Kap.3: Trautes Heim   

                                                                 Ein Leben voller Sehnsucht, Leidenschaft und Mutti.     

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Trautes Heim

X.B.Liebig war sauer. Wutentbrannt stieg er in sein Auto, das er wie jeden Morgen äußerst akkurat auf seinem reservierten Firmenparkplatz abgestellt hatte, der seinem Wunsch entsprechend mit Dr. Liebig, Volljurist gekennzeichnet war. Nach einigen vergeblichen Startversuchen und ebenso vielen „Mistkarre-Schreien" fuhr er los. „Warum mußte ich ausgerechnet bei den Scheiß Karfunkels landen? Bei einer Pleitefirma, die von einem Idioten und seiner blöden Mutter geführt wird! Es gibt so viele Mistfirmen auf der Welt. Warum bin ausgerechnet ich hier gestrandet? Und dann muß ich mich auch noch von der Nebelkrähe so blöd anreden lassen! Das habe ich doch nicht nötig! Wer bin ich denn?"

Voller Wut raste Liebig mit seinem alten 93er Nopol Kastrat 1,2 LS vom Firmengelände rechts auf die Zubringerstraße, geriet dadurch ins Schleudern und prallte fast auf eine schwarze, lange Limousine mit getönten Scheiben, die ihm schon seit Monaten auf der anderen Straßenseite auffiel. Erleichtert, daß nichts passiert war, gab er Vollgas. Bald darauf hatte er schon die Höchstgeschwindigkeit erreicht und raste mit fast einhundert Stundenkilometern auf die Autobahneinfahrt zu. Die übliche Vollbremsung, dann zweihundert Meter später das Einlenken auf die Einfahrt, beschleunigen und dann auf die Autobahn, wo ihn sogleich die ersten Lkws wütend hupend überholten. „Ja, Herrenfahrer ist und bleibt Herrenfahrer. Wir sind eben nicht beliebt, weil wir so gute Chauffeure sind", sinnierte Liebig zufrieden. „Und everybody's Darling ist everybody's Depp, sagte schon mein Unteroffizier, Sven Butovsky, beim Bund. Jaja, der Typ war zwar hart, aber toll. So ne Bundeswehr ist ja auch nichts für Weicheier. Der hat mir sogar damals seinen eigenen Wagen verkauft. Hat sich tagelang geziert, aber dann habe ich immer mehr geboten, bis er sich breitschlagen ließ.

'So ein Nopol ist das Glamour-Car der Schönen und Reichen. Der hier hat sogar Zarah Leander gehört', hat Sven immer wieder betont. So ein Fahrzeug konnte man ja nicht auslassen, auch wenn sich meine Kumpels lustig gemacht hatten, Leander wäre beim Bau des Autos angeblich schon längst tot gewesen. So ein Blödsinn, alles Neid. Naja, komisch war es schon, daß im Fahrzeugbrief als Erstbesitzer eine Lara Zander ausgewiesen war. Wahrscheinlich der echte Name der Künstlerin. Die acht folgenden Besitzer hießen jedenfalls gänzlich anders. Und so ein Auto mit nur 12.000 Kilometern war schon seine 10 Riesen wert. Und sah teilweise noch ganz neu aus. Besonders der Tacho. Bei einer Mark pro Kilometer hat Sven schließlich eingeschlagen, aber was von „...wäre ich jetzt fast Millionär...gemurmelt. Gut, ich habe bisher schon einiges an Reparaturen reinstecken müssen, aber die 14 Riesen haben sich über die Jahre verteilt. Und bald gibt es die Firma auch nicht mehr, dann werden die Preise für so einen Nopol in die Höhe schnellen. Da kann sich Irene noch so aufregen über die vermeintlich alte Karre. Die wird schon sehen!

Liebig machte das Radio an. Der rechte Lautsprecher krachte. Routinemäßig schlug Liebig mit der Handkante auf den rechten Teil des Armaturenbretts. Der Lautsprecher funktionierte wieder. Liebig hörte sich die Nachrichten an und resignierte. „Naja, vielleicht dauert's doch noch ein paar Jahre, wenn es stimmt, daß Nopol einen neuen Investor gefunden hat. Aber der Kastrat wird schon lange nicht mehr gebaut. Der muß einfach im Preis steigen. 

Wenn er noch so lange durchhält.

„Nopol fahren ist wie fliegen“, murmelte Liebig den jüngsten Werbespruch des maroden Autobauers. „Wir können es“ und „Wir können es immer noch“ hatten eher sinkende Verkaufszahlen ausgelöst, während „Aus Freude am Rasen“ zu heftigen Reaktionen vieler Organisationen und Verbände geführt hatte. „Wir haben verstanden“ provozierte nur den bissigen Kommentar der Branche, das hätte wohl viel früher geschehen müssen. Andere meinten, Nopol sollte lieber bessere Autos statt schlechtere Werbesprüche produzieren. Aber die Werbeabteilung blieb hart.

Liebig gefiel der aktuelle Slogan, und er fühlte förmlich die Gnade, mit hundert Sachen über die Autobahn fliegen zu dürfen. „Danke Sven, ohne Dich wäre mir das nie vergönnt gewesen und danke Dir, du Bundeswehr, die Du mich zum Manne gemacht hast.“ Dann sah er wieder den Zeiger der Temperaturanzeige in den roten Bereich schnellen und ging vom Gas.

Das war das Zeichen, daß er die nächste Abfahrt auf den Äußeren Ring nehmen muß, nach 2 Kilometern an der Alpstädter Gleichheit links abbiegen, rechts in die Prinzenstraße und dann Parkplatz suchen.

50 Minuten später hatte er einen Parkplatz für sein Auto gefunden, sich mit dem Taxi in die Prinzenstraße zurückchauffieren lassen und stand vor seiner Wohnungstür. Er schnaufte einmal tief durch und stellte sich schon einmal auf seine Lebensgefährtin ein. Entschlossen steckte der den Schlüssel ins Schlüsselloch, drehte tapfer um und öffnete die Tür.

„Bin wieder daha!“, rief er zaghaft.

Keine Antwort.

Er ging durch alle Zimmer. Im Wohnzimmer saß Irene und blätterte in einer Zeitschrift.

„Bin wieder da“.

„Seh ich,“ sagte sie ohne aufzuschauen.

Er gab ihr einen Kuß auf den Kopf, dann setzte er sich in den Sessel neben sie.

„Puh. Das war wieder ein Tag. Keinen Parkplatz bekommen, kein Taxi be..“

„Warum kommst Du erst jetzt? Ich hab schon Hunger und muß wie immer auf Dich warten. Und kannst Du nicht die Schuhe ausziehen?“

„Oh ja, die Schuhe. Sofort. Weißt Du, wieder so schlimm, Irene. Alles zugeparkt. Und da fährst Du stundenlang wie ein Blöder im Kreis. Aber das war ja nicht alles. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was heute los war. Ich hatte Dir doch von der Sitzung erzählt.“

Liebig spürte das Desinteresse seiner Frau. Nervös haspelte er weiter.

„Da ging's aber ab. Weißt Du, die blöde Karfunkel...“

„Was gibt’s zu essen? Ich warte die ganze Zeit auf dich und habe Hunger. Das kannst Du mir auch später erzählen.“

„Ich habe Tortelloni mitgebracht...

und...

...oh Gott, im Auto vergessen.“

„Typisch Xaverle. Soll ich hier verhungern? Du denkst auch nie an mich. Früher warst du ganz anders. Wahrscheinlich hast du das alles wieder absichtlich gemacht. Du bist wie Dein Vater. Und Deine Mutter. Du bist wie alle Männer. Nur tierische Triebe, aber Zuneigung kennt ihr nicht. Schau, daß du mir ein Essen herbringst. Wie ist mir egal, aber ganz schnell. Sonst fliegst du hier raus.“

Liebig dachte nach. Das wäre eigentlich DIE Chance. Wenn du diese Chance jetzt nicht ergreifst, dann gehörst du der Katz. Liebig handelte schnell.

Fluchtartig verließ er die Wohnung, hastete die Treppen herunter, riß die Haustür auf und blieb erst einmal auf dem Bürgersteig stehen. Er hörte, wie die Haustür schwer zufiel und atmete tief durch. Befreit.

Als er den Regen bemerkte, war er schon pitschnaß. Und dann dachte er an Irene.

Hastig rannte er die Straße hinunter, stürzte zum Italiener rein und rief: „Luigi, zweimal Lasagne und einen Salat.“

„Luigi ist nicht mehl hiel, mein Hell“, rief ihm eine kleine Frau entgegen.

„Wieso?“

„Jetzt hiel ist „Kleinel Bambusgalten“.

„Dann eben einmal Pekingente und 13 Frühlingsrollen.“ Er freute sich schon auf die kleinen knusprigen Röllchen, und 13 war schließlich seine Lieblingszahl.

„Gelne, mein Hell. Wild flisch gemacht. Dauelt dahel zwei Minuten.“

Sie stellte ihm einen von jenen üblichen Plaumenschnäpsen hin, auf die er immer Magenschmerzen bekam. Er fixierte das Getränk lange, dann stürzte er es mit Todesverachtung hinunter. Da kam sie bereits aus der Küche und brachte einen wohlgefüllten Karton.

„Einmal Pekingente und dleizehn Flühlingslollen. Macht dleiundvielzigdleissig.“

Liebig stutzte bei dem Preis, gab ihr 50 Euro und murmelte. „Stimmt so. Ach, kann ich etwas Folie haben. Es legnet, äh, regnet so stalk...stark“.

„Sie sollten sich nicht lustig machen, mein Hell. Lelnen Sie doch elst mal kantonesisch. Dann splechen wil uns wiedel.“ Erzürnt drehte sie sich um und ließ ihn stehen.

Beschämt verließ Liebig mit einem leisen „Ntschullliung“ das Lokal und stapfte frustriert durch den Regen.

Als er seine Wohnung betrat, war der Karton durchgeweicht. Kurz, bevor er ihn auf der Arbeitsplatte in der Küche abstellen konnte, gab der Boden nach, und alles purzelte nach unten. „Mein Gott,“ murmelte er, „jetzt schnell einsammeln, bevor Irene das merkt.“ Er ging in die Knie und sammelte hastig viele große Pakete zusammen, die sich alle um ein paar Füße versammelt hatten.

„Und? Essen wir heute vom Boden?“ sprach die Stimme über ihm. „Ist das etwa Tisch decken? Und was ist das für ein Müll?“

„Äh, chinesische Spezialitäten?“ murmelte Liebig.

„Sehr bodenständiges Essen, würde ich mal sagen.“

„Naja, Irene, ist ja alles noch verpackt. Du liebst doch Pekingente. Für mich sind die Frühlingsröllchen.“

„RöllCHEN?“

„Äh ja“.

„Das sind die XXL-Rollen. Hast du dir diese Monster etwa statt deiner geliebten Minis andrehen lassen? Na dann Guten Appetit. Das möchte ich sehen.“

„Ja, ich habe schon Hunger“.

Der Tag war für Liebig schon schlimm. Der Abend sollte also noch eine Steigerung in petto haben. Um nicht zuzugeben, daß er schon wieder versagt hatte, würgte sich Liebig Stück für Stück rein. „Lecker, lecker!“, sagte er mit monotoner Stimme. „Scheiß 13 als Lieblingszahl“, dachte er sich. „Bei Lieblingszahlen sollte man also vorsichtig sein. 2 oder 3 wäre in dem Fall ideal. Aber immer noch besser als 36 oder 42.“ Liebig versuchte sich abzulenken, was ihm nur schwer gelang. Nach der siebten Rolle und einer halben Flasche Soja-Sauce stieg er auf Tabasco um.

Trotzdem schaffte er nur neun. „Die andern hebe ich mir für die Arbeit auf. Die nehm' ich mit. Die sind ja zu köstlich,“ murmelte Liebig undeutlich, da er Schwierigkeiten hatte, die Ladung bei sich zu behalten, und er ärgerte sich, daß ihm das nicht früher eingefallen war.

Den Rest des Abends verbrachte er, nachdem er abgeräumt und die Küche geputzt hatte, leise würgend und mit Magenschmerzen vor dem Fernseher und schüttete einen Ouzo nach dem andern runter.

Als er sich schließlich im Schlafzimmer um Irene kümmern wollte, die aus jeder Pore glutamatverstärkte Knoblauch-Dünste auspustete, mußte er sich sehr motivieren, nicht sofort zu sterben.

„War’s das? War überhaupt was?, murmelte Irene schläfrig. „das mußt du noch mal üben. Jetzt weiß ich, weshalb die Juristen immer ins Repetitorium müssen. Aber nicht jetzt. Ich bin müde, und du solltest jetzt Schluß machen, sonst kommst du morgen wieder nicht aus dem Bett. Hast du überhaupt den Müll schon runtergetragen?“ Dann schlief sie ein.

Liebig hastete auf die Toilette, trennte sich von der Hälfte seines Essens und schlief darauf auch sofort neben seiner Irene sein. Er träumte einen wilden Traum von Karfunkels Mutter, die ihm, von Irene angefeuert, eine Frühlingsrolle nach der anderen in den Mund schob, bis er von einer Jury aus 13 Bankiers zum fettesten Juristen des Erdkreises gekürt wurde. Der erste Preis war eine Art riesiger goldener Oscar. Als er die schwere Figur in die Hände gedrückt bekam, bedankte er sich zunächst in juristischer Sprachart, so daß binnen kurzer Zeit fast der ganze Festsaal eingeschlafen war. Dann betrachtete er das goldene Ding, das sich als riesige Frühlingsrolle in Form eines Oscar herausstellte, der in seinen Händen eine Pekingente hielt.

Ganz hinten im Saal stand eine kleine Frau, die ihm laut zuschrie: „Sofolt aufessen, mein Hell. Abel solfolt! Aber volhel noch einen Pflaumenschnaps“.

Am nächsten Morgen war Liebig froh, nicht mehr schlafen zu müssen.

Fortsetzung folgt


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Stand: Donnerstag, 24. Februar 2011