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Ist Hypochondrie sehr ansteckend?  

Der jüngst einberufene Kongreß zum Thema „Hypochondrie: wie kann man sich vor Ansteckung schützen?” hat die Beantwortung der ernstesten Frage dieses Jahrhunderts weiterhin offen gelassen. Aufgrund plötzlicher schwerer Erkrankung sämtlicher gemeldeter Teilnehmer mußte das Symposium auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Alle schrieben mit zittriger Schrift an den ebenfalls erkrankten Veranstalter, daß wohl so bald nicht mehr mit ihnen gerechnet werden könne.

Mein Freund Jürgen, beispielsweise, war neulich auch wieder einmal äußerst angeschlagen  vor der längeren Autofahrt. Ich fand zwar, daß er aussah wie immer, aber er bestand auf glasigen Augen und einem bleichen Gesicht, was auch auf die Bierchen zurückgeführt werden könnte, die wir am Abend zuvor gemeinsam gekippt hatten. Jürgen mußte in seinem Zustand dennoch fahren, denn wie soll man sich schließlich sonst von seinem Siechtum ablenken? So bestand der größte Teil der Fahrt eher im Blick in den Rückspiegel, den er auf sich gerichtet hatte. Bin ich schon tot? Werden meine Mandeln jeden Moment immer roter und geschwollener? Ersticke ich gleich und kann ich mir das ansehen? Wir sind doch angekommen, und Jürgen konnte sich mit Schnäpsen desinfizieren.

Detlefs Wohnung ist vollgestopft mit Medikamenten, die er unbedingt ständig braucht. Zum Überleben. Vor allem die Berge an Beruhigungspillen und Vitaminpräparaten, die man als Sachbearbeiter in der mittleren Beamtenlaufbahn beim Staat so braucht. „Wissen Sie, der Streß!“ Böse Zungen behaupten, er würde eines Tages an einem Druckfehler im Beipackzettel sterben.

Thorsten hat schon das vierte Fieberthermometer zurückgebracht. Auch dieses müsse kaputt sein, es zeige nämlich sein hohes Fieber nicht an.

Karl hat sämtliche Kurzruftasten an seinem Telefon mit den Ärztlichen Notdiensten, Apotheken, Krankenhäusern, Kliniken, Rettungshubschraubern und Beerdigungsinstituten in seiner unmittelbaren Nähe programmiert. Ihm kann nicht mehr viel passieren.

Apropos Beipackzettel, mit ihrem unerschöpflichen Quell bislang unbekannten Siechtums: Georg gehört zu den bemitleidenswerten Kreaturen, die immer sämtliche Symptome haben, die dort aufgeführt werden. Urplötzlich. Und dann braucht er auch dringend das Präparat. Sein Schicksal ist, daß ausgerechnet bei ihm alle Risiken und Nebenwirkungen auftreten, die das Papier als seltene Möglichkeit andeutet. Sieht der arme Georg beispielsweise auch nur einen Bericht über Schweinepest, schon hat er sie. Neulich verfolgte er einen Bericht im Fernsehen zum Thema ‚Gehirn‘. Seitdem ist er überzeugt, daß auch er eins haben könnte.

Peters Pickel sind eindeutig bösartige Abszesse, Karls Parodontose erste Anzeichen von Lepra, Theos eingewachsener Zehennagel selbstverständlich Fußzehengrippe, Karls einsetzende Weitsichtigkeit beginnender ‚Morbus Stevie Wonder‘ und Friedhelms Haarausfall erstes sichtbares Ergebnis der Atomtests. „Beginnt nicht Aids mit diesem leichten Hüsteln?“ fragt sich Norbert.

Hart sind sie schon, die tragischen Leidensgeschichten meiner Freunde und Bekannten. Die Magengeschichten von Onkel Karl, die Sehnenscheidengeschichten von Vetter Friedhelm und die schreckliche Migräne von Eberhard nach einer durchzechten Nacht.

Und die Frauen? Sie leiden auch, doch stiller und vehementer. Quantitativ liegen wir eindeutig vorn, was aber nicht heißt, daß Katharinas schrecklicher Ischias und Tines Schulterleiden auf die leichte Schulter zu nehmen wäre. Aber im Gegensatz zu uns begeben sie sich augenblicklich in den eigenen Heilungsprozeß. Da wird sofort nach einem uralten Rezept aus der vorletzten „Frau am Herd“ Pflanzensaft zu Salbe in der heimischen Küche verarbeitet, während der Sportschau abgekocht und in handliche 5Liter-Eimer abgefüllt. Dann haben wir für alle guten Freunde auch gleich schon ein Geschenk. Sämtliche Rezepte dieser und vergangener Jahrhunderte werden ausprobiert. „Aus dem Klosterbüchlein von Schwester Hildegard”, „Schwarze Magie für Anfänger”, „Caligaris Kabinett der Fettnäpfchen”... nichts bleibt unversucht. Wenn sich erst eine Frau einer Aufgabe verschrieben hat, dann Gnade Gott ihrem Mann!

Die Männer weisen sofort jedes Anerbieten derartiger Heilmittel von sich, da sie in ihrem fortgeschrittenen Zustand leider nicht mehr helfen würden. Unisono schwören sie, daß es am besten wäre  sozusagen als letzte Mahlzeit  Bier, Schnaps ,Wein, Chips, Pommes Frites sowie möglichst viele Zigaretten zu sich zu nehmen. Das (so die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft) helfe eindeutig gegen Cholesterin, Schrumpfleber und Prostata.

Schon mal versucht, dem Leidensweg unserer maladen Freunde zu entkommen? Vergiß es! Nehmen wir beispielsweise einmal Manfred, dessen Abwehrkräfte immer schwächer werden. Täglich liest er uns aus den Unter­suchungs­berichten seiner wechselnden Hausärzte, Internisten, HNO-Ärzte, Urologen, Allergologen, Astrologen, Zahnärzte, Heilpraktiker und Geistheiler vor. Wenn wir mal nicht zu Hause sind, finden wir garantiert die neuesten Daten auf unserem Anrufbeantworter vor, natürlich mit beleidigtem Unterton. Denn wie können wir uns auswärts vergnügen, wenn er jeden Moment... Ist er bei uns zu Besuch, wissen wir, wie der Abend ablaufen wird. Eine einzige falsche Frage, und wir haben Gesprächstoff für den ganzen Abend. Im Zweifelsfalle aber liefert er das Stichwort selbst. Die eindeutige, Gänsehaut erzeugende Frage lautet: „Habe ich euch eigentlich schon erzählt, was mir der Arzt heute erzählt hat?”

Sage „nein“, und er wird dir seinen Leidensweg seit seiner Geburt erzählen. Sage „ja“, und das Ergebnis wird das selbe sein. Unser Schicksal ist sein Schicksal.

Widersprechen möchte man natürlich auch nicht. Bei Manfreds schwerer Krankheit muß man vorsichtig sein.

Es ist schon komisch, wenn sich plötzlich der Freundeskreis verkleinert. Jaja, Krankheit macht einsam. Erst hören die sogenannten Freunde einem noch stundenlang zu, und dann ziehen sie sich zurück. Und so bleibt am Ende der kleine Kreis der Schwerinvaliden, der sich über das Unverständnis der Ärzte von heute Geschichten erzählt.

Dabei wissen die alle gar nicht, was Krankheit wirklich bedeutet. Zum Glück sind wir schon am Ende, ja, am Ende! Gerade fühle ich wieder dieses rätselhafte Ziehen im Bauch, deren Ursache mir die Ärzte einfach verschweigen. Bis zum nächsten Mal. Oder besser: Adieu!

 


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Stand: Donnerstag, 24. Februar 2011