Kap.4: Grosse Politik   

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Grosse Politik

Am nächsten Tag war der Plenarsaal des Alpstädter Stadtrats so voll wie selten. Nach der Vereidigung von letzter Woche war dies die erste Versammlung nach den Wahlen. Heute sollten unter Ausschluß der Öffentlichkeit und natürlich der Presse vertrauliche Themen besprochen werden. Ein langer Tisch an der Stirnseite unter einem riesigen Gemälde bot Platz für die 30 höchsten Würdeträger der Stadt, in deren Mitte natürlich der Oberbürgermeister, daneben eine Vielzahl von Unterbürgermeistern, der Stadtkämmerer, Referenten und sonstige mehr oder weniger nutzvolle Bedienstete. Dem OB vis-a-vis eine Rednerbank, dahinter fünf kleinere Reihen von Tischen. An den Seiten des neugotischen Saales boten jeweils drei weitere Sitzreihen Platz für die weniger bedeutsamen Stadträte, von den Platzhirschen gerne Stimmfleisch genannt.

Ausgelassen wie nie balgten sich die altgedienten Stadträte im Scherz auf den Bänken, während die Neulinge betont wichtig, stolz, nervös und würdevoll in Ihren Akten oder Nasen  herumfummelten.

Der einzige Vertreter der Blauen Liste, der Wirt des Grünen Ecks, schüttelte seinen Kopf über das Treiben. „Wie am Schulhof nach den großen Ferien,“ dachte er und schnippte eine Papierkugel, an der er schon seit 20 Minuten herumgefaltet und -geknetet hatte, mit einen Gummiring an den kahlen Kopf von Ed. Hummel, ebenfalls Neuling und einziger Vertreter der Liste Dick gegen Doof, deren Parteiprogramm darin bestand, das physikalische Gesetz von der Erhaltung der Masse erst lokal, dann auch im Bundestag verabschieden zu wollen. Mit den Slogans Wir sind doch nicht Doof, Wir wollen eine gewichtige Rolle spielen und Hummelchen wählen  gelang es Ihnen, genügend Stimmen zu erhalten, um Hummel in den Stadtrat zu katapultieren. Für ihn wurde eine Doppelbank eingerichtet.

Hummel dreht sich um, sah den Übeltäter hämisch grinsen und kreischte mit hoher, überschnappender Stimme: „Da werde ich wohl gleich einen Antrag stellen, Sie Rüpel, Sie!“

„Das wird sicher etwas Gewichtiges werden“, lachte der Wirt, der trotz seines Grünen Ecks meist Der blaue Wirt genannt wurde. Günther Ecksteins Wählerschaft rekrutierte sich im wesentlichen aus seinen unzähligen Gästen, denen er reihenweise die Briefwahlunterlagen zu vorgeschrittener Stunde ausfüllte und Hundertschaften von jungen Hartz-V-Empfängern, die den ganzen Tag mit ihren Hartz-V-Frauen und Hartz-V-Hunden die Alpstädter Gleichheit bevölkerten und dort zur Freude der Anwohner und Cafébesucher für viel Gaudi sorgten. Morgens ging Eckstein regelmäßig vorbei und brachte ihnen in Flaschen abgefüllte Cocktails aus zusammengeschütteten Noagerln seiner Gäste vom Vorabend. „Das Zeug kann man doch nicht in den Gully schütten. Wäre viel zu schade, und ökologisch hat man schließlich auch eine Verantwortung“, rechtfertigte Eck stets seinen Aktionen, wenn er von der Polizei wieder einmal angehalten wurde. „Eine mechanische Kläranlage wäre total überfordert.“

Seinem Ruf entsprechend zog er einen Flachmann aus seiner Jackentasche, öffnete den Verschluß, hob die Flasche hoch, prostete seiner näheren Umgebung mit den Worten „Zielwasser! Auf Heyden!“ zu und setzte ungeniert an, während er seinen Kopf nach hinten bog und den Inhalt hineingluckern ließ. „ Feuerwasser heute wieder mächtig gut“, brummte er anschließend und  warf die Flasche in hohem Bogen in einen weit entfernten Papierkorb, wo sie auf drei gleiche knallte. „3:2 für mich“ lallte Eckstein.

In seinem Revers trug Eckstein einen schwarzen Anstecker. Wenn man genau hinschaute, was aber keiner tat, konnte man ein winziges Objektiv sehen mit seinem seitlich angebrachten Mini-Mikrofon.

Keine hundert Meter weiter saß ein Mann hinten in seinem Lieferwagen und verfolgte das Geschehen am Bildschirm mit Kopfhörern. „Mein Gott, Günni, sauf nicht so viel. Ich brauche gute Aufnahmen“, dachte sich der Mann. „Ich bin schließlich der beste Reporter der Stadt. Was glaubst du, Günni, wieviel Geld mich das gekostet hat, dich hier reinzubringen. Ich brauche schließlich Fakten, Fakten, Fakten. Aber wenn ich hier irgendeine Schweinerei vor den anderen herausfinden kann, werde ich vielleicht doch noch Chef des Feuilletons.“

Udo Heyden bereitete sich auf seinen zweiten großen Auftritt dieser neuen Saison vor. Nach der Vereidigung des neuen Stadtrates vor einer Woche, bei der er wie ein König über allen thronte und sich lobpreisen ließ, wollte er heute wieder einmal Zeichen setzen.

Doch er begann, seinen Job zu hassen. Noch vor zwei Wochen hatte er am Strand von Lesbos gelegen und ein Leben ohne Glamour, Glanz und Gloria geführt. Das war zwar zur Abwechslung mal ganz angenehm, auf Dauer aber lästig. Vor allem mußte er dort für alle seine Mahrzeiten und Getränke selbst zahlen. Und kein einziger Fotograf kümmerte sich um ihn. Manchmal setzte sich sein persönlicher Referent in das Reisebüro seines Schwagers. Wenn dann jemand die Insel buchte, bestach er diejenigen mitunter mit jeweils 50 Euro, damit sie seinen Chef unauffällig aufsuchen,  überrascht  reagieren und um Autogramme bitten sollten. Das schmeichelte Heyden immer.

Mangelnde Aufmerksamkeit war auch der Grund für seine heutige schlechte Laune. Im Amtszimmer schrie er seinen Referenten an: “Wie konnten Sie so versagen! Der lächerliche Müller von der Christlich Sozialen Liga war gestern 14 Mal in den Lokalzeitungen abgebildet und ich nur 12 Mal. Kein Wunder, daß ich mit nur 86 Prozent der Stimmen zum OB gewählt wurde, wenn mir meine eigenen Leute in den Rücken fallen. Nehmen Sie sich jetzt mal zusammen, sonst kann ich Sie nicht zum Chef der Stadtwerke machen, wie wir es damals vereinbart hatten.“

Heyden hatte – wie alle seine Vorgänger - die Gewohnheit, alle engen Mitarbeiter nach vier Jahren, in denen er sie vermeintlich verschlissen hatte, auszutauschen, um ihnen einen gutdotierten, lukrativen und ruhigen Job zukommen zu lassen, natürlich ohne Rücksicht auf Kenntnisse und Fähigkeiten. Diese wiederum taten das Gleiche in ihren Führungspositionen und besetzten ihrerseits die unteren Ränge mit ihren Günstlingen, Verwandten und Mätressen. Ob Stadtwerke, Messe, Stadtsparbank, Kläranlage, Müllverwertung... – es fand sich immer ein angenehmer Führungsposten. Einige von ihnen hatten anschließend kraft Ihres Amtes an Bedeutung gewonnen, so daß sie leicht in die Ministerien aufrücken und ihren Nachfolgern Platz machen konnten.

Erst kürzlich rückte die Büroleiterin Heydens auf den Posten der Geschäftsführerin der städtischen Immobilienfirma. Wie immer ging ein Protestschrei durch die Medien, der aber von den Bürgern ignoriert wurde. „Wenn’s Heyden so will, dann wird’s schon passen“, dachten sich fast alle. Dem Rest war es schlichtweg egal. Diese jahrzehntelange Praxis führte dazu, daß alle Schlüsselpositionen und die führenden Managerebenen von Günstlingen besetzt wurden, später die einfacheren Positionen, und zum Schluß schaffte es noch der Bürobursche der Stadtwerke Alpstadt Nord, seinen Schwager in die Poststelle einzuschleusen. Der konnte zwar kein deutsch, was aber zu keinerlei Konsequenzen führte, da er gleichzeitig auch Analphabet war und damit auch keinen direkten Schaden anrichteten konnte.

Heute wollte Heyden zum großen Schlag ausholen. „Gleich werde ich den Frischlingen mein Ceterum Censeo beibringen.“

„Ihr was?“, fragte der Adjutant.

Verärgert zischte Heyden ihn an: „Ceterum censeo Karfunkelem esse delendam, Sie Depp. Am Ende jeder Sitzung wiederhole ich meine Worte. Sind Sie da jedesmal eingeschlafen?“

„Ja“.

„Was?

„Ja“.

„Sie sind wenigstens ehrlich“, japste Heyden und rang nach Luft..

„Ja, und um jetzt reinen Tisch zu machen: die anderen auch.“

„Was meinen Sie?“

Ich habe mich mal mit den Stadträten unterhalten. Und die wissen auch nicht, was Sie mit ihrem ständigen Zither sehn Sie ja meinen.“

„Mein Gott, das ist Cato“.

„Ach was. Ein Kater? Was für ein Kater?“

Entnervt drehte sich Heyden um. „Mein Gott, ist das blöd. Ich muß jetzt in die Sitzung".

Heyden wollte sich schon den neuen Hermelin-Mantel umlegen, überlegte es sich dann aber anders und legte sich nur die schwere Amtskette mit dem Stadtschlüssel um. Er ließ sich die Tür öffnen und strebte über den Flur zum Plenarsaal. Schon von weitem hörte er das Gegröle der Repräsentanten.

Heyden ließ auch hier seinen Adjutanten vor, um nicht selbst die Klinke in die Hand nehmen zu müssen, und betrat mit energischen Schritten den Saal. Wie auf Kommando verstummten die Volksvertreter auf einen Schlag. OB Heyden steuerte auf kürzestem Weg seinen Platz an und sah den Stuhl links neben ihm besetzt. „Mein Gott, Wittman ist doch sonst immer zu spät. Heute bin ich ja wirklich der letzte.“

Walter Wittman, der zweite Bürgermeister strahlte ihn an. Heyden nickte, ohne eine Miene zu verziehen, knapp zurück. Er mochte den Vertreter der Grünen Allianz nicht, eigentlich keinen dieser Partei, konnte ohne sie jedoch nicht regieren. Eigentlich konnte er überhaupt niemanden ausstehen. Seit der Erneuerung der Koalition sprach die Presse jedoch nur noch von der „Roten Zora mit Grüner Soße“, worüber Heyden sehr erbost war. Sein Referent hatte ihn erst gestern wieder getröstet: „Meister, das ist doch wirklich noch besser als die anderen Wortschöpfungen unserer Lokalschurnalisten. Zum Beispiel das Synonym ‚Schwarze Pest’ für die Christlich Soziale Liga, die ‚Lila Pause’ für die Frauenliga, oder ‚Gelbe Gefahr’ für das Neoliberale Sammelbecken .“

„Und was ist mit der Rechtsradikalen Union?“ fragte Heyden.

„Braune Kacke.“

„Die trauen sich was. Und die Radikalreformer?“

„Linke Bazillen“

„Die Bibelfront?

„Wasserläufer“

„Originell. Hm“, resümierte Heyden, „dann bin ich eigentlich mit der Roten Zora wirklich noch gut dran.“

„Sag ich doch“

„Aber das mit der grünen Soße muß aufhören“

„Da müssen Sie jetzt 6 Jahre warten.“

„Wenn’s an der Zeit ist, löse ich eben alles wieder auf. Habe ich schon mal gemacht, wie Sie vielleicht nicht wissen. Wird aber immer wieder funktionieren.“

Und so ließ er immer innerlich einen Countdown ablaufen, wenn er seine Koalitionspartner sah. „Ludwig der Vierzehnte hatte es besser“, dachte er sich. „Der brauchte sich nicht mit grünen, gelben oder braunen Saucen bekleckern lassen.“

„Gu-ten Mor-gen. Ich er-öff-ne hier-mit die er-ste Stadt-rats-sitz-ung,“ rief Heyden laut und bedächtig - wie bei allen seinen launigen und zornigen Reden - ins Publikum.

„Ich habe da einen Antrag“, unterbrach ihn unerwartet und laut eine Stimme von ganz hinten. So einen Affront hatte der OB noch nie erlebt. „Ich wurde vorhin tätlich angegriffen von..“

„Hö-ren Sie auf!“ unterbrach ihn Heyden seinerseits. „Sie sind wohl doof“

„Nein, eben nicht!“

Jetzt dämmerte es dem OB, wen er hier als neuen Gegner vor sich hatte. „Mein Gott, das verschieben wir auf „Sonstige Anträge“.“

„Nein, nicht Gott, mein Name ist Hummel, Ed Hummel“.

Heyden vergrub sein Gesicht in seinen Händen und dachte sich: „Wäre ich doch bei den Lesben geblieben.“ Er sammelte sich noch einen Moment. Dann fuhr er bedächtig wütend fort.

„Heu-te ist ei-ne nicht-öf-fent-liche Sitzung, da-her ha-ben wir kei-n Pub-li-kum.“

„Und wer sind dann die zwei schwarzen Gestalten mit den Sonnenbrillen und den Spiralkabeln in den Ohren da oben?“ kam eine Stimme aus dem Plenum.

Der Mann im Lieferwagen ein paar Straßen weiter war wie elektrisiert. „Bingo“ schrie er laut. „Mensch Günni“, dachte er sich, „dreh dich um, damit ich die Typen mitschneiden kann.“ Doch nichts geschah.

Die zwei Männer in schwarzen Anzügen auf der Besuchertribüne traten schnell zurück, so daß sie von unten nicht mehr gesehen werden konnten.

„Die ge-hö-ren zum The-ma für heu-te. Also:“ begann Heyden.

„Im Her-bst fin-det doch wie-der die Si-cher-heits-kon-fe-renz statt. Und die müs-sen wir si-cher mach-en. Wir ha-ben In-for-matio-nen, daß An-schlä-ge ge-plant sind.“

PLONK!

Alle schauten auf die Seite, von der das Geräusch kam. Eine kleine Schnapsflasche landete im halbvollen Papierkorb. Eckstein war aufgestanden, um besser zielen zu können, doch plötzlich schlug der Alkohol zu. Unvermittelt plumpste er auf den Tisch, auf dem er bäuchlings sofort einschlief und der Versammlung einen schnarchenden Grundton verlieh. Hin und wieder bewegte er sich, und das waren die einzigen Momente, in denen der Mann im Lieferwagen noch Wortfetzen vernehmen konnte.

Großes erregtes Murmeln im Plenum. Hummels Fistelstimme drang durch den allgemeinen Lärmpegel: „Kommt die Gefahr von links oder von rechts?“, kreischte er erregt.

„Mei-ner In-for-mati-on nach von o-ben. Wir müs-sen den Luft-raum be-ob-achten. O-der von un-ten. Aber die Gul-lys sind, seit wir Papst waren, gott-lob noch ver-sie-gelt.“. Ich muß be-to-nen, daß die-se In-for-ma-ti-on ge-heim ist. Wir wol-len die Be-völ-ke-rung nicht ver-un-sich-ern. A-ber wir müs-sen die Sich-er-hei-ts-ex-per-ten schü-tzen, not-falls mit Ge-walt und un-se-rem, äh, ich mei-ne mit dem Le-ben un-ser-er Bür-ger. Diese Bür-ger ha-ben ein- An-recht da-rauf, nichts zu er-fah-ren. Wir bil-den jetzt Ar-beits-krei-se, die Vor-schlä-ge er-ar-bei-ten wer-den.“

Heyden ließ anschließend sämtliche Stadträte unter Androhung der Todesstrafe zum Stillschweigen vereidigen, während zwei Männer in Schwarz von oben unauffällig die Vereidigung filmten. Die Stadträte wurden anschließend in die Arbeitsgruppen aufgeteilt. Bis zum Spätsommer sollten diese Teams beschlußfähige Aktionen ausarbeiten.

Im Anschluß wurde ein persönlicher Antrag Heydens mit den üblichen obligatorischen Nein-Stimmen der Opposition zum Anschein einer funktionierenden Demokratie verabschiedet. Zwischen dem Korkeimerplatz und St. Helenenam solle zukünftig eine Straßenbahn fahren. Dazu müsse allerdings der breite Grünstreifen zwischen den Fahrspuren der Wagnerstraße weichen. Als Grund nannte Heyden Bürgerbeschwerden und Warnungen der Stadtreinigung über das Laub im Herbst. Bei feuchter Witterung würden sich die Fahrbahnen in Rutschbahnen verwandeln, und die Stadt könnte in Regreß genommen werden. Das wäre eine Bombengefahr. Eine Oberleitung würde dagegen so gut wie gar nicht schmutzen, bescheinigte auch Heydens Freund Alois Kruppstamm, Besitzer der Vereinigten Schienenwerke. Anfänglich zerstritten, waren sich nach einer zweiwöchigen Klausurtagung, zu der Kruppstamm nach Nizza eingeladen hatte, sämtliche Justitiare der Stadt einig über diese schwelende Rechtsgefahr, das Damoklesschwert, das „die Existenz Alpstadt in Ihren Grundfesten“ bedrohe. Wenig später forderten die Justitiare vieler Städte und Gemeinden des Landes, sie hätten auch gerne eine Aufklärungsbedarf in diesem Punkt, die ihnen jedoch stets verweigert wurde. Die Bürgermeister fuhren stets alleine.

Um den Widerstand der Grünen Fraktion über die Rodung gleich im Vorfeld abzuschmettern, bot Heyden als Ausgleich die Schaffung eines neuen „Biotop-Paradieses in traumhaft-idyllischer, wildromantischer Lage“ (am Rangierbahnhof im Alpstadter Norden) an. „Au ja!“, riefen die Mitglieder dieser Koalition sofort begeistert und malten sich schon Szenen aus: sich paarende Teichrohrsänger, balzende Auerhähne, Marder, Luchse, Schlangen und Spinnen, quakende Frösche und Milliarden von Stechmücken als deren Lebensgrundlage. „Es wird Zeit, daß die Stadt mal ein paar andere Lebensformen als die üblichen Spatzen und Meisen züchtet. Einige Stadträte, die eben auf die drohende Invasion der Mücken hinwiesen, wurden beschwichtigt, das sei nicht so schlimm. Mit der Zeit würden sich die scheuen Mücken schon an die Bevölkerung gewöhnen.

Der Christlich Sozialen Liga hatte Heyden schon im Vorfeld das Gelände im Geheimen als elitären 18-Loch-Golfplatz versprochen, der Rechtsradikalern Union als Trimm-dich-Ertüchtigungsgebiet mit Schießstand, der Blauen Liste als Platz für einen Imbißstand, der Frauenliga als Nordic-Walking-Parcours, der Bibelfront als Umfeld für einen Tempel, den Gelben und den Radikalreformern als staatsfreien Wirtschaftraum. Und den Islamisten als Baugrund für die längst fällige, immer wieder verschobene Moschee.

Heydens Erfolg lag daran, daß er, wie die Staatschefin, jedem das Gefühl gab, ihn ernst zu nehmen, selbst wenn er der größte Depp war und das schwachsinnigste Anliegen hatte. Er versprach stets, sich um deren Anliegen zu kümmern, auch wenn er es nie tat. Und wenn er auf ein leeres Versprechen festgenagelt wurde, hatte er die rhetorische Fähigkeit, es so hinzudrehen, daß sein Gegner sich anschließend verlegen entschuldigten. Sein neuer Referent war blaß geworden, als er die vielen Versprechungen hörte und hatte gefragt: „Meister, und was wollen Sie wirklich schaffen?“. Und das war seine Antwort: „Zum Schluß sind die Kosten für die Straßenbahn so explodiert, daß wir eh kein Geld mehr haben werden. Das wird ein Mini-Golfplatz mit Bunkern für die Rechtsradikalen, einem Wasser für die Grünen,  ein 5 qm-Tempelchen, das auch als Moschee genutzt werden könne. Und wer da mit Nordic Walking-Stöcken umherirrt oder sich zu Wirtschaftsdebatten trifft, den trifft vielleicht noch das eine oder andere Golfbällchen. Da erledigt sich manches Problem.“

„Und weshalb die Moschee?“

„Auch Moschee-ler sind Wähler“, dichtete Heyden knapp.

Der Mann im Lieferwagen wurde nervös. Was er bisher verstanden hatte, waren nur die Worte Bombengefahr...andere Lebensformen...Invasion...Schießstand...Moschee. „Wie war das zu deuten? Warum mußte Günni auch immer so saufen?“ In dem Moment drehte sich Eckstein auf den Rücken. Und er hörte Heyden laut sprechen:

„Ceterum censeo..., ach Quatsch. Letzter Antrag: Wir müssen den Karfunkel irgendwie rausgraulen. Der soll mit seiner dämlichen Fabrik endlich aus unserer schönen Stadt. Ist das klar? Wer prinzipiell dafür ist, soll seine Hand heben. Dann erörtern wir das Thema das nächste Mal.“

Jeder war so verblüfft, daß er die Hand hob, sogar Eckstein, der langsam wieder zu sich kam. Aber jeder malte sich die Geschichte anders aus. Denn die Karfunkel Werke lagen auf dem schönsten Areal der Stadt. Jetzt wußten alle Bescheid, daß man Fäden ziehen mußte. Aufgeregt vergaß selbst Hummel, seinen Antrag wegen Körperverletzung neu zu stellen.

Hägar Meister im Lieferwagen war zufrieden. „Hatte mein Chef also doch recht. Das stinkt gewaltig. Und hier sind alle meine Themen versammelt. Nächstes Mal kriegt Hummel den Sender, ob er will oder nicht." Er stieg hinten aus, blinzelte in die ungewöhnlich grelle Sonne und schlug die Tür zu. Noch geraume Zeit stand er da und ließ die Sonnenstrahlen behaglich auf sich wirken. Dann drehte er sich um und sah, wie sein Wagen am Haken eines Abschleppwagens verschwand. „Hey“, rief er hilflos hinterher, und ein Passant lächelte: „Es gibt immer wieder Deppen, die sich hier auf den Parkplatz stellen, der für die Kripo reserviert ist.“

Für 230 Euro konnte er seinen Wagen im Osten Alpstadts wieder abholen. „Alpstadt-Zuschlag“ grinste der Kassierer der Verwahrungsstelle, "woanders kostet's die Hälfte". "Und das ohne Spesenkonto", stöhnte Meister, der jetzt wieder einmal pleite war. Zu allem Übel mußte er jetzt noch quer durch die Stadt zur Pressekonferenz in den Karfunkel-Werken.

In seinem Amtszimmer tobte Heyden.“Wer wählt denn sol-che Leu-te? Und wa-rum kann ich nicht al-lein re-gie-ren? Wa-rum muß ich mich mit so ei-nem Pack he-rum-schla-gen?“ Er setzte sich an seinen Schreibtisch und dachte über die Segnungen der Monarchie nach. Er hatte schließlich schon alle Voraussetzungen erfüllt. Seine Popularität war grenzenlos, seit er die Grundvoraussetzungen erfüllt hatte. Von Beruf Volljurist und Komiker, öffneten sich für ihn alle Tore, als er in eine alte Alpstädter Dynastie einheiratete., nicht zuletzt, um Gerüchte über seine Neigungen zu zerstreuen. „Was Elton kann, kann ich schon lange,“ sagte er sich. So startete er mit diesen Beziehungen im Steilflug nach oben, da er schnell gelernt hatte, wie man mit Worten umgehen muß, um Menschen einzufangen. Bloß nie jemandem öffentlich wehtun. Um sich nicht zu versprechen, gewöhnte er sich die langsame Sprachweise an und perfektionierte so sein Politikerdasein mit seinem Talent zum Schönreden, Lächeln und konsequentem Ignorieren bei der Umsetzung, wenn ihm etwas gegen den Strich ging.

Und er vegaß niemals! Besonders nicht, wenn es um seine Zähne ging.

So vergrößerte Heyden seine Popularität Stück um Stück. Er betrieb den Neubau eines Fußballstadions, das er aus gegebenem Anlaß „Arena“ taufen ließ: Brot und Spiele wollte er seinem Alpstadt geben, und er fühlte sich wie Nero. Seine Feinde wollte er dort den Löwen vorwerfen. Beim Umbau seines Alpstadt plante er hochmoderne Wolkenkratzer im Altstadtbereich, vergrößerte kontinuierlich das Straßenbahnnetz, das seine Vorgänger entfernt hatten, und scheute als überzeugter Radler den Ausbau des Straßennetzes.

Aber seine Feinde lauerten schon. Sie zwangen ihn Mal um Mal, Tunnel graben zu lassen, um tägliche Autostaus zu beheben, und die schon im Bau befindlichen Hochhäuser zu kappen. Heyden wurde dadurch immer gereizter. Um seine Gegner zu überlisten oder bloßzustellen,  mußte er zu immer ausgefalleneren Methoden greifen. Sein bisheriges Meisterstück bestand darin, daß er sich bei einem Bauvorhaben, zu dem er wieder einmal per Bürgerbegehren gezwungen wurde, nachts in das Baureferat schlich und auf den Plänen eine Zufahrt wegradierte. Die zugehörigen Unterlagen überließ er genußvoll dem Papierschredder. Der Stadtverwaltung, die selten etwas doppelt kontrollierte, meistens gar nichts, fiel der Fehler nicht auf. Auch die Planer und ausführenden Firmen wunderten sich nur, wagten aber nicht nachzufragen. Nur die Arbeiter diskutierten jahrelang den Blödsinn und freuten sich auf die Entdeckung des Fehlers „der Studierten“.

Bei der Eröffnung des Tunnels am letzten Wochenende ließ sich Heyden von der Presse und den per Freibier angelockten Bürgern zunächst feiern.

Aber am heutigen Tag der offiziellen Inbetriebnahme war das Chaos perfekt. Der Großteil der Fahrzeuge konnte nicht in den Tunnel einfahren, weil die Zufahrt fehlte. Der Stau war noch schlimmer als vor dem Bau. Heyden kommentierte: „Ich ha-be gleich ge-sagt, daß der Tun-nel Quatsch ist. A-ber wenn die Op-po-si-tion und das Volk das Cha-os will, dann hat sie es jetzt be-kom-men.“ Innerlich jubelte Heyden und rechnete kurz durch:  „10 zu 4 für mich“.

„Ich muß jetzt zu Kla-rab-bel-la“, sagte Heyden seinem Referenten. „Das wird heu-te ei-ne spa-ßige Ge-schi-chte.“ Und genußvoll weidete der OB diese Affäre zu seinem Gunsten in seiner wöchentlichen Ansprache an sein Volk auf Radio Klarabbella aus. Im Anschluß fühlte er sich wieder wohler.

Fortsetzung folgt


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Stand: Donnerstag, 24. Februar 2011