Zettel auseinander und las die Nachricht. „Scheiß Bonzen. Euch geschieht’s recht!“ 

Er fühlte sich von der ganzen Welt bedroht und betrogen. Und so fuhr er laut heulend nach Hause und bemerkte nicht, daß ihm eine lange schwarze Limousine folgte.

Zu Hause wartete seine Mutter schon, die ihm – wieder vollkommen verwandelt – sein üppiges Nachtmahl servierte.

„Du, Mutti, fing Karfunkels vorsichtig an, „ich glaube, Vati hat mir geschrieben.“

„Woher? Was steht auf dem Briefmarkenstempel?“

„Nein, nur so einen Zettel im Büro.“

„So ein Quatsch!“, rief sie. „Wenn Vati schreibt, dann doch wohl mir und nicht seinem Rotzbuben. Und spinn jetzt nicht weiter rum. Vati ist tot und schreibt niemandem mehr. Und jetzt ab ins Bett!“

 

 

Karfunkel ging schmollend nach oben und blickte noch lange in den Sonnenuntergang. 

Auf seinem Nachttisch wartete schon eine Tasse mit heißem Kakao.  

Aber er fühlte sich nur noch verlassen.

Selbst seine Gespenster hatten heute nacht keine Zeit für ihn.

 

Fortsetzung folgt


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Stand: Donnerstag, 24. Februar 2011