Kap.1: Die Sitzung   

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Die Sitzung

Die Luft war klar und roch nach frischem Grün. Die Straßen waren belebt von so vielen Leuten wie schon lange nicht mehr, und alle trugen farbenprächtige Kleider. Nach einem so langen und harten Winter tat die Sonne wohl, und jeder versuchte, ein paar Sonnenstrahlen aufzusaugen. Einige wenige saßen sogar schon tapfer in den Biergärten und lächelten selig vor Ihren Bierkrügen. Doch so richtig warm war es natürlich noch nicht, und die Tapferen wußten, daß ihre eiskalten Füße und Frostbeulen ein hoher Preis für die bewundernden Blicke waren. Das gleiche galt für die Cabriofahrer, die erstmals seit Monaten ihre Verdecke geöffnet hatten und den kalten Wind um ihre blaugefrorenen Gesichter tanzen ließen.

Kurz und gut, die Menschen dieser Stadt freuten sich über das Ende der Eiszeit, das bereits den dritten Tag anhielt und dadurch zu unterstreichen schien, daß der Winter endgültig vorüber sein sollte. Es war Montag, und der Wetterbericht sprach von weiter ansteigenden Temperaturen in den nächsten Tagen. Einzig der Verkehr, der sich jetzt über die Stadtautobahn und die Zubringerstraßen quälte, zeugte von einer ewigen Beständigkeit, die keine Jahreszeiten kannte. Wie immer löste sich der Stau schließlich am Autobahndreieck Alpstadt-Karfunkel auf.

Mit ihren 863 Angestellten war die Karfunkel & Cie KG einer der Hauptsteuerzahler der Stadt, gleichzeitig Renommierfabrik wie Angriffspunkt vieler Gemüter. Gegenwärtig stand die Fabrik wieder einmal im Fokus der Presse.

Maximilian Karfunkel III schlurfte mürrisch über den Fabrikhof und murmelte vor sich hin: "Ich krieg's schon noch raus. Eines Tages krieg ich es schon noch raus." Zwischen den beiden großen Lagerhallen hatten sich einige Arbeiter versammelt, die Zigaretten rauchten oder ihr mitgebrachtes Frühstück verzehrten. Karfunkel schüttelte verständnislos den Kopf und fragte sich, warum zum Teufel er vor kurzem eine neue Kantine einrichten ließ, wenn ohnehin keiner drinnen saß. Die Arbeiter grinsten zu ihm herüber, und einige grüßten ihn sogar. "Grüß Gott, Herr Direktor, schöner Tag, was?". "Hi, Max", rief einer, den er noch nie gesehen hatte, der aber den typischen hellblauen Firmenoverall trug mit dem Emblem einer schemenhaften Frau inmitten einer Orange. So schön dieser Herbsttag auch war, Karfunkel wußte, daß er nichts Gutes bringen würde. Die Gesellschafterversammlung war für zehn Uhr anberaumt, bei der er Rede und Antwort zu stehen hatte. Es war nur Übles zu erwarten.

Karfunkel war ein stattlicher Mann. Einsneunundachtzig groß, 105 Kilo schwer, Tendenz steigend. Er ähnelte stark seinem Vater, ganz besonders seinem Großvater, dem Firmengründer. Portraits beider Männer, mit dicken Zigarren in der Hand, hingen in allen Fabrikhallen und Büros, aber irgendwie schien ihm deren Format noch zu fehlen, der Rest war hinter dichten, geheimnisvollen Schwaden verborgen. Vielleicht lag es aber daran, daß eigentlich nur die Umrisse seiner Ahnen auf diesen Porträts zu erkennen waren. Beide pflegten mit dicken Havannas ihre Umgebung beständig einzunebeln. "Junge, dir fehlt Format", hörte der kleine Max seinen Vater immer sagen, und auch seine Mutter wiederholte so beständig wie vorwurfsvoll diesen Satz: "Wenn Du nur das Format Deines Vaters hättest!".

Daher durfte er sich zu Vaters Zeiten in der Fabrik nur in nebensächliche Dinge einarbeiten und wurde von den Firmeninterna weitgehend ferngehalten. Als sein Vater vor fünf Jahren urplötzlich verschwand, wußte er daher immer noch nicht vollständig, was die Fabrik produzierte. Offiziell präsentierte sich die Karfunkel & Cie KG als einer der größten Hersteller von Haushalts- und Drogerieartikeln des Landes, aber irgendwie mußte da noch mehr sein, das wußte er gewiß. Seine eigene Mutter schwieg beharrlich und wiederholte, sie sei nur eine schwache, herzkranke Frau und wisse von nichts. „Das ist auch nicht meine Aufgabe. Du leitest jetzt die Firma, also schau, daß alles seine Richtigkeit hat.“ Und irgendwie traute er sich nie, jemanden zu fragen, weil er Angst hatte, sich eine Blöße zu geben.

Karfunkel schüttelte heftig seinen Kopf, um sich von seinen schweren Gedanken zu befreien. "Ich muß mich jetzt konzentrieren, sonst wird das nie was", murmelte er vor sich hin. Mein Gott, wie sehr wünschte er sich jetzt eine heiße Tasse Kakao.

Überhaupt sah das Betriebsgelände sehr merkwürdig aus. Einige einstöckige. heruntergekommene Fabrikhallen standen abseits der modernen Fabrikhallen aus Edelstahl und Glas auf dem großen Areal eher verloren und wie zufällig herum, und in der Mitte des Geländes ragten drei altertümliche, gemauerte mächtige Schornsteine aus ebenso vielen Schuppen. Es war ein Kontrast zwischen den schweren, dumpfen Jahren der Industrialisierung und der lichten Eleganz der Moderne. Gleich hinter den modernen Fabrikhallen erhob sich eine steile Felswand , auf deren Spitze eine alte viktorianisch anmutende Villa mit vielen Erkern und Türmchen thronte: das Anwesen der Karfunkels. Direkt über dem Firmengelände, aber nur über eine weitläufige Serpentinenstraße im Hinterland erreichbar.

Einer der Schornsteine rauchte wie gewöhnlich leicht vor sich hin. Er sorgte für die Heizung der gesamten Firmengebäude. Die beiden anderen waren vor Jahren stillgelegt worden und dienten scheinbar nur noch der Dekoration. Doch aus einem von ihnen sollen jüngst Blubbergeräusche gekommen und Seifenblasen entwichen sein. Sagten zumindest die Gerüchte. Einer der Schuppen besaß eine schwere Stahltür, die immer verschlossen war. Der Junior, wenn man ihn wirklich so nennen kann, schließlich war Karfunkel schon fast 30, hatte noch nie diese Tür sich öffnen oder schließen gesehen. Er besaß keinen passenden Schlüssel dazu, obwohl ihm sein Vater an die zweihundert verschiedene hinterlassen hatte. Das war auch das Thema der Gesellschafterversammlung. Er, ausgerechnet er, sollte eine plausible Erklärung für das Blubbern für die Presse abzugeben, nachdem eine Bürgerinitiative in den letzten Monaten einen besorgniserregenden Einfluß gewonnen hatte. Im Umkreis von 50 Kilometern waren immer wieder Blasen heruntergegangen und hatten Autos, Passanten und sogar manche Tiere im Zoo mit einer klebrigen Masse überdeckt, die nur schwer zu entfernen war. „Gummitiere im Zoo“, lautete jüngst die Schlagzeile in einer der Lokalzeitungen. Unzählige Prozesse waren in Vorbereitung, die Hundertschaften von Juristen beschäftigten und in den Reichtum trieben. Doch was sollte der Junior sagen. Daß er keinen blassen Schimmer hatte, was seine Firma produzierte und woraus die Blasen waren? Er hätte sich unglaubwürdig, bestenfalls lächerlich gemacht. Andererseits gab es keine gesicherten Beweise, daß die Blasen aus dieser Firma kamen. Aber das Problem war dadurch für ihn als haftenden Geschäftsführer auch nicht gelöst.

Während er so vor sich hingrübelte, erschrak er plötzlich. Der Kranführer stand unvermittelt vor ihm. "Ach, übrigens, Karl, wo ist eigentlich der Kran?", fragte ihn der Junior mit einer spontanen Direktheit und perfekt gespielten Unbefangenheit, die ihn selbst überraschte. Doch mit der gleichen Schnelligkeit antwortete Karl gelangweilt: "Naja, der ist halt bei der Inspektion". Diese Antwort hatte Karfunkel eigentlich erwartet: Immer war der Kran zur Überprüfung oder Reparatur in irgendeiner obskuren Werkstatt. Oder auf Montage.

"Und in welcher Werkstatt ist der jetzt?", fragte Karfunkel gequält und hätte sich im selben Moment am liebsten selbst für diese Frage geohrfeigt, denn er kannte die Antwort. "Naja, halt dort, wo er immer ist", grinste Karl, "Sie haben ja den Auftrag unterschrieben. Sie selbst haben doch in Ihrem letzten Memo befohlen, daß alles über Ihren Schreibtisch gehen sollte". Karfunkel hatte Karls Antwort im Geiste simultan mitgesprochen und ärgerte sich über seine Dummheit. Einmal, vor einigen Monaten, hatte er widersprochen und nur ein Achselzucken als Antwort mit der lapidaren Feststellung geerntet, er sei ja der Chef und müsse über solche Vorgänge Bescheid wissen. Karfunkel war verzweifelt. Er hatte auch deshalb auf den Kran gesetzt, weil man vielleicht von oben an den obskuren Schornstein kam. Aber auch diesmal war alles vergebens. Doch Karfunkel wußte, daß Karl eine Schlüsselfigur in diesem Rätsel sein würde. Und er fragte sich, warum Karl immer einen offensichtlich kleinen Lautsprecher im Ohr trug, der mit einem schwarzen Spiralkabel verbunden war, das unter dem Kragen des Overalls verschwand.

„Und was hören Sie da? Handygespräche während der Arbeit?, fragte Karfunkel ganz genervt. „Nö, Chef, das wissen Sie doch. Immer Radio Alpstadt. Da weiß man, was so los ist. Ist doch nicht verboten, oder?“

„Nee, ist schon gut“, murmelte Karfunkel und wandte sich total frustriert über seine eigene Hilflosigkeit und sein erneutes Versagen ab.

Vor der Sitzung wollte sich der Junior noch mit seinem Stellvertreter und Justitiar, Xaver Bernhard Liebig, zusammensetzen, um eine Strategie auszuarbeiten. Liebig war der einzige Vertraute Karfunkels.

Während Karfunkel auf das Verwaltungsgebäude zusteuerte, wurde ihm unversehens übel. Eine solche Aufregung wie die bevorstehende, gepaart mit dem Frühstück, das er jeden Morgen auf Geheiß seiner Mutter zu sich nehmen mußte, führten bei ihm immer zu Übelkeit. Heute gab es wieder diese lauwarmen Weißwürste, die er so haßte, Spiegeleier im süßen Blätterteigmantel sowie die überbackene Banane mit Sirup. Besonders die überreifen Bananen hatten es seiner Mutter angetan, die in diesen Früchten die gesamte Heilkraft der Natur konzentriert sah. Vor allem wenn es um Nervenkraft ging, die ihr Sohn ganz offenbar benötigte. "An Apple a day keeps the doctor away? Unfug", rief sie stets. "Bananen bannen Banzillen", hielt sie dagegen. Proteste duldete sie nie, und Karfunkel ertappte sich in letzter Zeit immer mehr dabei, daß er ihr den Tod, oder zumindest ein spurloses Verschwinden wünschte. Der Gedanke an das Frühstück machte alles nur noch schlimmer. Schnell hastete Karfunkel um das Gebäude herum. Verborgen durch die jahrzehntealten Hecken, übergab sich Karfunkel heftig und fühlte sich augenblicklich besser. Noch dreimal tief durchatmen, und er hatte es überstanden. Schließlich passierte ihm dies mittlerweile fast täglich, so daß es quasi zur Routine geworden ist.

Als er sich das Ergebnis näher betrachtete und unverdaute Teile von Lebensmitteln sah, die er unmöglich gegessen haben konnte, folgerte er, daß jemand wohl kurz zuvor ein ähnliches Problem hatte. Karfunkel lächelte zufrieden und murmelte: "Wenigstens ist Liebig schon da."

Gerade wollte sich Karfunkel wieder aus dem Gebüsch herausschleichen, als er seine Sekretärin sah, die sich mit ihrem forschen Gang auf den Haupteingang zubewegte, aber plötzlich innehielt. Sie drehte sich halb um und steuerte das Gebüsch an, in dem sich Karfunkel befand. Sie ging jedoch zu seiner Erleichterung nur einen kleinen Schritt hinein, drehte sich dann um und überblickte halb verborgen die nähere Umgebung. Sie drehte schließlich Karfunkel ihren Rücken zu und beugte sich langsam etwas vor. Schließlich zog sie ihren Rock hoch und nestelte an ihrer Unterwäsche, die ihr offensichtlich unerwünscht verrutscht war. Karfunkel wurde es immer heißer. Was seine Sekretärin unter ihrem dünnen Sommerkleid trug, war eher als Nichts zu bezeichnen. Zarte weiße Spitze, die locker um ihre Taille hing, sich aber offensichtlich immer wieder verfing. Karfunkel hatte ähnliche verstohlene Bewegungen bei seiner Sekretärin bemerkt und erkannte jetzt endlich den Grund. Der Anblick ihres festen, wenn auch eher fülligen Hinterteils brachte Karfunkel augenblicklich fast um den Verstand, da er sich schon vor Jahren unsterblich in seine Sekretärin verliebt hatte. “French Knickers aus 100 Prozent Seide” murmelte er vor sich hin. “Gibt’s in den Farben Weiß, Champagner und Schwarz” für 39 Mark 80 bei Ottomann.”

Karfunkel kannte sich aus. Jahr für Jahr ließ er sich sämtliche Warenhauskataloge des Landes schicken und bestellte jedes Mal gerade immer ein bißchen, damit er als Kunde geführt wurde und die neuesten Ausgaben automatisch kostenlos per Post erhielt, sobald sie herauskamen. Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter. Eigentlich hatte er es immer nur auf die Seiten mit der Damenunterwäsche abgesehen. Und so studierte Karfunkel heimlich die Frauen und war immer up-to-date, was die Mode anbetraf. Vor allem untenrum. Manchmal verliebte er sich auch in die eine oder andere der Damen. Den Frühjahr/Sommer-Katalog vom vorletzten Jahr hatte er sich aufbewahrt, denn da hatte er ein Model entdeckt, das seiner Sekretärin, Lisa Motte, zum Verwechseln ähnlich war. Braune Augen, dunkles langes Haar, schlanke Taille, lange, lange Beine und ein nicht allzu große Brüste. Am liebsten hatte er sie in diesem verrucht roten Body mit hohem Beinausschnitt, im Schritt geknöpft, für nur 68 Mark 50, 100% Elasthan. Den, wie auch manche andere Teile seiner Begierde, hatte er sich nach langen Überlegungen bestellt und an seine Firmenadresse schicken lassen. So wurde das Abbild des Models - und mit ihr seine Sekretärin - seine Begleiterin in den einsamen Stunden, wenn ihn seine Mutter schon früh am Abend ins Bett schickte, damit er den nächsten Tag im Büro wieder meistern konnte. Vor ihm der Katalog und neben, manchmal auch unter ihm die Dessous, die er anschließend wieder in seinem Versteck vor seiner Mutter verbarg.

Eines Tages würde er verschwinden, sagte er sich immer wieder. Oder seine Mutter. Irgend etwas müßte zumindest verschwinden. Und mit diesem Nachtgebet fiel er meistens in den Schlaf, wenn er nicht gerade zu stark an Lisa Motte dachte und noch Stunden erregt war.

Fräulein Motte zog nun ordentlich wieder ihr Kleid glatt und betrachtete sich sorgfältig. Noch einmal griff sie nach hinten, zupfte ihre Dessous in Form und stutzte. Sie zog die Luft ein, verzog das Gesicht und murmelte: "Mein Gott, ist das ein Gestank!" Schnell rannte sie hinaus und schüttelte sich dabei.

Karfunkel hastete jetzt ebenfalls verstohlen aus seinem Versteck und schritt zum Verwaltungsgebäude, wo ihn der Wachdienst untertänigst begrüßte. "Grüß Gott, Herr Generaldirektor. Hatten Sie eine gute Nacht? Ihre Frau Mutter hat schon angerufen". Diese Kontrollanrufe haßte der Junior am meisten. Kaum verspätete er sich mal fünf Minuten, wußte es bereits seine Mutter, die daraufhin oftmals wochenlang zur Strafe nicht mit ihm redete. Gelegentlich allerdings wartete er bewußt diese Minuten in seinem Auto, um Frieden vor seiner Mutter zu haben.

Sein Frühstück bekam er jedoch trotzdem immer. Wortlos zwar, aber hundertprozentig sicher.

Hastig eilte Karfunkel die Treppe zum Verwaltungsgebäude hinauf – und rutschte vor Hektik aus. Er kam ins Stolpern und fiel über die fünf Stufen hin. Verdattert besah sich Karfunkel von oben bis unten und sah ganz viele Blitze. „Oh Gott, meine Augen“, murmelte er vor sich hin. „Ich sehe schon Blitze. Wahrscheinlich eine Netzhautablösung. Und dann werde ich für immer blind“ Er betrachtete seine Hose, die schlimm aussah. An den Knien beidseitig aufgerissen und abgescheuert. „Mist, wo kriege ich für die Pressekonferenz jetzt eine Hose her, ohne dass es Mama merkt,“ dachte er sorgenvoll.

In dem Moment sah er Hägar Meister.

Hägar Meister war Redakteur beim Alpstadt-Kurier, der Boulevardzeitung der Stadt. Er war berüchtigt für seinen harten Investigationsjournalismus und seine unbarmherzige Art im Umgang mir seinen Opfern. Das Blitzlicht zuckte noch ein paar Mal, und Meister wußte, daß er jetzt genug Material zum Auswählen hatte. Meister grinste über beide Ohren. „Das sah gut aus, Karfunkel! Da Capo!“ Damit drehte er sich um und hastete in die Redaktion, wo man ihn bereits lang erwartete.

Karfunkel stöhnte vor Schmerzen, drehte sich aber schnell um und hastete ins Gebäude, direkt auf den Lift zu. Glücklicherweise war die Tür offen. Er drückte den Knopf zum fünften Stock und war erleichtert, als sich die Tür schloß. „Scheiß Papparazzi. Und dann ausgerechnet noch DER Depp“, dachte er noch. Erst dann bemerkte er den Geruch. Jemand vor ihm mußte im Aufzug schlimmen Blähungen nachgegeben haben. Und wie! Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Seine Verärgerung und sein Ekel schlug im in Horror, als sich die Lifttür im dritten Stock öffnete und er Lisa Motte sah. Lächelnd stieg sie ein.

„Puh“, sagte sie, drehte sich um und verließ fluchtartig den Lift. „Da hätten Sie sich aber auch ein wenig zurückhalten können. Herr Direktor! Da gehe ich lieber über die Treppe. Ist eh gesünder.“

„Aber, aber, äh, das.. das...das war ich nicht“, stammelte er ihr hinterher und wußte, daß er dabei kläglich aussah. „Mist“, dachte er, warum mußte gerade jetzt Fräulein Motte kommen. Heute lief einfach alles schief. Er fuhr weiter in den fünften Stock, betrat sein Büro und war verblüfft, seine Sekretärin bereits sitzen zu sehen. „Herr Dr. Liebig wartet bereits auf Sie in Ihrem Büro, sagte sie, noch ein wenig pikiert. Aber kein Anflug von Zorn. Karfunkel war erleichtert.

„Hallo Xavi, schön daß Du schon da bist“.

Xaver Bernhard Liebig drehte sich um. „Hallo Funki! Da haben wir heute schon noch etwas vor, gell?“ Liebig stand auf. Ein hagerer, nervöser Mann mit Pickeln im Gesicht und runder Kinderbrille in einem schlechtsitzendem, zerknittertem Anzug. Groß, und doch unscheinbar. Jemand, den man nie in einer Menge herausfinden würde. Ein Mensch, an den man sich nie erinnert.

Karfunkel und Liebig kannten sich schon aus der Schulzeit. Sie waren eigentlich zusammen aufgewachsen. Liebig war Sohn eines Jusristen und verfügte daher über eher mäßige Geistesgaben. Seine Mutter hatte einst Kunstgeschichte studiert und war frustriert, den Abschluß nicht geschafft zu haben. In der mündlichen Prüfung hatte sie, gefragt nach den Besonderheiten von Renoir, beleidigt geantwortet: "Also mit Autos, da kenne ich mich nicht so gut aus." Das war das Ende Ihrer ohnehin zweifelhaften Kunstkarriere. Als dann auch noch ihr Sohn zur Welt kam, war sie total verzweifelt und verfiel in Melancholie. Sie verließ die Wohnung kaum noch und saß den ganzen Tag vor dem Fernseher, wenn sie nicht gerade Fitnesskurse abhielt, um Sinn in ihr Leben zu bringen. So verbrachte Liebig seine Schulzeit, die für ihn immer eine große Bedrückung darstellte, immer in Verzweiflung und Angst. Er zeichnete sich durch die Beständigkeit aus, bestenfalls mittelmäßige Leistungen zu erbringen. Tatsächlich mußte er aber nur zwei Klassen wiederholen. Doch selbst in der Wiederholung erreichte er nur bescheidene Erfolge. „Trotz großen Fleißes schaffte Xaver das Klassenziel nur knapp“, lautete der Kommentar seiner Lehrer Jahr für Jahr in seinem Zeugnis.

Hinzu kam, daß Liebig von seinen Klassen- und Schulkameraden gehänselt wurde. Liebig war nun eher mal schmächtig, picklig und blaß; ihm blieb auch nicht erspart, von Kindheit an Brille tragen zu müssen, was ihm schon früh den Spitznamen ‚Vierauge’ eingebracht hatte. Die ganze Schule nannte ihn so. Das festigte sich auch im Lehrerkollegium, als er wieder einmal durchgefallen war. Der Klassenleiter schaute in der ersten Stunde um sich, sagte „Naja, wir kennen uns ja alle. Oh, fast alle. Da ist ja ein neuer. Verrate uns mal deinen Namen“

„Liebig, Herr Professor, Xaver Bernhard“.

„Ah ja. Xaver und Bernhard. Ungewöhnliche Namen. Dein Rufname ist?“

„Vierauge, Herr Professor.“

Das Gelächter war grandios. Und Liebigs Gesicht glühte.

Diese Geschichte wurde immer und immer wieder an den Lehrerstammtischen und privaten Festen erzählt und garantierte stets einen sicheren Lacher.

Letztlich schaffte Liebig sein Abitur dank tatkräftiger Unterstützung durch seinen Vater auf höheren Ebenen. ‚Der Senator’, wie sein Vater als Richter am Amtsgericht allgemein genannt wurde, stand dank ständiger eklatanter Fehlurteile fast wöchentlich in den Schlagzeilen der hiesigen Presse. Da niemand wußte, ob er einmal selbst vor Gericht landen würde und ihn als Richter bekäme, stieß er in der Regel auf wenig Widerstand.

Alle Kinder der Stadt kannten diesen Reim:

Eins, zwei drei, da kommt die Polizei
Hüte dich vor’m Amtsgericht
Triffst besser den Senator nicht
Verknackt Dich sonst mit Haut und Haar
Zu Zuchthaus ganze 1000 Jahr.

Das Studium der Rechtswissenschaften absolvierte der junge Liebig ebenso chaotisch wie erfolglos unter der Obhut,  Fürsprache und dem Repetitorium der ehemaligen Absolventen der Burschenschaft ‚Debilia’, der Liebig auf Anraten und Befehl seines Vaters sofort bei Studienbeginn beigetreten war. Dadurch konnte er nicht durchfallen, obgleich er – nach interner Rechnung - das schlechteste Ergebnis seit Beginn der Aufzeichnungen der Universität Alpstadt erreichte. Die Prüfungskommission war sich nach langer Diskussion einig, daß es nicht auszuschließen sei, daß Mitglieder aus ihren Reihen - als Kläger oder Beklagte oder Zeugen - eines Tages vor dem Amtsgericht Alpstadt 1 erscheinen müßten. Immerhin riet man ihm, diesen Beruf möglichst niemals auszuüben. "Aber den Doktor mach ich noch!", verkündete Liebig zum Schrecken der Professoren. Einer ließ sich umgehend emeritieren. Ein weiterer bekam ein überstürzt beantragtes Freisemester zugesprochen, der dritte Professor bekam eine rätselhafte Krankheit, der vierte bekam Liebig, schlohweiße Haare und fortan einen schlechten Ruf in seiner Zunft.

Liebigs Doktorarbeit vertiefte das Thema: "Putative Notwehr und übergesetzlicher Notstand. Zwei unverzichtbare Ingredienzien für Juristen, Beamte und Politiker." Die Arbeit beschrieb in der unverständlichen Diktion der Juristen auf 95 Seiten, was man auf eine einfache Aussage reduzieren kann: "Ausgewählte Personen bekommen einen Freibrief für Alles, wenn und weil die, die das erlauben die gleichen sind, die hinterher darüber urteilen."  Leider bekam ein Zeitungsredakteur diese Dissertation zugespielt und konnte den Inhalt seinen Lesern auf diese Weise übersetzen. Der Sturm der Empörung war groß, flachte aber nach wenigen Tagen ab, als der Redakteur vors Alpstadter Amtsgericht kam und wegen Volksverhetzung für 1000 Jahre hinter Gittern verschwand. Die Dissertation wurde vom Geheimdienst in allen Bibliotheken konfisziert und als geheim klassifiziert.

Aber Liebig hieß jetzt Dr. Liebig.

Obwohl vom Geistesniveau alle ähnlich, war Liebig doch noch eine Spur juristischer als seine Kommilitonen und Professoren. Liebig hatte ohnehin keine Chance, etwas anderes im Leben zu erreichen: die Liebig'sche Juristendynastie mußte ohne Rücksicht auf Verluste fortgeführt werden.

Die ersten sicheren Nachweise dieses Clans fand man bei einem Rechtsgelehrten namens Immanuel Libigensis, der sich 1618 beim Abschluß der erfolgreichen Friedensgespräche der Katholischen Liga mit der Protestantischen Union kurz vor der Unterzeichnung des Kooperationsvertrages aufs Podest schwang und mit glühenden Worten die Vertreter aufrief, auf solch eine laue Einigung zu verzichten." Laßt uns die Sache vor Gericht vertreten und zu einem klaren Ende bringen". Die Einigung ließ bei der Auslastung der Gerichte freilich leider noch 30 Jahre auf sich warten.

Ob bei den Völkerwanderungen, der Inquisition, den Türkenkriegen oder den Verhandlungen mit Indianern: stets findet sich in den Annalen und Dokumenten eine juristische Rechtfertigung eines Lübüg, Libecke oder Lee-Bick (nachdem ein Seitenarm dieser Dynastie im 18. Jahrhundert nach Amerika ausgewandert war). 1870 erzielte beispielsweise ein gewisser Otto Liebick eine überraschende Wirkung, als er in Bad Ems für seinen Arbeitgeber eine Depesche nach juristischen Gesichtspunkten umformulierte.

Im Juni 1914 erklärte der Privatdetektiv und Rechtsanwalt Sergej Libitsch seinem Mandanten in Sarajewo, er habe seinen Verdacht erhärten können. "Wissen Sie, es tut mir leid, aber ihre Frau betrügt Sie tatsächlich. Sobald ich seine Identität kenne, müssen Sie gegen Ihren Nebenbuhler vorgehen. Momentan weiß ich nur, daß sie ihn 'Franz Ferdinand' nennt."

Über die Rolle von Xaver Bernhard Liebigs Großvater Adolf Liebig findet sich merkwürdigerweise überhaupt nichts. Jedoch ist es verbrieft, daß 1945 eine neue Seitenlinie in Südamerika entstand.

Einige Historiker sind sich sicher, schon früher Zeichen dieser Rechtsdynastie entdeckt zu haben. So behauptet der Kirchenhistoriker Carlo von Aquinto, ein Advokat namens Ishmael Libicki habe vor mehr als 2000 Jahren einen Mann wegen unerlaubter Heilversuche abgemahnt und später wegen Weinpantschens auf einer Hochzeit vor Gericht gestellt. Sein Plädoyer war so schlüssig und überzeugend vorgetragen, daß der Mann verurteilt wurde. 

Darüber hinaus setzt sich in kirchlichen wie esoterischen Kreisen immer mehr die Überzeugung durch (und man ist überzeugt, dafür tatsächlich Beweise gefunden zu haben), die Schlange im Paradies habe Adam und Eva mit dem Hinweis ermuntert: "Nun haut mal tüchtig rein, aber beeilt euch. Eventuelle Probleme kriegen wir schon hin. Notfalls verklagen wir Gott." Den Satz 'Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand' verkniff sich die Schlange aus der Gattung Serpens Libigensi justitiae diesmal bewußt. Diese Worte fanden erst vor wenigen Jahrzehnten offiziellen Einzug in das Rechnungwesen der Juristen, da dieser Satz seither standardmäßig als Trostformel unter dem Rechnungsbetrag erscheint.

So übernahm Liebig die schwere Aufgabe, das Wirken der Liebig-Dynastie fortzusetzen.

Und er gab sich alle Mühe.

Nachdem ihn nach dem Studium keiner haben wollte, war er eines Tages bei seinem Schulkameraden Karfunkel zu Besuch. Als Liebig laut vor sich hin jammerte, kam Karfunkels Mutter plötzlich eine Idee, die sie sofort in die Tat umsetzte. Liebig sollte in die Karfunkel KG einsteigen.

Liebigs Funktion im Karfunkel’schen Unternehmen war die des hauseigenen Justitiars. Eine minimale Einlage hatte ihn zum Gesellschafter gemacht, und der Karfunkel-Clan konnte jetzt über jemanden verfügen, den man vorschicken konnte, wenn es um unangenehme Dinge ging. So machte sich die Familie die Hände nie schmutzig und hatte sich den Ruf einer philanthropischen Familie erhalten. Die Drecksarbeit mußte immer Liebig machen und Karfunkel junior hatte einen Spielkameraden vor Ort.

Als Maximilian Karfunkel jedoch die Leitung übernehmen mußte, ging es mit der Firma durch Liebigs unerfahrene Mitarbeit und Karfunkels Unkenntnis der Dinge steil bergab.

 „Wie wollen wir denn vorgehen? fragte Liebig.

„Die Wahrheit sagen?“

„Was ist die Wahrheit?“

„Keine Ahnung. Naja schon, aber einfach zu wenig. Mal sehen, was die Familie dazu sagt, was ich herausgefunden habe. Und ich muß so tun, als ob ich den Überblick hätte. Aber wer sagt mir schon was? Ich brauche dann jedenfalls deine Unterstützung.

„Na klar.“

„Du weißt ja, daß wir jede Menge Experimente mit Kautschuk machen. Allerdings habe ich herausgefunden, daß die Mengen im Labor und im Lager sich bei weitem nicht mit der eingekauften Menge decken. Allein das Zeug, das nach draußen geraten ist, ist mehr, als das Labor bisher offiziell gelagert hat. Und das alles ist nur ein Bruchteil dessen, was hier sein müßte.“

„Und wenn die Lieferpapiere falsch sind?“

„Alles gecheckt. Das Zeug ist wirklich gekommen. Hier werden die LKWs immer gewogen. Vor und nach der Entladung. Alles korrekt. Irgendwo muß das Zeug verschwunden sein. Und wahrscheinlich über unsere Schornsteine. Das geht wahrscheinlich wirklich auf unser Konto, was die Presse so schreibt.“

„Au weia“. Mehr fiel Liebig nicht ein, und Karfunkel spürte ein Gefühl der existentiellen Einsamkeit.

Hast Du nichts Besseres als 'Au weia'?

Liebig schwieg betreten.

„Du weißt, wie peinlich das wird, wenn ich über unser Projekt reden muß. Und ich hab’s auch noch unterschrieben. Da ist der Kemist einfach zu weit gegangen. Seine Fantasie ist restlos mit ihm durchgegangen.“

„Ja klar, Funki. Aber die Idee war wirklich nicht schlecht. Als Leiter unseres Experimentallabors mußte er nach neuen Produkten suchen. Dazu haben wir ihn ja schließlich verdonnert.“

„Ja, aber das ist so peinlich. Und ich muß darüber reden....Und dann auch noch die Presse.“

„Wieso reden? Also rein rechtlich gesehen ist das ja schließlich noch ein Betriebsgeheimnis. Die Marketing-Fuzzis sind eh noch nicht soweit, ihre Kampagne zu starten. Und das Produkt hat nun mal Probleme.“

„Die Herren werden erwartet“. Lisa Motte steckte ihren Kopf hinein. „Jetzt wird’s aber Zeit. Sonst wird die Frau Mutter wieder so heftig.“

"Au weia", stöhnte Karfunkel.

Beide Männer eilten in den 7. Stock. Natürlich kamen sie zu spät. Karfunkels Mutter war schon da und tippte wütend mit einem Bleistift auf den Glas-Konferenztisch. Seine Tante Henriette schaute wie immer abwesend aus dem Fenster, sein Onkel Chlodwig pfiff leise eine undefinierbare Melodie vor sich hin, und die beiden zwei Banker, die die Kreditlinien der Firma gewährten und sich stets durch komplette Ignoranz in betriebswirtschaftlichen Angelegenheiten auszeichneten, diskutierten im Flüsterton die Lage der Banken in der heutigen Zeit. "Ich glaube, ich werde 12 Milliarden beantragen...", hörte Karfunkel noch, als er den Raum betrat. Dann verstummte jegliches Gespräch.

Eiskalte Stille.

Der runde Glastisch war nur ein Teil der Nüchternheit des Konferenzraums, die generelle spartanischen Ausstattung verblüffte. Einfache, unbequeme schwarze Plastikstühle um den Tisch, zwei schlichte Sideboards, die Bilder des Firmengründers und seines Sohnes als Reproduktionen in einfachen Wechselrahmen. Ein grauer Teppichboden. Die einzigen Dekorationsstücke waren die akkurat in der Mitte des Tisches aufgestellten Gläser um die kleinen Wasser- und Saftfläschchen mit Drehverschluß und ein großer Teller voller verlockend schöner Kekse.

Jeder in diesem Raum kannte die Regeln: Trinke nicht und iß nichts. Denn die Getränke und Kekse dienten tatsächlich als Dekoration. Karfunkels Mutter war sich einig, daß überall gespart werden müsse. Vor Jahren hatte ein Gast die unausgesprochenen Regeln durchbrochen, als er gleich nach Eintreffen forsch nach einem Wasser griff, die Flasche öffnete und auf einen Sitz austrank. "Aaahhh", sagte er noch glücklich, "ich hatte vielleicht einen Durst!" Doch dann endeten die Verhandlungen mit diesem Geschäftspartner abrupt und kläglich. Während der Vorstellung seiner Produktideen blickte Karfunkels Mutter demonstrativ aus dem Fenster. Am Ende seiner Produktvorstellung wandte er sich unsicher lächelnd an das anwesende Gremium mit den Worten: "Nun, was halten Sie von meiner Idee?". Sofort erwiderte Karfunkels Mutter mit harter Stimme: "Da sehen wir keinen Handlungsbedarf, mein Herr. Danke für Ihr Kommen."  Als er gegangen war, ergänzte sie: "Der hätte auch vorher etwas trinken können. Wir sind doch keine Imbißstube!".

Enttäuscht über die seltsame Abfuhr, verhandelte der arme Mann später mit einem Konkurrenten der Karfunkel GmbH, die mit den darauf entwickelten Produkten zum weltweiten Marktführer avancierte.

Karfunkels Mutter ließ die Flasche mit Leitungswasser wieder auffüllen. Die eigene Werkstatt war zwei Tage damit beschäftigt, den Drehverschluß wieder so zusammenzulöten, daß er wie unversehrt aussah.

Schlimmer erging es dem Bürgermeister, der sich im letzten Jahr zu Gesprächen mit der Geschäftsleitung eingeladen hatte. Udo Heyden, gerade zum dritten Mal mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt,  war bekannt dafür, daß er jede Gelegenheit nutzte, kostenlos essen und trinken zu können - überhaupt immer zu Allem eingeladen zu werden. Keine Veranstaltung ohne Heyden und einem anschließenden Bericht mit Foto in der Presse. Wenn nichts Besseres zur Verfügung stand, erschien er sogar zu Veranstaltungen der konkurrierenden Parteien. Jeden Tag mindestens einmal mit Foto in den Zeitungen vertreten zu sein, war sein Ziel, das er so gut wie immer erreichte. In seiner Höchstform schaffte er eines Abends zehn Veranstaltungen mit zehn Berichten. Aber allmählich wurde er älter.

Da saß er also im Konferenzraum der Karfunkel KG,  hielt eine äußerst launige und wie immer nichtssagende Rede über die Wichtigkeit von Unternehmen der Stadt. Währenddessen stierte er wie gebannt auf einen leckeren Schokokeks, den er sich plötzlich blitzschnell in den Mund schob, wie er es auf Empfängen gelernt hatte, wo stets nur Schnelligkeit am Buffet siegt. Und dann biß er zu.

 KRACK

Vermutlich war es nicht wirklich so laut, wie es schien, aber jeder hörte es. Es klang wie das Kalben eines Gletschers. Heyden wurde blaß, alle Anwesenden auch.

Der Bürgermeister brach die Verhandlungen sofort wortlos und scheinbar freundlich nickend ab und begab sich umgehend in die Obhut seines Zahnarztes, der freudig die Chance ergriff, über die aufgeblähten Behandlungskosten die Weihnachtsgeschenke für alle seine Lieben auf diese Weise finanzieren zu können. Es genügte einzig der Satz: "Herr Oberbürgermeister, wollen wir einen normalen Zahnersatz einfügen, oder darf es etwas Ansehnliches sein? Bisher haben sie ja immer sehr anziehend gelächelt."  

Leisten konnte sich Heyden seine Gebisssanierung nur durch einen Kredit für Zahnersatz, den er von seinem persönlichen Referenten empfohlen bekam. Zuvor hatte er bei der stadteigenen AlpSparbank nachgefragt, die ihm wegen europabedingter Vorgaben (Basel 1 bis Basel 3) eine Abfuhr erteilten, da er keine 140%igen Sicherheiten hinterlegen wollte (Motto für die Geldvergabe: "3-2-1 keins!"). 
http://www.kreditzentrale.com/thema/kredit-fuer-zahnersatz
[Anmerkung des Verlegers: Sie erleben gerade eine Weltneuheit: dezentes Product Placement in Romanen! ]

Das Verhältnis der Stadt zu seinem Steuerzahler war von diesem Tag an sehr angespannt. Niemand in der Stadt konnte sich erklären, weshalb Heyden plötzlich einen Plan zur Entfernung der Karfunkel KG aus der Stadt schmiedete.

Zum Glück blieb der Keks heil, so daß Karfunkels Mutter keinen Verlust erlitt und ihn wieder unter die anderen mischen konnte.

Heute schien die Atmosphäre auch nicht wesentlich freundlicher zu sein als damals. Finstere Gesichter um den Konferenztisch.

Karfunkel stellte sich vor die Gesellschafter und begann.

Blaß und mit nervös-fahrigen Gesten begrüßte Karfunkel die Anwesenden. „Guten Morgen, verehrte...“. Weiter kam er nicht. Denn jetzt ging die Tür auf und Lisa Motte kam herein. Sie wandte sich sofort an Karfunkel. „Ihre Frau Mutter hat mir die Anweisung gegeben, das Protokoll zu schreiben“, lispelte sie und lächelte verlegen.

 Unsicher, aber mit gewohnt wiegendem Gang ging sie an allen Teilnehmern vorbei und setzte sich in gebührendem Abstand an das Ende des Konferenztisches. Vorher griff sie noch hinter sich, zog verlegen ein wenig herum und strich ihren Rock glatt. Da saß sie nun, in der rechten Hand den Bleistift, in der linken einen Schreibblock und blickte Karfunkel erwartungsvoll an.

 "Wieso Protokoll? Das haben wir doch noch nie gebraucht", wandte sich Karfunkel an seine Mutter. Diese entgegnete giftig: "Jetzt, wo wir verarmen, ist das vielleicht notwendig, um den Übeltäter noch rechtzeitig zu entlarven. Wenn du nur das Format deines Vaters hättest! Fangen Sie an!".

 "Also noch einmal: Guten Morgen, meine Damen und Herren, liebe Mutti", nuschelte er vor sich hin.

 "FRAU Karfunkel, bitte. Alle anderen Titel gehören hier nicht her, HERR Karfunkel!" unterbrach ihn seine Mutter. "Wir sind hier nicht zuhause, sondern in einer ernsthaften Besprechung. Hier gibt es auch keinen Kakao zum Schlafengehen."

"...gibt es auch keinen Kakao zum Schlafengehen", wiederholte Lisa Motte, als sie die Worte ins Protokoll schrieb. Die Banker sahen sich grinsend an und glucksten vor sich hin.

Karfunkel wurde rot. So hatte er seine Mutter noch nie erlebt. Und dann auch noch die Demütigung vor Fräulein Motte! Seine Mordgelüste stiegen. Aber er konnte sich mühevoll beherrschen.

 "Ja, dann fangen wir einmal an. Wir sind hier zu einer Sondersitzung auf Antrag von Mutti, äh.. Frau Karfunkel und den den Banken zusammengekommen. Ich begrüße hier die Herren von unseren Banken, Herrn Hab von der Alpstadter Hippobank und Herrn Gier von der Alpstadter Stadtsparbank. Einziger Tagesordnungpunkt sind die Angriffe aus der Presse mit den Fragen: 1. wo kommt das klebrige Zeug her und 2. ist die Karfunkel GmbH insolvent?"

Stille.

 Noch mehr Stille.

 Unerträgliche Stille.

 "Und was will uns die Geschäftsleitung dazu sagen?" murmelte seine Mutter in gefährlich leisem Ton.

 "Mei, was soll ich sagen?"

 "Die Wahrheit, vielleicht?", zischte seine Mutter.

 "Jaaaa," zögerte Karfunkel, "also ich glaube, das Zeug kommt wirklich von uns. Und es ist wirklich so: unser Umsatz geht zurück, die Margen noch stärker."

 "Warum?"

 "Weiß ich nicht".

 "Warum nicht?"

 "Weiß nicht".

 "Also jetzt raus damit!" rief seine Mutter erregt, "sonst gehst Du heute wieder ohne Nachtisch ins Bett!"

 Mit einem plötzlichen Gefühl der Sinn-und Ausweglosigkeit und Tränen in den Augen (wegen des Nachtischs) platzte es aus Karfunkel heraus: "Also, ist doch eh wurscht. Also... also...also, es ist so, daß wir mit Kautschuk experimentieren, uns aber bedeutende Mengen abhanden gekommen sind. Und wir sind auch nicht mehr wettbewerbsfähig. Irgendwas stimmt nicht, aber ich weiß noch nicht, was."

 "Glauben Sie", Herr Karfunkel, "daß wir uns das so einfach mit ansehen werden?", rief einer der Banker erregt unter beifälligem Nicken des anderen. Das ist unser Geld, das Sie hier verplempern. Wir verlangen einen Businessplan und Aufklärung. Binnen zwei Wochen. Sonst ziehen wir uns aus dieser Firma zurück. Heute hat keiner mehr etwas zu verschenken. Ich hoffe, wir haben uns verstanden, Herr Karfunkel."  Damit stand Guido Hab von der Alpstadter Hippobank auf.

 "Genau", rief Rainer Gier, der sich sofort ebenfalls erregt mit rotem Kopf erhob, "aber unsere Bank wartet nicht so lange wie die Kollegen, Wir erwarten Ihre Stellungnahme bereits in vierzehn Tagen! Wir sehen uns dann zur gleichen Zeit hier wieder. Und wir erwarten astreine Zahlen und einen Plan!" Damit verließen die Banker grußlos den Raum.

 "So, das hast Du jetzt davon", rief Karfunkels Mutter, "und jetzt habe ich einen Herzanfall wegen Dir". Sie schaute zielgerichtet nach hinten und taxierte den Abstand zum Stuhl der hinter ihr stand. Dann ließ sie sich stöhnend behutsam auf ihn fallen. Sie schloß ihre Augen fast vollständig, aber doch nicht ganz, um die Reaktionen beobachten zu können.

Erschrocken hastete Karfunkel zu ihr und hielt sie fest. Sie stieß ihn jedoch sofort weg und brüllte: "Und wage nicht, mich anzufassen, Du nichtsnutziger Bengel, während ich hier sterbe! Unser ganzes Geld verjubeln für Weiber und schöne Autos. Und was weiß ich was! Und dann willst Du auch noch an mein Erbe!"

Karfunkel war perplex und unfähig, sich zu rühren. Alle anderen im Raum schauten betreten beiseite.

In diesem Moment flog die Tür auf, und ein braungebrannter Mann mittleren Alters trat energisch in den Raum. "Gruezi mitanand", rief er laut.

Ein bißchen zu laut.

"Acker-Scheffelmann ist der Name", rief er in die Runde. "Wer viel ackert, der auch scheffelt, hehehe, das ist mein Motto, gell? Ich bin der neue Vorstand von der Witwen-Waisen-Rentenkassen- und Unterstützungsbank." 

Alle starrten ihn fassungslos an. Sogar Tante Henriette zeigte unerwartet Regung, indem sie den tiefgebräunten Mann ungeniert anglotzte. 

"Wie Sie vielleicht der Presse entnommen haben, haben wir letzte Woche nach monatelangen Geheimverhandlungen in Nizza die Leipziger Bank übernommen.  Naja, die hatten einfach zu viele faule Kredite laufen. Die haben wir zwar auch, aber wir gehen entschieden diskreter damit um. Apropos: Deswegen bin ich natürlich hier. Leider sind ja meine Kollegen, die ich im Foyer noch getroffen haben, schon gegangen. Die schienen mir ein bißchen nervös wegen ihrer Kröten. Damit haben WIR natürlich keine Probleme. Vielleicht übernehmen wir in Kürze die Kollegen ja auch noch, gell, hehehe. Ich sage nur: je mehr Übernahme, desto mehr Milliarden. Das wirkt sich natürlich auch auf die Erfolgsbeteiligung aus, gell? Man muß ja schon von was leben können, oder? Hehehe. Ich habe mit den Kollegen Hab und Gier schon alles geregelt. Die sind einverstanden mit einer Fristverlängerung.

Sie brauchen ja wahrscheinlich mehr Zeit, gell, Herr Karfunkel, so wie ich Ihre marode Firma sehe? Sowas geht ja nicht von heute auf gestern, hehehe, gell?  Wir können uns auch momentan, mal ganz ehrlich, mit Ihren lächerlichen 2,8 Milliönchen Miesen nicht aufhalten, wenn Milliarden warten. Das erledigen wir hinterher. Und über die Klinge können wir Sie auch später noch springen lassen. 

Wissen Sie, Herr Karfunkel, schicken Sie doch einfach Ihre ernstgemeinten Analysen und Sanierungsvorschläge bis Anfang nächsten Jahres an meine Urlaubsadresse. Ist dieses wunderschöne Schneewittchen etwa Ihre Sekretärin?" Er schaute auf Lisa Motte, die sichtlich errötete. 

"Ja, natürlich", presste Karfunkel verärgert heraus. "Das ist Frau Motte". 

"Dann, liebste Frau Motte, notieren Sie mal meine Adresse: "Johann Acker-Scheffelmann, Krösusgasse 11 in 9490 Vaduz." Und leise fügte er hinzu: "Falls Sie mal etwas Aufregendes erleben wollen, rufen Sie mich mal abends an: 0190.760 760 760. Die Kosten von 1 EURO 19 pro Minute erstatte ich Ihnen später in bar. Beim Frühstück." 

"Gruezi Miteinand und Adieu!" 

Acker-Scheffelmann eilte mit festen Schritten zur Tür und verließ den Raum mit den Worten "Hab zu tun! Angie wartet".  

Zurück blieb eine sprachlose Versammlung.

Nach einem erwartungsvollen Blick von Lisa Motte nahm sich Karfunkel ein Herz und begann zu reden. „Naja, Hauptsache, wir haben erst einmal Zeit gewonn..“

„Zeit gewonnen?, unterbrach ihn seine Mutter, „Zeit? Willst Du mit Zeit all deine Probleme der letzten Jahre lösen? Hast du eigentlich eine Ahnung, was du tust?“ 

Karfunkel ging um den Tisch auf Sie zu, um sie zu beschwichtigen. In dem Moment starrte sie auf seine Hose, die bislang durch den Tisch verborgen war. Karfunkel merkte sofort, was sie entdeckt hatte und verfluchte sich selbst. „Mist“, dachte er, „warum habe ich das vergessen? Und warum hat der Depp von Liebig nichts gesagt? Warum passiert mir so etwas immer und nicht den anderen?“ 

„Bittu in deinen Spielhöschen noch über den Spielplatz gegangen?“ spottete seine Mutter spitz. „Hattudirwehgetan? Kein Wunder, daß die Bankiers so erzürnt waren, wenn sie dich so gesehen haben. Da will ja keiner was mit dir zu tun haben. Mein Gott, ich wollte dir schon vorschlagen, daß du mit der Tochter von Herrn Gier anbandelst.  Die ist zwar nicht besonders schön, aber diese Verbindung könnte wenigstens die Firma retten. Ich möchte meine Anteile schließlich nicht verheizen. Aber in dem Aufzug kannst du nicht einmal bei der landen. Mein Gott, wenn das dein Vater sehen könnte.“ 

“Stimmt, sieht nicht besonders vertrauenserweckend aus“, pflichtete Liebig ihr bei. „So darf man nicht aus dem Haus gehen. Irene würde mich zur Minna machen.“ 

„Ihr Kommentar ist hier nicht angebracht, Herr Justitiar“, fauchte Frau Karfunkel scharf. „Und über Ihre eigene  tägliche Kleiderordnung möchte ich besser keinen Kommentar abgeben. Ihre Irene ist wohl farbenblind“. Beleidigt und wutschnaubend verließ Liebig den Raum und dachte sich trotzig: "Das sage ich Papa". 

„Das macht mal ohne uns aus. Eure Familienwäsche ist uns erstens zu dreckig und zweitens egal“, nuschelte sein Onkel, stand auf und rief: „Komm Henriette. Und drittens: wir gehen. Wir sind offenbar pleite. Aber wir sprechen uns noch, Frau Schwester und Herr Neffe“. Beide verließen das Sitzungszimmer ohne jeglichen weiteren Gruß. 

"Eure lächerlichen zehntausend Euro Einlage wolltet Ihr ja nie verkaufen", rief Karfunkels Mutter ihnen hinterher.  "Selbst Schuld, Familienpack. Eine Bande von Idioten, die beiden."

"Familienbande?" fragte Karfunkel.

"Halt die Klappe, du debiler mißratener Bengel, der mich in Armut und Schande  bringt -..."

Plötzlich stockte sie und wurde kreidebleich. Sie griff sich ans Herz und rang mit dem Atem.

Karfunkel bedauerte, schon wieder Anlaß für Sorgen seiner Mutter gegeben zu haben. „Zugegeben“, dachte er sich, „ich habe ihr schon lange den Tod gewünscht, aber so sehr dann doch nicht. Und habe ich nicht immer ihre Drohung mit Herzanfällen zu leicht genommen? Mein Gott, dann bin ich jetzt Waise. Und kann machen, was ich will?“ Ein warmes Gefühl der Erleichterung erfüllte seinen Körper, und gleichzeitig fühlte er sich schuldig am Tod der Mutter. „Ich bin offensichtlich wirklich das Monster, für das sie mich hielt. Ich muß ihr jetzt beistehen.“

 Er stürmte auf sie zu, doch sie hielt ihn mit einer Hand auf Abstand. Mit der anderen griff sie wieder an ihr Herz. Ihr Gesicht war bleich und ihre Augen weit aufgerissen.

Wie oft hatte Karfunkel diesen Moment schon in Gedanken durchgespielt. Immer und immer wieder, in allen Varianten: Autounfall, Brand, unerklärliches Verschwinden, Raubmord, Verhaftung und Verurteilung durch das Amtsgericht, Absturz in den Bergen, Herzanfall - der Tod seiner Mutter hatte stets etwas Beängstigendes und Befreiendes zugleich. Wie sehr hatte er auf diesen Moment gewartet. Und da sie immer behauptete, sie würde eines Tages wegen ihm eine tödlichen Herzattacke erleiden, wollte er ihr gerne diese Vorhersage erfüllen.

 In seinen Gedanken bereiste er bereits die Welt, kaufte sich die schönsten Anzüge und Autos, ließ sich von jungen Mädchen verführen und leistete sich sogar einen zweiten Kakao am Abend.

Und doch war er jetzt höchst beunruhigt.

Die Geister rufen ist das eine. Doch wehe, wenn sie vor dir stehen!

Der Körper seiner Mutter zitterte unaufhörlich, ihre ohnehin hageren Wangen schienen noch mehr eingefallen, ihre weit aufgerissenen Augen starrten weiter in die Richtung des 60er Jahre Resopal-Besprechungstisches.

"Fräulein Motte, schnell, rufen Sie einen Krankenwagen", rief Karfunkel.

Doch eine tiefe, bedrohliche Stimme kam aus Karfunkels Mutter: „Keinen Krankenwagen, ihr Deppen“, rief die Stimme dumpf und bedrohlich. „Keinen Krankenwagen. Keinen Arzt. Kein nichts. Sagt mir lieber nur eins.“

„Was?“, rief Karfunkel beunruhigt.

„Wer hat die Kokosnußmakrone weggenommen?“

"Die Kokosmakrone?", fragte Karfunkel.

"Ja , die Kokosnußmakrone oder vor mir aus auch die Kokosmakrone ohne Nuß, Herr Lehrer und Sohn. Kann mir einer sagen, wer die geklaut hat? Na ja, wie sagt schon das alte Sprichwort? Hast du Banker im Haus, wirst arm wie ne Kirchenmaus."

Das alte Feuer der Zwietracht und des Mißtrauens kehrte in Karfunkels Mutter zurück. Ihr Gesicht erhielt den gewohnten Teint der Streitsucht zurück, und sie  lief zu ihrer gewohnten Form auf. "Nicht nur mein eigener Sohn raubt mich aus, jetzt sogar die, vor denen man immer Respekt hatte.

„Herr Generaldirektor sollte mal einen Rundbrief an die Herren Bankiers schreiben und nach dem Verbleib meiner Kokosnußmakrone fragen. Apropos Verbleib: Wenn noch Zeit verbleibt, dann bitte ich doch um eine umgehende Sanierung der Firma meines heißgeliebten Mannes. Ihres Vaters, wie Sie vielleicht wissen, mein Herr Sohn! Und heute Abend gibt es kalte Küche, da wir uns ja wohl nichts Warmes mehr leisten können. Vorausgesetzt, Sie kommen pünktlich.“

Auch sie verließ nun grußlos den Raum.

Lisa Motte sah Karfunkel mit einem traurigen Blick an. „Soll ich ...äh ... soll ich was tun? Oder schreiben?“

Karfunkel schämte sich und sah auf den Boden. „Gehen wir“, antwortete er monoton. Er deutete mit seiner rechten Hand zur offenen Tür, sie ging vor, er trabte hinterher.

Im Büro setzte sich Lisa Motte an ihren Arbeitsplatz. Karfunkel ging in sein Zimmer und warf die Tür hinter sich zu. Mutlos und genervt ließ er sich auf seinen Sessel fallen und grub seinen Kopf in seine Hände. Langsam sank sein Kopf auf die Schreibtischplatte. Und er schlief ein – ganz ohne Kakao.

Nach geraumer Zeit öffnete er seine Augen. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, und der Raum lag halb im Dunkeln. Und dennoch sah er die Abweichung sofort.

Selbst bei den Lichtverhältnissen konnte er erkennen, daß seine Schublade nicht richtig geschlossen war. Und sie war eigentlich nicht nur immer geschlossen, sondern verschlossen!

Dies war Karfunkels Schatztruhe. Dort konnte er alle Geheimnisse aufbewahren, die vor den regelmäßigen Schnüffelaktionen seiner Mutter in der Wohnung verborgen werden mußten. Den Schlüssel, so glaubte er, hatte nur er. Und an Fräulein Motte traute sich seine Mutter selten vorbei.

Er öffnete langsam die Schublade und kontrollierte den Inhalt. Alles noch da!

Sogar ein bißchen mehr.

Ganz oben über seinen Schätzen lag völlig ungeniert ein liederlich abgerissenes DIN A4-Blatt mit lediglich zwei Sätzen, geschrieben in einer ihm sehr bekannten Handschrift. „Sprich mal mit allen Abteilungen und Leuten. Und laß Dir von der Kuh nichts mehr gefallen. Vater“

Er hörte, wie Lisa Motte ging und die Tür leise hinter sich schloß.

„Au weia“, murmelte Karfunkel.

Karfunkel schüttelte seinen Kopf.

„Nein, nein, das kann nicht sein. Da muß sich Liebig einen Scherz erlaubt haben. Aber wie sollte er hier hinein gekommen sein? Sein Vater wurde seinerzeit schließlich nicht zum Spaß für tot erklärt. Und eine Schrift kann jeder nachahmen, oder?
Und so würde er sicher nicht über seine Frau schreiben. Mutti hat ja immer so kräftig geschildert, wie unzertrennlich und harmonisch die beiden waren.

So viele Probleme auf einmal.

Das war für ihn zu viel. Er dachte zurück an den bisherigen Tag und begann zu verzweifeln. Wie konnten sie ihm das alles antun? Die gemeinen Banker, sein Freund Liebig, der blöde Reporter und vor allem Mutti, die ihn vor Frau Motte so bloßgestellt hat. Was war denn heute los?
Zum allem Überfluß klopfte es an der Tür. Wer konnte das zu dieser Zeit sein?

„Jaa-ah“, rief Karfunkel zögerlich.

Die Tür öffnete sich zaghaft, und Erwin Zerberus, der alte Pförtner und Nachtwächter schlurfte vor seinen Schreibtisch. Karfunkel knipste seine  Schreibtischlampe an und hüllte die Umgebung in einen grünen Schimmer. Selbst das Gesicht seines Angestellten erschien ihm grün.

„Tach Herr Direktor,“ rief Zerberus, „es iss nur so dass ich Bescheid geben wollte wegen dem Jebüsch“.

„Gebüsch?“

„Ja die Gärtner hamm mir doch die Überwachung vom dem Jebüsch übertraang.“

„Wieso übertragen? Was ist mit dem Gebüsch? Was haben Sie mit dem Garten zu tun?“

„Naja, des Jebüsch iss ja in Sichtweite von meim Pförtnerhäuschen. Und det issja am einjehn. Also det Jebüsch, meinich. Und da hamm die jesacht, dassich verantwortlich  bin für die Botanik.“

Karfunkel dämmerte es. „Mein Gott,“ dachte er, „das sind doch die Stauden, in die ich morgens immer hineingehe. Klar, das können die nicht lange aushalten.“

„Unn mein Schwager hattoch so`ne Firma mit Überwachung und da hatter mir jestern abend so`ne Kamera installiert mitm Video, die wo alles uffzeichnet. Damit`se nur Bescheid wisse, Herr Direktor. Ich schau mir nachher an, was da seit jestern  passiert iss.“

Karfunkel begann zu schwitzen. Die Kamera würde Liebig zeigen, Fräulein Motte – und vor allem ihn, wie er sie heimlich beobachtet.

Das mußte er verhindern. Aber wie?

„Ick jeh dann ma, Herr Direktor“, nuschelte Zerberus und wandte sich zum Gehen um.

„Äh, äh, Herr äh Zerberus, äh, ich wollte Sie eh schon anrufen“. Karfunkel dankte Gott für den Geistesblitz und stotterte: „Ich glaube nämlich daß im hintersten Gebäude am Steilhang, Sie wissen schon Geb. 8.4, daß da jemand ist, der nicht hingehört. Ich habe da den Strahl einer Taschenlampe gesehen. Wer sitzt denn jetzt im Pförtnerhäuschen?“

„Niemand, jetzt kommt doch eh keiner mehr.“

„Also, Sie gehen jetzt hinter und schauen gründlich, ja, ganz gründlich nach, und ich gehe derweil nach vorne und passe auf.“

„Aber Herr Direktor!“

„Hören Sie auf mit Ihrem dämlichen Direktor. Wir müssen jetzt handeln. Gehen Sie am besten durch alle angrenzenden Hallen. Nicht, daß er entwischt.“

„Na gut, Herr Direktor.“ Zerberus ging los und Karfunkel wartete noch einen Augenblick. Dann hastete er über den Flur in Liebigs Büro. Schließlich verfügte er über den Generalschlüssel und konnte überall aus- und eingehen. Er wußte, wo Liebig seine juristischen Videokassetten aufbewahrte und nahm sich die unterste. „Die wird er sicher nicht vermissen“, dachte er sich.

Dann fuhr er mit dem Lift ins Parterre, verließ das Gebäude und rannte zum Pförtnerhäuschen.

Der Schlüssel paßte nicht. „Verdammte Scheiße“, schrie er vor Wut laut auf.

„Das sagt man aber nicht, Herr Direktor“, sagte eine Stimme hinter ihm. Karfunkel erschrak und drehte sich um. „Nix für ungut, Herr Direktor, ich wollte Sie nicht erschrecken. Meine Eltern haben immer darauf geachtet, daß ich nicht fluche.“

„Was suchen Sie denn hier, Karl. Suchen Sie Ihren Kran? Und hören Sie immer noch Radio Alpstadt, wie ich Ihrem Stöpsel im Ohr entnehme?“ Karfunkel ging jetzt wütend in die Offensive. „Sie haben doch sicherlich Feierabend, oder? Was wollen Sie eigentlich?“

„Naja“, erwiderte Karl, „ich war schon am Gehen, da hatte ich so ein Gefühl, als ob ich im hintersten Gebäude, also Gebäude 8.4 den Strahl einer Taschenlampe gesehen hätte. Aber Sie sind ja noch da. Herr Direktor, dann kann ja nichts mehr passieren.“ Grinsend drehte sich Karl um, ging Richtung Parkplatz und rief noch „Tschüss dann“.

Perplex und entnervt wandte sich Karfunkel wieder der Tür zu. Klar, merkte er. Ich habe ja auch den Hausschlüssel genommen. Nach dieser Erkenntnis war es ein Leichtes aufzuschließen und den Raum zu betreten. Er sah sich um. Überall Essensreste, schmutziges Geschirr, dreckige Handtücher, vergilbte und zerfledderte Ausgaben des Alpstadt Kuriers. Ein heilloses Durcheinander. Noch schlimmer im Hinterzimmer: das Sofa abgewetzt, der Wasserhahn tropfte, und noch mehr dreckiges Geschirr. „Igittigitt“, stöhnte Karfunkel, „das stinkt ja wie bei Merkels hinterm Sofa“. Und inmitten des Chaos ein chromblitzender Videorekorder. Karfunkel war erleichtet. Schnell hatte er die Kassette ausgewechselt. Ihm fiel ein Stein vom Himmel.

Blitzschnell verließ er das Häuschen, sperrte es ab, und gerade kam Zerberus um die Ecke.

„Nee Chef, war nüscht. Alles im jrünen Bereich. Denke, ick zieh mir jetzt das Band rein“

„Dann bis morgen“, murmelte Karfunkel, „und viel Erfolg“. „Wenn der wüßte“, dachte sich Karfunkel, „daß er sich jetzt vier Stunden juristisches Repetitorium reinziehen wird. Hinterher ist der dann vollends verblödet.“

Andererseits heiterte ihn der Gedanke wieder auf. „Alles im jrünen Bereich, genau, yes Sir!“. Da macht es nichts, daß er jetzt aufgrund der fortgeschrittenen Stundes kein Abendessen mehr bekam. Er setzte sich in seinen AMW 363 tii und fuhr nach Hause. Unterwegs ließ er den Tag Revue passieren, doch das meiste hatte er schon wieder verdaut. Allein die Tagesnachrichten beunruhigten ihn weiter. Die Probleme der Karfunkel-Unternehmensgruppe inmitten des Finanzchaos und täglicher Insolvenzen. Und dann die schlimmste Nachricht überhaupt, die ihn heute erreicht hatte: die Insolvenz des Versandhändlers Quellermann. Die sollen ja noch nicht einmal mehr das Geld zum Drucken ihres Kataloges haben. Verzweiflung ergriff ihn. Das konnten die Staatsmänner und -frauen doch nicht zulassen! Rettet Quellermann! Das müßte man doch eine Bürgerinitiative gründen. Rettet Quellermann! Da muß man doch was tun! Total aufgelöst kam er zuhause an. In seinem Kopf riefen tausend Stimmen: RETTET QUELLERMANN!

Er öffnete die Haustür, schlich sich in sein Zimmer im ersten Stock, warf sich aufs Bett und murmelte nur noch leise „Rettet Quellermann“.

Er hatte sich doch schon so auf die Mädels in der Herbst/Winterkollektion gefreut. „Gemeinheit“, murmelte er. Dann schlief er ein.

In dieser Nacht kümmerten sich seine Nachtmahre besonders intensiv um Karfunkel.

Er wanderte im dunklen Nebel ziellos umher und folgte seinem Gefühl und den Käuzchenschreien. Und plötzlich stand er ganz allein am Grab seiner Mutter. Bei diesem Anblick  vergoß er einige Tränen, dann mehr Tränen und schließlich Hektoliter von Tränen. So viel Wasser floß aus seinen Augen, daß er innerhalb kürzester Zeit fast vollkommen ausdörrte. Als er sich fragte, ob er jetzt sterben würde, öffnete sich plötzlich gewaltsam die Erde, aus der zwei knöcherne Hände heraus stießen und sich um seine  Fußgelenke klammerten. Er wollte wegrennen, doch so sehr er sich auch mühte, kam er nicht vom Fleck. Es blitzte und donnerte, und seine Tränen mutierten zu einem schlimmen Starkregen. Pitschnass versuchte er, sich aus der Umklammerung zu reißen. Doch vergebens.

Da schoß ein greller Blitz direkt in den marmornen Grabstein und spaltete ihn in der Mitte zwischen Kar und funkel. Aus dem Innern tauchte der Kopf seiner Mutter auf, hager und bleich, die tief liegenden Augen nach unten gewandt. Langsam bewegten sich die Augen auf ihn herauf, ihr Mund öffnete sich leicht und mit tiefer, monotoner Stimme klagte sie ihn an.

„Sieh, du mißratener Bengel. Sieh, was du getan hast. Wegen dir liege ich hier. Und überhaupt: WAS HAST DU MIT MEINEM GELD GETAN?“

Klitschnass und zitternd wachte Karfunkel auf. Er sah sich im Zimmer um und war glücklich, dies alles nur geträumt zu haben. Beruhigt drehte er sich im Bett um und schlief sofort wieder ein.

Allerdings nur, um an der gleichen Stelle weiterzumachen. Seine Mutter hatte sich modrig auf ihn gestürzt, und hielt ihn diesmal an den Handgelenken fest. „Glaubst du, du kannst dich einfach so aus dem Staub machen, du Rotzlümmel. Du gehst erst dann, wenn ich es dir erlaube. Vergiß nicht, daß ich dir eine Aufgabe gegeben habe.“

„Welche Aufgabe?“ wimmerte Karfunkel leise.

„Welche Aufgabe? Weiß der Herr nichts mehr? Du solltest dich doch um meine Kokosmakrone kümmern. Jetzt aber schleunigst. Ich will Ergebnisse sehen, gell? So und jetzt kannst du gehen. Bis morgen dann. Ich glaube, ich kriege jetzt einen Herzanfall!“

Mit diesen Worten verschwand seine Mutter wieder nach unten, und die Erde schloß sich.hinter ihr. Auch der Stein wuchs wieder zusammen. „Bis morgen dann“ wiederholte eine Stimme hinter ihm. Erschrocken blickte er sich um und sah Frau Motte mit Ihrem Stenoblock, nur in ihrer Unterwäsche. „Wann brauchen Sie das Protokoll?“ fragte sie ihn.

„Gar nicht, vergessen Sie's“ antwortete er, während sie sich bereits auflöste, jedoch gleich wieder erschien und ihm einen dicken Katalog reichte. „Ach ja. Hatte ich fast vergessen. Post für Sie. Der neue Quellermann-Katalog“. Dann verschwand auch sie endgültig.

Da stand er nun inmitten einer fürchterlichen Nacht auf dem Friedhof und hielt seinen heißgeliebten Katalog in Händen. Behutsam schützte er ihn vor den letzten Regentropfen. „Rettet Quellermann“, dachte er sich. „Es hat also doch was genutzt zu beten“.

Er suchte sich einen geschützten Platz, um einen ersten Blick hineinzuwerfen. Er ließ sich schließlich auf weichen Moos nieder, und der Mond erhellte den Katalog in seinen Händen. Vor Aufregung zitternd öffnete er ihn.

Bestürzt blickte er auf die Seiten, blätterte weiter und weiter und weiter. Blankes Entsetzen übermannte ihn. Er ging zurück auf die ersten Seiten, begann zu lesen, ging auf die letzten und überflog das Ende.

Das war das Ende.

Ihm war schlagartig klar, daß es sich bei den 700 Seiten in seinen Händen um den Kreditvertrag zur Finanzierung des Katalogdrucks handelte. Erstellt von ebenso vielen Volljuristen, die auch den Tatbestand der Seitennummerierung noch juristisch klären mußten. Und schließlich hatte die Druckerei auch noch die Dokumente verwechselt und das juristische Traktat an Millionen von Quellermann-Kunden gesandt.  „Oh Gott“, jammerte Karfunkel, „und nicht ein Mädel. Wahrscheinlich hat Liebig das wieder versemmelt,“ dachte er sich.

Den Rest der Nacht träumte er von Hunderten von Mädels auf der Suche nach der Herbst/Winter-Mode und umher irrenden Juristen auf der Suche nach einer juristisch korrekten Definition von Herbst/Winter-Mode, die sie in Ansätzen nach 1200 Seiten auch fanden.

Aber auch Karfunkel fand keine wirkliche Ruhe mehr. Selbst im Traum murmelte er nur noch „Au weia!“

 


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Stand: Dienstag, 18. Februar 2014